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Der „Mayor of Castro Street“

Karin Schweinebraten |  4. Februar 2015 |   |  Drucken

[kommentiert]: Karin Schweinebraten über San Franciscos Stadtteil The Castro und den Aktivisten Harvey Milk

Als ich mich im letzten Jahr für eine Reise nach San Francisco aufmachte, erwartete ich eine hügelige Stadt im Nebel, geprägt von einer gewissen Hippie-Atmosphäre und dem für Kalifornien typischen liberalen Freigeist. Eine weitere Besonderheit der sogenannten City by the Bay wurde mir erst nach einigen Wochen bewusst: In San Francisco spielte und spielt Homosexualität eine besondere Rolle. Vor allem im Stadtteil The Castro[1] im Zentrum der Halbinsel wird besonders offen und ungezwungen mit Homosexualität umgegangen. Tagsüber fallen hier das Meer von Regenbogenflaggen[2] und viele gleichgeschlechtliche Paare in Bars und Cafés ins Auge, abends die ausgefallenen und freizügigen Ausgehoutfits. Jenseits dieser Bestandteile homosexueller Stadtkultur findet man hier eine Reihe interessanter Hinweise auf den schwulen Befreiungskampf im Amerika der 1970er Jahre und seinen bis heute prominentesten Vorkämpfer: Harvey Milk.

Mitten im Zentrum von The Castro befindet sich das überaus populäre Twin Peaks, wahrscheinlich die erste öffentlich bekannte Bar für Homosexuelle. Die in den frühen Siebzigern von zwei lesbischen Frauen umgebaute Taverne ist der erste Blickfang in The Castro, wenn man mit öffentlichen Verkehrsmitteln ankommt, dementsprechend zentral ist die Bar für die Bewohner des Viertels und deren Besucher. Doch die beiden damaligen Besitzerinnen wollten nicht einfach nur eine Bar für Homosexuelle eröffnen, sie wollten auch dem gesellschaftlichen Versteckspiel ein Ende setzen, indem sie das Twin Peaks mit großen Fenstern ausstatteten – obwohl man als Homosexueller zu jener Zeit beispielsweise noch um seine Arbeitsstelle fürchten musste.[3]

Cafe "Twin Peaks" in Sanfranciscos Stadtteil "The Castro"Das „Twin Peaks“ in San Francisco*

Noch immer ist Offenheit das Motto des bunten Viertels; so findet man mitten auf der Hauptstraße zwei Sexshops, freizügige Party-Plakate, ein Schild mit „We buy porn“[4] in einer Seitenstraße. Äußerst beeindruckend finde ich die offenherzigen Puppen im Fenster des Hauses an der Ecke 18th und Castro Street: Jede Puppe soll für eine bestimmte Gruppe stehen, die besonders für die Akzeptanz von Homosexualität kämpfen musste, wie zum Beispiel die Soldaten der US-Army.[5]

Schaufensterpuppen in der 18th StreetSchaufensterpuppen in der 18th Street*

Das Viertel weckte mein Interesse. So begann ich mich mit der Geschichte von Menschen, die in den 1970ern unerbittlich für die Rechte der Homosexuellen kämpften,[6] zu beschäftigten. Schnell stieß ich hierbei auf Harvey Milk, dessen Name fast immer in einem Atemzug mit The Castro genannt wird. Milk ist die Legende des Viertels schlechthin; der Platz vor der dortigen Straßenbahnstation wurde nach ihm benannt, auch gab es gar Überlegungen, den Flughafen San Franciscos nach ihm zu benennen.[7] Sein Haus, welches direkt in der Castro Street liegt, ehrt ihn mit einer Gedenktafel und seinem Konterfei an der Hausfassade,[8] darunter steht sein bekanntes Zitat „You gotta give ʼem hope.“[9]

GedenktafelGedenktafel für Harvey Milk in der Castro Street*

Milk erkannte in der High School, dass er schwul war, schwieg jedoch lange Zeit über seine sexuelle Präferenz und sein Privatleben. Als er als Erwachsener radikale Schwule in Greenwich Village in New York City kennenlernte, begann er der Diskriminierung müde zu werden und sich für das Gay Rights Movement zu interessieren, welches seinen historischen Ursprung in der 1924 gegründeten Society for Human Rights hat und vor allem durch die Stonewall Riots[10] vom 28. Juni 1969 zu einer USA-weiten Bewegung wurde.[11] 1972 beschloss Milk mit seinem Partner Scott Smith, New York den Rücken zu kehren und nach San Francisco zu ziehen.[12] Dort eröffnete er nicht nur das Fotogeschäft Castro Camera, das zum beliebten Treffpunkt für Schwule avancierte (und in dem später, erneut symbolisch für Milks Erbe, die Human Rights Campaign[13] ihren Sitz haben sollte), sondern wurde aufgrund von Spannungen mit konservativen Unternehmern auch Mitbegründer der Initiative Castro Village Association.[14]

