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Der harte Weg der Ministerpräsidentinnenkür

Bettina Munimus |  15. Juli 2010 |   |  Drucken

[analysiert]: Bettina Munimus über den Führungsstil von Politikerinnen und die Hürden auf dem Weg ins Amt der Ministerpräsidentin.

Heide Simonis war es lange Zeit, nun ist Hannelore Kraft die zweite sozialdemokratische „Landesmutter” Deutschlands geworden. – Ministerpräsidentin eines Bundeslandes zu werden, ist jedoch alles andere als einfach. Die ehemalige Landesvorsitzende und Spitzenkandidatin der hessischen SPD Andrea Ypsilanti, ehemalige Landesvorsitzende und Spitzenkandidatin der hessischen SPD ist 2009 daran spektakulär gescheitert. Dasselbe hatte zuvor auch Ute Vogt versucht. Die damalige SPD-Landeschefin in Baden-Württemberg war 2001 und 2006 als Kandidatin für das Amt der Ministerpräsidentin ins Rennen gegangen, verlor jedoch in beiden Anläufen. Ebenso vergeblich waren in den Jahren 1994 und 1998 die Versuche von Renate Schmidt in Bayern. Die zweite Ministerpräsidentin Deutschlands wurde im Oktober 2009 Christiane Lieberknecht, nachdem Dieter Althaus zurückgetreten war und dadurch eine Große Koalition in Thüringen ermöglichte. Allerdings musste der Landtag dreimal abstimmen, um die Christdemokratin schlussendlich zur Regierungschefin zu wählen.

Nach langem Sondieren und Taktieren ist nun Hannelore Kraft Regierungschefin einer von den Linken tolerierten rot-grünen Minderheitsregierung in Nordrhein-Westfalen geworden. Zur absoluten Mehrheit fehlte ihr eine Stimme, so dass die 49-Jährige erst im zweiten Wahlgang mit einfacher Mehrheit im Düsseldorfer Landtag gewählt werden konnte. Kraft ist jetzt die erste weibliche Führungskraft des Landes und die zweite Sozialdemokratin in der männlichen Machtbastion des Ministerpräsidentenamtes.

Zuvor war es lange Zeit nur der Sozialdemokratin Heide Simonis in Schleswig-Holstein geglückt, dieses Amt zu bekleiden. Simonis’ Karriere als erste Ministerpräsidentin in der Bundesrepublik begann und endete als Folge eines politischen Skandals. So phänomenal und unerwartet sie 1993 nach dem Rücktritt von Björn Engholm in Folge der „Barschel-Affäre” zur Regierungschefin gekürt wurde, so grotesk und ungeahnt war ihr Sturz im März 2005. Viermal stellte sie sich im Kieler Landtag zur Wahl, jedes Mal wurde ihr die entscheidende Stimme für die Mehrheit konsequent verwehrt.

Während Frauen in den letzten Jahren auf den verschiedensten Ebenen des politischen Systems vertreten waren und Deutschland nunmehr seit fünf Jahren von einer Bundeskanzlerin regiert wird, ist eine Ministerpräsidentin immer noch eine Ausnahmeerscheinung. Vor allem in den politischen Karrieren der SPD-Frauen Simonis, Ypsilanti und Kraft finden sich bemerkenswerte Parallelen: Relativ spät – mit Ende zwanzig, Anfang dreißig – wurden sie in der SPD aktiv. Nach einer gewissen Zeit, ohne sich selbst große Erfolgschancen zu versprechen, wurden sie als Kandidatinnen ihrer Partei aufgestellt oder sammelten Erfahrungen in der Ministerialbürokratie. Meist half ihnen ein männlicher Mentor dabei. Tunlichst waren sie darauf bedacht, nicht als Quotenfrauen abqualifiziert zu werden. Sie reüssierten, setzten sich gegen männliche Kollegen durch und konnten daraufhin sukzessiv den Weg nach oben beschreiten.

Das Erreichen der Spitze wurde allerdings häufig durch politische Skandale oder Wahlniederlagen männlicher Mitstreiter begünstigt, die daraufhin den „Trümmerfrauen” das Feld überließen. Es erscheint als Gesetzmäßigkeit: Bei der Besetzung machtvoller Führungspositionen, wie etwa die Spitzenkandidatur und den Vorsitz der Landespartei, kommen sie in aller Regel erst zum Zug, nachdem die Institution zuvor gründlich ins Wanken geraten ist.

