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Der militärische Sieg über den „Islamischen Staat“ und seine Folgen: Was kommt nach dem „Kalifat“ des IS?

Thorsten Hasche |  23. Oktober 2017 |   |  Drucken

[analysiert]: Thorsten Hasche zu den Nachwirkungen des IS-„Kalifats“ und neuen Herausforderungen für die westliche Staatengemeinschaft

Der selbst ernannte „Islamische Staat“ (IS) und seine Anhänger hielten auch 2017 die europäischen Länder mit tragischen und verlustreichen Terroranschlägen in Atem. In seinen syrischen und irakischen Kerngebieten verliert der IS jedoch weiterhin stark an Boden. Jüngst büßte er die territoriale Kontrolle über seine selbst ernannte Hauptstadt Rakka in Syrien ein.[1] Zunächst lässt sich also schlussfolgern, dass der IS mit der Einrichtung seines „Kalifats“ (wörtlich: Amt des Stellvertreters des Gesandten Gottes, d.h. des Propheten Mohammed) gescheitert ist. Dennoch ist weiterhin unklar, welche regional- und geopolitischen Folgen diese Niederlage nach sich ziehen wird.

In diesem Blog erörterte bereits am 15. September 2017 Behrouz Khosrozadeh die aktive Rolle, die der schiitische Iran bei der Bekämpfung der sunnitischen Dschihadisten des IS spielte und weiterhin spielt.[2] Aufgrund der erbitterten Gegnerschaft zwischen Israel, Saudi-Arabien und dem Iran sowie der härteren Gangart der USA gegenüber dem Iran werde laut Khosrozadeh der Nahe Osten auch nach dem IS nicht zur Ruhe kommen, sondern zukünftig von den regionalen Machtambitionen des Irans geprägt sein.[3]

Dieser Beitrag bezieht eine vergleichbare argumentative Position, geht also nicht davon aus, dass die politischen und militärischen Maßnahmen des westlichen Verteidigungsbündnisses gegen dschihadistische Terrorgruppen nach der territorialen Zurückdrängung des IS an ihr Ende gelangt sein werden. Durch das Aufzeigen, was das welthistorisch Einmalige der Ausrufung eines Kalifats durch den IS ausmachte und welche Formen von Protostaatlichkeit sowie ideologische Neuerungen durch ihn hervorgebracht worden sind, wird sichtbar werden, welche sicherheitspolitischen Herausforderungen die europäischen Staaten auch zukünftig zu erwarten haben.

Was emulierte der dschihadistische Kampfverband des IS, als er durch seinen Anführer Abu Bakr al-Baghdadi (*1971) am 4. Juli 2014 in der Großen Moschee von Mossul das Kalifat ausrufen ließ? Der IS und sein nach dem ersten rechtsgeleiteten Kalifen Abu Bakr (573–634) benannter Emir al-Baghdadi gaben ihrem dschihadistischen Staatsbildungsprojekt damit den Anspruch und gleichermaßen die Legitimation, über die alleinige und autoritäre Vertretung aller Muslime weltweit zu verfügen. Dabei gilt zu beachten, dass das weltgeschichtlich letzte Amt des Kalifen, vertreten durch Abdülmecid II (1868–1944), im März 1924 abgeschafft worden ist. 1922 kam es bereits zur Annullierung des Sultanats (des politischen Herrschaftsamts der Osmanen); und 1923 wurde die Republik Türkei gegründet und das Osmanische Reich formal aufgelöst. Ebenfalls 1924 gründete die Große Nationalversammlung der Türkei das Präsidium für Religionsangelegenheiten und initiierte damit einen vollständigen Säkularisierungsprozess der jungen türkischen Republik nach europäischem Vorbild.[4] In den Worten eines zeitgenössischen Beobachters wird die Bedeutsamkeit dieser Auflösung des Kalifats besonders deutlich:

