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Der Kanzler und die Kunst

Yvonne Wypchol |  13. Oktober 2011 |   |  Drucken

[kommentiert]: Yvonne Wypchol über Willy Brandts Verhältnis zu Kunst und Künstlern

Unumstritten sind die Bewunderung und das Interesse, welche Willy Brandt als Mensch und Politiker zuteilwurden. Dies wird nicht nur anhand der Fülle an Literatur über ihn deutlich, sondern auch im Bereich der Kunst: Er zählt zu den am häufigsten porträtierten Staatsmännern der Bundesrepublik. Namenhafte Künstler setzten sich mit Brandt in einer Vielzahl von Gemälden, Plastiken und Grafiken auseinander. So blieb Brandt zum Beispiel der einzige deutsche Politiker, der vom Pop-Art-Künstler Andy Warhol verewigt und in dessen Sammlung von „Superstar-Portraits“ aufgenommen wurde. Aber auch Brandts eigene Kunstauswahl zeichnete sich durch einen caractère insolite aus. Bereits Brandts Politikstil war aufgrund seiner Emigration und journalistischen Tätigkeit von Weltläufigkeit geprägt. Und eben dies lässt sich auch in seiner Beziehung zur Kunst wiederfinden.

Es war eine gewisse Sensation, als Warhol Brandt 1976 mit seinen insgesamt fünf Siebdrucken in Acryl auf Leinwand abbildete. In den 1960er Jahren begann Warhol bekannte amerikanische Filmgrößen in knallfarbigen Bildserien darzustellen. Brandt, der sich ungern portraitieren ließ, willigte nur ein, da ein Exemplar versteigert und der Erlös an UNICEF gespendet werden sollte. Das Treffen beider verlief schnell und unspektakulär: „Warhol kam, traf den Staatsmann, fotografierte ihn und entschwand wieder.“[1] Der Künstler hatte nur diese Fotografien als Vorlage. In dem in den Popfarben Pink und Türkis gehaltenen Portrait ist ein leicht nach links geneigter Brandt – in vier Fassungen mit Zigarette in seiner linken Hand – zu sehen.

Diese nachdenkliche Raucherpose war eine typische und wiederzuerkennende Haltung des Politikers. Allerdings wollte Warhol weniger etwas über Brandt als Person aussagen, dies war zweitrangig. Den Pop-Art-Künstler interessierte vielmehr Brandts mediale Erscheinung. Denn bereits damals waren Brandts Charisma und seine Medienwirkung unübertroffen. Die damit verbundene Mythisierung Brandts ließen ihn für Warhol als Kunstobjekt spannend werden. Ihm ging es um die Verbindung von Medienelementen und -persönlichkeiten mit seiner Bildtechnik. Damit dies im Vordergrund stand, wurden Merkmale des Portraitierten auf ein Minimum reduziert, sodass die Individualität der Person in den Hintergrund rückte. Letztlich sollte es für den Abgebildeten eine Ehre sein, in Warhols Reihe aufgenommen zu werden; er selbst wurde als Star gefeiert und zeigte sich immer wieder gerne mit eben solchen.

Auch wenn Brandt bereits zu Lebzeiten ein beliebtes Kunstmodell war, so kam der Kunst in seinem Leben nur eine Nebenrolle zu. Er galt weder als besonders kunstsinnig noch als ausgesprochen künstlerisch interessiert und hielt sich mit Kommentaren und Einschätzungen diesbezüglich zurück. Gleichwohl zeigte er sich Künstlern gegenüber stets respektvoll, suchte zuweilen die Nähe zu ihnen und verursachte schließlich mit seiner Künstlerauswahl des Politikerportraits für die Kanzlergalerie eine öffentliche Diskussion.

Brandt hielt mit regelmäßigen Briefwechseln den Kontakt zu Künstlern. Beispielweise drückte er über Glückwunschschreiben und Danksagungen an Oskar Kokoschka, Mark Chagall und Max Ernst immer wieder seine Wertschätzung für deren Arbeit aus. Er lud zahlreiche Künstler wie auch Intellektuelle zu seinen Gartenfesten ins Kanzleramt ein. Denn Brandt hatte ein Interesse daran, „aus anderen, nicht politischen Bereichen viel zu erfahren.“[2] Er erhoffte sich dadurch, neue Einblicke in gesellschaftliche Fragen und Debatten zu erhalten. Neue Wege waren für Brandt auch in der Kunst wichtig.

Und so setzte er sich bereits 1972 für die Idee der Verpackungskünstler Christo & Jeanne-Claude ein, als diese den Reichstag verhüllen wollten. Trotz zahlreicher Ablehnungen von Seiten mehrerer Bundespräsidenten und nach jahrelanger Diskussion über die Angemessenheit dieser Künstleridee, wurde das Projekt schließlich 1994 genehmigt. Das war vor allem Brandt zu verdanken, der in diesem Kunstvorhaben eine Möglichkeit sah, deutsche Geschichte aufzuarbeiten und parallel den Symbolwert des Gebäudes zu vergegenwärtigen. Für Brandt stand dabei nicht die Kunst selber im Fokus seines Interesses, sondern das damit zusammenhängende historische Bewusstsein. Der fehlende öffentliche Zuspruch des Projekts in den 1970er und 1980er Jahren unterstrich, dass Brandt mit seiner Unterstützung Offenheit für ein derart modernes Projekt zeigte und in diesem Sinne seiner Zeit voraus war. Ähnlich erging es Brandt, als er sein Portrait für die Kanzlergalerie anfertigen ließ.