Wie Simonis wurden – zumindest zu Beginn – auch Ypsilanti und Kraft eine durchsetzungsstarke Persönlichkeit attestiert. Sie kommen bei den Menschen auch deshalb gut an, weil sie als weibliche politische Führungskraft mit ihrem eloquenten, direkten und zuweilen auch knodderigen Mundwerk im regional kolorierten Dialekt authentisch und nahbar wirken. Jenseits dieser Eigenschaften scheinen sie jedoch beinahe auf bizarre Weise ein gemeinsames Schicksal zu teilen: Um die Macht zu erlangen, wählten sie den riskanten Weg.

Auch wenn die Vorbedingungen und Konstellationen der drei Sozialdemokratinnen unterschiedlich gewesen sein mögen, stand ihr politisches Aufstreben oder Scheitern auf der Basis einer hauchdünnen Mehrheit. Im Fall von Heide Simonis war es der Anfang vom Ende. Andrea Ypsilantis Karriere nahm ein desaströses Ende, bevor ihr Aufstieg erst richtig begonnen hatte. Die frisch gewählte Ministerpräsidentin Kraft hat die Beispiele ihrer Vorgängerinnen aus der eigenen Partei und auch das zähe Ringen um die Macht in Thüringen aufmerksam beobachtet, um nicht in ähnlich demütigender Weise von einem oder mehreren Widersachern aus den eigenen Reihen zur Strecke gebracht zu werden.

Die Negativ-Beispiele führen gleichwohl die besonderen Führungsqualitäten von Frauen für dieses Amt vor Augen. Sie müssen das Machbare nüchtern kalkulieren, Risiken bedachtsam einschätzen, Chancen konsequent nutzen. Frauen stehen nach wie vor unter besonderer Beobachtung, Missgunst und Schelte bei Fehlern schlägt ihnen strenger entgegen. Gerade deshalb müssen sie Unzufriedenheit und Kritik frühzeitig in den eigenen Reihen erspüren, Offenheit und Kooperationsbereitschaft demonstrieren und Vertrauen schaffen. Männer in der Politik unterstützen sich gegenseitig in Seilschaften, die Ressourcen und Kompetenzen für den Machterwerb sind meist in ausschließlichen Männerbündnissen zusammenlegt. Frauen dagegen scheint es schwer zu fallen, Netzwerke zu spinnen. In Führungsebenen, sei es in der Wirtschaft oder in der Politik, findet man überwiegend Einzelkämpferinnen.

Indes: Nichts ist schlimmer für die Machtfrau an der Spitze, als in einem Vakuum mit Wagenburgmentalität zu sitzen, in das geäußerte Bedenken nicht vordringen. Dem inneren Zirkel der engsten Mitarbeiter kommt dabei die lebenswichtige Aufgabe des Außensensors zu. Sie müssen Unmut und Enttäuschungen aufnehmen und weitergeben, Kontakte pflegen, um die Sache und die Chefin werben, Loyalitäten schaffen. Scheiden wichtige Vertraute aus, wie jüngst beispielsweise Regierungssprecher Ulrich Wilhelm von Kanzlerin Merkel, kann die Machtstatik aus den Fugen geraten. Besteht zudem die Atmosphäre des Misstrauens und Argwohns, formiert sich Unmut im Verborgenen. Die Gefolgschaft verweigert sich. Die Revanche ist die Aktion des anonymen Heckenschützen.

Auf dem Weg nach oben adaptieren Spitzenpolitikerinnen einen Führungsstil, der eher Männern zugeschrieben wird: Sie sind machtbewusst, dominant, leistungs- und durchsetzungsbereit. Dabei ist die testosterongetriebene „Basta“-Politik gerade in komplexen Koalitionskonstellationen, wie in Minderheitsregierungen oder in Bündnissen mit mehreren Partnern inadäquat und wenig förderlich, um den Führungsanspruch für sich gelten zu machen. Im Gegenteil, unter diesen Bedingungen ist der Typus des sich zurücknehmenden, kompromissbereiten und repräsentativen Moderators und des Zusammenführers gefragt.

Es scheint, als eigneten sich Simonis, Kraft, Merkel und Co. den männlichen Politikstil an, um sich Autorität und Respekt zu verschaffen. Aber warum sollten Frauen sich nicht endlich trauen, andere, ja weibliche Qualitäten in ihr Repertoire aufzunehmen. Weiblichkeit und professionelle Sachlichkeit, Moderation statt Durchregieren und Engagement mit Machtanspruch sollten in keinem Widerspruch stehen. In Zeiten weiter unsicherer Machtverhältnisse in einer Fünf-Parteienlandschaft scheint gerade der Mix an Führungsqualitäten zum Erfolg zu führen.

Bettina Munimus hat eine politische Biographie zu Heide Simonis als erste Ministerpräsidentin geschrieben. Gegenwärtig arbeitet sie an einer Dissertation zum Alterungsprozess von CDU und SPD.


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