„For four hundred years the Sultan of Turkey was accepted, not as the active ruler over Islam, but as its representative in its wars and conflicts with the Christian West. […] To the leaders and to the crowd the disturbing element in the recent events is, not that the Caliphate is leaving Turkey, but that the most powerful and most advanced Moslem state should denounce it as effete and as an obstacle to progress, and should proclaim its abolition.“[5]

Der IS reklamierte für sich also nicht bloß die Gründung eines eigenen Staates, sondern die Wiedererrichtung des islamischen Kalifats und damit des traditionellen politisch-religiösen Herrschaftssystems der Muslime. Es war somit eine bewusste und in Bezug auf das Mobilisierungsvermögen überaus erfolgreiche Selbstdarstellung dieses dschihadistischen Protostaates, der in den nachfolgenden Jahren viele tausend Kämpfer und Unterstützer aus nahezu allen Gebieten mit einem signifikanten muslimischen Bevölkerungsanteil anzuwerben vermochte.

Aufgrund des massiven lokalen, regionalen und globalen militärischen Widerstandes ist diese Wiedererrichtung eines physisch existenten, territorial gebundenen Kalifats zwar gescheitert; dennoch handelte es sich um das bislang erfolgreichste dschihadistische Staatsgründungsprojekt der Geschichte, das enormen weltpolitischen Einfluss hatte. Der massive Zustrom an Personen, die für den IS kämpfen oder ihn unterstützen, fand seinesgleichen höchstens in der Anziehungskraft des sogenannten afghanischen Dschihad, also des transnational organisierten Widerstands gegen die sowjetische Invasion Afghanistans der Jahre 1979–88. Die temporäre Gebietskontrolle der Jahre 2014–16 sowie die massiven Einnahmen aus Ölverkauf, Menschenhandel, Erpressung und Kunstraub hatten jedoch Dimensionen erreicht, die zuvor von noch keinem dschihadistischen Kampfverband erzielt worden waren.[6]

Zusätzlich muss betont werden, welchen massiven ideologischen Einfluss der IS bis heute auf das Universum dschihadistischer Propaganda hat. Sein von apokalyptischen Vorstellungen geprägter, in der Rigidität seiner Auslegung salafistisch durchtränkter Dschihadismus setzt auf extrem anti-schiitische Positionen, die vollkommene Ausgrenzung aller übrigen Glaubensformen des Islam und unbedingte Loyalität seiner Gefolgsleute. Auch hat die Protostaatlichkeit des IS umfangreiche doktrinäre Neuerungen in den Bereichen Organisation und Verwaltung, Finanzen, Kriegsführung und Gewaltlegitimation sowie hinsichtlich der Rolle von Frauen in dschihadistischen Kampfverbänden hervorgebracht. Zwar sind auch andere Kampfgruppen wie bspw. die vielen Ableger der al-Qaida oder Boko Haram weiterhin über ihre Medienzentralen, Soziale Medien und eigene Prediger aktiv – aber im Kampf um die ideologische Vorherrschaft im transnationalen Dschihadismus hat sich der IS mit äußerster Radikalität an die Spitze gesetzt.[7]

Was folgt aus diesen organisatorischen wie auch semantischen Neuerungen durch den IS und sein letztlich gescheitertes Kalifat für die Zukunft des Dschihadismus? Die zukünftige Bedrohung durch dschihadistische Milizen à la IS liegt darin, dass diese sich entweder durch direkte gewaltsame Aktionen – wie etwa regionale Aufstände bzw. einzelne Terroranschläge – oder durch die Bereitstellung einer adaptiven sowie hochgradig gewalttätigen Ideologie des unnachgiebigen Kampfes für die „Sache des Islam“ in gesellschaftlichen Konfliktherden vieler Gebiete mit signifikantem muslimischen Bevölkerungsanteil einnisten, um jene weiter anzufachen.[8] Die zentrale innerislamische Konfliktlinie liegt dabei in der weiterhin umkämpften konfessionellen Spaltung in Sunniten und Schiiten, die sich am stärksten im regionalen Wettstreit zwischen Saudi-Arabien und Iran sowie auf den Schlachtfeldern Syriens und des Jemen widerspiegelt.[9]