Im Jahr 1975 richtete Helmut Schmidt die Portraitgalerie ehemaliger Kanzler ein, damit die „Kontinuität der Demokratie in Deutschland [sichtbar gemacht werden konnte], die eine demokratische Nation zur Selbstfindung benötigt“.[3] Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und Kurt Georg Kiesinger hatten ein realistisch-konventionelles Abbild von sich anfertigen lassen. Als Brandt 1977 dann den abstrakten Künstler Georg Meistermann beauftragte, sein Politikerporträt für die Kanzlergalerie anzufertigen, brach er mit dieser konservativen Tradition der Kanzlerdarstellungen.

Brandt entschied sich damit bewusst gegen die naturalistische Darstellung. Er sah es nicht als falsch an, „die Reihe der Portraits durch eine Abweichung vom Konventionellen aufzulockern“.[4] Bereits zwischen den Jahren 1969 und 1973 hatte Meistermann Brandt gemalt. In einem Farbengewirr aus Strichen und Punkten waren Konturen von einer Hand mit Zigarette und Kopf erkennbar. Auf diese Weise versuchte Meistermann Brandts komplexe, vielseitige und schwierige Persönlichkeit widerzugeben und nannte sein Werk daher auch „Farbige Notizen zu einer Biografie“. Brandt gefiel diese normabweichende Darstellung. Aber auch aus persönlichen Gründen entschied sich Brandt für Meistermann als Porträtmaler: „Er [Meistermann] ist ein sehr politischer Mensch, voll freiheitlicher Ungeduld, Dinge zu verändern, die er als ungerecht empfindet. Außerdem hat uns die unterschiedliche, aber nachdrückliche Erfahrung mit der Naziherrschaft für das ganze weitere Leben geprägt.“[5] Ähnliche Erlebnisse ließen den sonst verschlossenen Brandt eine gewisse Nähe zu Meistermann aufbauen.

Auch das zweite Brandt-Portrait Meistermanns, diesmal für die Kanzlergalerie, wurde stark abstrakt und dadurch in seiner Aussage über Person und Lebensumstände unkonventionell.[6] Daher war es nicht verwunderlich, als eine öffentliche Diskussion über Form und Funktion, die einem solchen Politikerportrait offenbar zustünden, aufkam. Dem traditionellen Kunstverständnis nach sollte gerade das Portrait Ausdruck der herausgehobenen gesellschaftlichen Position sein, die sich mit einem elitären Lebensstil verbindet. Aber mit einem Bruch dieser Tradition und einem expressiven Malgestus insgesamt versuchte Meistermann, „etwas über die Person und deren lebendiges, handelndes Wesen auszudrücken, eben keine leere Hülle abzubilden, sondern das nicht Sichtbare, Menschliche festzuhalten, das Innere nach außen zu kehren.“[7]

Zunächst blieb Brandt hartnäckig. Doch aufgrund der öffentlichen Kritik und des Drucks aus dem Kanzleramt forderte er ein überarbeitetes Portrait von Meistermann. Aber auch danach fiel das Werk in der Öffentlichkeit durch. Die Presse urteilte „Brandt in Öl ohne Nase“ oder „Ölbild nach Säureanschlag“. Schließlich gab Brandt nach. Vielleicht auch, weil derartige Kommentare ihn an alte Diffamierungen erinnerten. Das unbeliebte Werk wurde 1985 aus der Kanzlergalerie entfernt und durch ein spätimpressionistisches Repräsentationsgemälde von Oswald Petersen ersetzt. Dies wurde damit begründet, dass Meistermanns Gemälde „stilistisch nicht in die Galerie [passe].“[8] Damit wurde der Übergang zwischen den naturalistischen Kanzlerdarstellungen zur zeitgenössischen Moderne vorerst aufgehoben.

Indem Brandt unkonventionelle Kunst unterstütze, überforderte er in gewisser Weise die Öffentlichkeit wie Gesellschaft. Denn, wie gesagt, mit seiner Offenheit war Brandt der damaligen Zeit voraus. Obwohl er nicht als Kunstkenner galt, konnte er sich doch auf neue und normabweichende Arbeiten einlassen – im Gegensatz zur Bonner Elite. Diese schien nach wie vor alten Kunstverständnissen anzuhängen. Nur in Bezug auf den Pop-Art-Künstler Warhol blieb eine öffentliche Kritik aus. Denn seine Werke galten selbst im bürgerlichen Milieu als chic. Dass Brandt in seinem Kunstverständnis von der damaligen Norm abwich, kann auf seine Weltläufigkeit zurückgeführt werden. Damit und mit seinem offenen Verhältnis zur Kunst grenzte er sich von seinem Herkunftsmilieu, der Arbeiterschaft, und vom Bürgertum gleichermaßen ab.

Yvonne Wypchol ist studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


[1] Langhans, Kai: Willy Brandt und die bildende Kunst, Bonn 2002, S. 58.

[2] Otto Herbert Hajek, zitiert nach Langhans, a.a.O. S. 12.

[3] Rühl, Bettina: „Du sollst mir ein Bildnis machen“, in: Stadtrevue Köln, H. 8, 1990, S.110-111.

[4] Willy Brandt, zitiert nach Langhans, a.a.O. S. 39.

[5] Willy Brandt, zitiert nach ebd., S. 38.

[6] Vgl. ebd., S. 26.

[7] Vgl. Langhans, a.a.O. S. 42.

[8] Vgl. Rühl, a.a.O. S. 110-111.


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