Gleichzeitig begann Milk sich intensiv mit Politik zu beschäftigen und sich zu engagieren. Nach gescheiterten Anläufen in den Jahren 1973 und 1975 – man begegnete ihm mit den Worten: „Es ist noch nicht an der Zeit für einen schwulen Supervisor“ – gelang es ihm 1978, ein Mandat im Stadtparlament, dem San Francisco Board of Supervisors, zu erreichen. Damit wurde Milk zu einem der ersten öffentlich schwulen Amtsträger in den Vereinigten Staaten.[15] Seine mitreißenden Reden verliehen den Bewohnern von The Castro Hoffnung, dass die Diskriminierung gegen Homosexuelle ein Ende finden könnte. Von seinen Unterstützern wurde er deshalb liebevoll als Mayor of Castro Street tituliert. Die eindrucksvolle Filmbiografie „Milk“ mit Sean Penn und James Franco zeichnet diese Zeit äußerst gelungen nach.

Doch nach nicht einmal einem Jahr im Amt und dem erbitterten Kampf gegen die Proposition 6, eine Initiative, welche sich gegen homosexuelle Angestellte in öffentlichen Schulen wendete, fiel Milk einem Attentat zum Opfer. Zusammen mit seinem Unterstützer, dem Bürgermeister George Moscone, wurde Milk am 27. November 1978 im Rathaus von San Francisco ermordet. Täter war Opponent Dan White, der konservative Werte vertrat, gegen die Proposition 6 kämpfte und unter anderem aufgrund von Differenzen mit Milk sein Mandat im Board of Supervisors aufgegeben hatte. Der Prozess gegen White stellt eine dunkle Stunde für San Francisco und das US-amerikanische Rechtssystem dar, denn er wurde lediglich wegen Totschlag im Affekt und nicht wegen Mordes verurteilt.[16]

Fotostrecke zum Stadtteil The Castro*

Überraschenderweise war sich Milk immer sicher gewesen, dass seine politische Karriere einmal gewalttätig enden würde, so beginnt eine seiner bekanntesten Biografien „The Mayor of Castro Street“ von Randy Shilts mit folgendem Zitat: „If a bullet should enter my brain, let the bullet destroy every closet door.“[17] Sein Tod, so hoffte er, sollte jedoch nicht auch das Ende der homosexuellen Bewegung bedeuten, sondern, im Gegenteil, eine Motivation zum Weiterkämpfen sein, sodass kein Mensch mehr Angst haben müsse, die eigenen sexuelle Präferenz zu bekunden.

Am Abend seiner Ermordung versammelten sich vierzigtausend Menschen vor dem Rathaus,[18] um dem populären Kämpfer für die Rechte der Schwulen zu gedenken. Die Redner – so schildert es Milks Biograf Shilts – entschuldigten sich dafür, dass der ebenfalls geschätzte ermordete Bürgermeister Moscone nahezu keine Beachtung bei den Trauerbekundungen finde; jedoch habe dieser den Versammelten Führung gegeben, Harvey Milk hingegen habe ihnen als der landesweit erste öffentlich schwule Stadtbeamte einen Traum vorgelebt.[19] Für Milk selbst war die wichtigste Aufgabe als Amtsträger den Menschen Hoffnung zu schenken.[20]

Milk ist in The Castro bis heute ein Symbol der Hoffnung. Seine Geschichte erinnert daran, dass es sich für die eigenen Rechte zu kämpfen lohnt. Obwohl die USA und vor allem San Francisco hinsichtlich der rechtlichen Gleichstellung von Homosexuellen seit den späten Siebzigern einen weiten Weg zurückgelegt haben, ist das Gay Rights Movement noch lange nicht am Ziel angekommen, wie zahlreiche Selbstmorde homosexueller Jugendlicher bitter verdeutlichen.[21] Trotzdem behalten die Bewohner des bunte Viertels ihre positive und freiheitsliebende Haltung bei.