Außenpolitisch sind die militärischen und politischen Möglichkeiten der Einflussnahme der westlichen Staaten auf die Entwicklung von Nordafrika über Westasien bis nach Zentralasien eingeschränkt wie noch nie seit dem Beginn militärischer Interventionen nach „9/11“. Die USA bleiben zwar präsent und haben sich auch unter der Trump-Administration keineswegs vollständig aus dem „Greater Middle East“ (George W. Bush) herausgezogen. Aber die vergleichsweise geringen militärischen Kapazitäten der europäischen Staaten und die neu entfachte Rivalität mit Russland schwächen die Position des westlichen Verteidigungsbündnisses deutlich. Nimmt man abschließend in den Blick, wie sehr dschihadistische Kampfgruppen in der Lage sind, Staatlichkeit in Nordafrika und Westasien erodieren zu lassen, ist für die Staaten Europas nach dem gescheiterten „Arabischen Frühling“ daher eine effektive Integrations-, Migrations- und koordinierte Sicherheitspolitik das Gebot der Stunde.[10]

Dr. Thorsten Hasche ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Dort forscht und lehrt er im Schnittfeld der Internationalen Politischen Theorie.

[1] Vgl. Kniewel, Jan-Niklas/Issa, Ain: Rakka, Stunde null, in: Neue Zürcher Zeitung, 21.09.2017, URL: https://www.nzz.ch/international/rakka-stunde-null-ld.1317551 [eingesehen am 27.09.2017].

[2] Vgl. Khosrozadeh, Behrouz: Nach dem Zusammenbruch des Islamischen Staates (IS) werden die Hoffnungen auf Entspannung und Ruhe im Nahen Osten verblassen, in: Blog des Göttinger Instituts für Demokratieforschung, 14.09.2017, URL: http://www.demokratie-goettingen.de/blog/nach-dem-zusammenbruch-des-islamischen-staates-is-werden-die-hoffnungen-auf-entspannung-und-ruhe-im-nahen-osten-verblassen [eingesehen am 27.09.2017].

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. den Überblick des führenden Regionalhistorikers Schulze, Reinhard: Geschichte der islamischen Welt. Von 1900 bis zur Gegenwart, München 2016, S. 105–117.

[5] Yale, Alun: The Future of the Caliphate, in: The Muslim World, Jg. 14 (1924), H. 4, S. 342–352, hier S. 342.

[6] Belege finden sich bei Günther, Christoph/Kaden, Tom: Mehr als bloßer Terrorismus: Die Autorität des „Islamischen Staates“ als soziale Bewegung und als Parastaat, in: Zeitschrift für Politik, Jg. 63 (2016), H. 1, S. 93–118 und Lia, Brynjar: Jihadism in the Arab World after 2011: Explaining Its Expansion, in: Middle East Policy, Jg. 23 (2016), H. 4, S. 74–91.

[7] Dies analysieren detailliert Lohlker, Rüdiger: Theologie der Gewalt. Das Beispiel IS, Wien 2016 und Maher, Shiraz: Salafi-Jihadism. The History of an Idea, Oxford 2016.

[8] Vgl. die Berichterstattung nach Pabst, Volker: Warum der Islam in Südasien nicht zum Feindbild taugt, in: Neue Zürcher Zeitung, 22.09.2017, URL: https://www.nzz.ch/international/zum-zusammenleben-verdammt-ld.1317765 [eingesehen am 27.09.2017].

[9] Dies wird sehr ausführlich behandelt bei Abdo, Geneive: The New Sectarianism. The Arab Uprisings and the Rebirth of the Shi’a-Sunni Divide, New York 2017.

[10] Vgl. die durchaus provokanten, aber öffentlichkeitswirksamen und lehrreichen Überlegungen von Koopmans, Ruud: Assimilation oder Multikulturalismus? Bedingungen gelungener Integration, Münster 2017 und Mansour, Ahmed: Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen, Bonn 2016.


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