Karin Schweinebraten arbeitet als studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Benannt nach dem dort zentral gelegenen Castro Theatre. Siehe Bildergalerie.

[2] Siehe Bildergalerie.

[3] Lagos, Marisa: Twin Peaks Tavern. Gay bar, historic landmark, in: SF Gate, URL: http://www.sfgate.com/politics/article/Twin-Peaks-Tavern-gay-bar-historic-landmark-4208442.php [eingesehen am 19.01.2013].

[4] Übersetzt: „Wir kaufen Pornografie.“

[5] Auch heterosexuelle Verbündete und die BDSM-Szene, die in der berühmt-berüchtigten Folsom Street in San Francisco ihren Ursprung hat, werden durch Puppen repräsentiert. Siehe Bildergalerie.

[6] Homosexualität wurde als Geisteskrankheit angesehen. Außerdem gab es in Kalifornien das „Anti-Sodomie-Gesetz“, unter welches auch Homosexualität fiel. Nachzulesen unter „Harvey Milk Biography“, URL: http://www.biography.com/people/harvey-milk-9408170 [eingesehen am 11.11.14].

[7] Vgl. Lagos, Marisa: Campos wants Harvey Milk’s name on SFO. Supervisor suggests honor for slain gay rights symbol, in: SF Gate, URL: http://www.sfgate.com/bayarea/article/Campos-wants-Harvey-Milk-s-name-on-SFO-4194091.php [eingesehen am 11.11.14].

[8] Siehe Bildergalerie.

[9] Übersetzt: Man muss ihnen Hoffnung geben.

[10] Vgl. Timeline. Milestones in the American Gay Rights Movement, URL: http://www.pbs.org/wgbh/americanexperience/features/timeline/stonewall/ [eingesehen am 15.01.2015]

[11] Vgl. „Harvey Milk Biography“, URL: http://www.biography.com/people/harvey-milk-9408170 [eingesehen am 11.11.14].

[12] Vgl. Shilts, Randy: The Mayor of Castro Street. The Life and Times of Harvey Milk, New York 1982, S. xvii.

[13] Kurz: HRC. Die größte Vereinigung für Schwulenrechte. Mehr Infos unter: http://www.hrc.org/the-hrc-story/about-us [eingesehen am 11.11.14].

[14] Die Vereinigung setze sich gegen den Boykott von homosexuellen Ladenbesitzern rund um die Castro Street ein, die Castro Merchants feierten 2014 ihr 44. Jubiläum, vgl. „Harvey Milk Biography“, URL: http://www.biography.com/people/harvey-milk-9408170 [eingesehen am 11.11.14].

[15] Vgl. Shilts, Randy: The Mayor of Castro Street. The Life and Times of Harvey Milk, New York 1982, S. 74.

[16] Für mehr Informationen zu dem Mord an Milk und Whites Prozess: Lindsey, Robert: Dan White, Killer of San Francisco Mayor, a suicide, in: The New York Times, 22.10.1985, URL: http://www.nytimes.com/1985/10/22/us/dan-white-killer-of-san-francisco-mayor-a-suicide.html [eingesehen am 19.01.2015] und McGonnigal, Jamie: ‚If a Bullet Should Enter My Brain‘: 33 Years Ago, in: Huffingtonpost, 28.01.2012, URL: http://www.huffingtonpost.com/jamie-mcgonnigal/harvey-milk_b_1114764.html [eingesehen am 19.01.2015].

[17] Übersetzt: Sollte ich eine Kugel in den Kopf bekommen, lass diese Kugel jede Schranktür zerstören. Im Englischen gibt es die Metapher „to come out of the closet“, was sich als homosexuell zu outen bedeutet.

[18] Siehe Bildergalerie.

[19] Vgl. Shilts, Randy: The Mayor of Castro Street. The Life and Times of Harvey Milk, New York 1982, S. xvi.

[20] Vgl. Ebd. S. xvi.

[21] Vgl. Gay Teen Commits Suicide: “The Kids At School Are Right, I’m A Loser, A Freak And A Fag”, in: Queerty, URL: http://www.queerty.com/bullied-gay-teen-commits-suicide-20130716 [eingesehen am 15.01.2015].

* Alle Fotos: Karin Schweinebraten.


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