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Demokratische Inhalte in Kindersendungen?

Yvonne Blöcker |  18. Februar 2014 | 
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[analysiert]: Yvonne Blöcker über den politischen Sozialisationseffekt des Fernsehens

Politische Sozialisation erfolgt nicht nur über Familie, Schule und den Freundeskreis, sondern auch über Medien. So zeigte eine Befragung aus dem Jahr 2012, dass Fernsehen, Radio und Computer in nahezu jedem Haushalt mit Kindern zwischen sechs bis elf Jahren vorhanden sind.[1] Ferner landet Fernsehen, auch wenn die Nutzung nur mit Einschränkungen seitens der Eltern erlaubt ist, als Freizeitaktivität von Kindern in einer weiteren Umfrage auf Platz zwei[2] – und insbesondere auf dieses Medium können Kinder am wenigsten verzichten.[3] Aus politologischer bzw. demokratiedidaktischer Perspektive erscheint es also durchaus interessant, inwieweit Kindersendungen politische und/oder demokratische Werte vermitteln bzw. wie dort mit derartigen Inhalten umgegangen wird. Deshalb sollen nachfolgend beispielhaft „Benjamin Blümchen“ und „Bibi Blocksberg“ sowie der Kinderklassiker „Pippi Langstrumpf“ näher betrachtet werden.

Bereits vor einigen Jahren arbeitete der Politikwissenschaftler Gerd Strohmeier heraus, dass in den – auch als Zeichentrickfilm im Fernsehen ausgestrahlten – Hörspielsendungen „Benjamin Blümchen“ und „Bibi Blocksberg“ ein starker politischer Bezug bestehe.[4] Politische und demokratische Inhalte werden dort vor allem über den Neustädter Bürgermeister vermittelt: Als Politiker tritt dieser immer wieder korrupt, verantwortungslos und egoistisch auf. Immer wieder umgeht er die demokratische Instanz, den Stadtrat von Neustadt, und ist zugleich auf die inhaltliche und organisatorische Zuarbeit seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewiesen. Der Bürgermeister dient hier – neben Wirtschafsvertreterinnen und -vertretern – als eine Art Bösewicht, dessen Fehlentscheidungen durch Benjamin Blümchen oder Bibi Blocksberg gemeinsam mit deren Freunden immer aufs Neue korrigiert werden müssen. Entscheidungen werden vom Bürgermeister nicht demokratisch, sondern autokratisch gefällt. Damit – so Strohmeier weiter – steht er im Kontrast zu den Helden, die sich mit der Reporterin Karla Kolumna und/oder den linksliberalen oder linksaktiven Neustädter Bürgerinnen und Bürgern zusammenschließen und somit (übergangene) Mehrheitsinteressen vertreten. Auch wenn formelle Politik hier als eine Instanz verkörpert wird, die selten die Interessen des Gemeinwohls vertritt, so zeigt sich doch parallel, dass die Bevölkerung durchaus etwas bewirken und verändern kann: Gerade der Druck vonseiten der Bürgerinnen und Bürger sowie der Öffentlichkeit führt in den Sendungen dazu, dass der Bürgermeister Entscheidungen revidieren muss. So möchte der Bürgermeister beispielsweise in der Folge „Benjamin Blümchen als Förster“ den Wald zugunsten einer neuen schnellen Verbindungsstraße weichen lassen – als Gründe führt er gegenüber Karla Kolumna an, dass er rascher zu seiner Tante reisen wolle und der Neubau den Tourismus ankurbeln würde. Erst der Druck der Presse und der Demonstrantinnen und Demonstranten lässt den Bürgermeister dieses Vorhaben zu einem Missverständnis erklären, sodass es letztlich nicht realisiert wird.

Bei Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg kommt den Medien eine besondere Rolle zu, da gerade über die Reporterin und über das Geschriebene eine Aufklärung und Mobilisierung der Masse bzw. der Bürgerinnen und Bürger erfolgt. Allerdings wird Karla Kolumna nicht durchweg positiv präsentiert: Zwar steht sie dem Bürgermeister und der Wirtschaft skeptisch gegenüber, doch bereits ihr Beiname „rasende Reporterin“ intendiert sowohl eine gewisse Schnelligkeit in ihrem Reportagestil, der unter Umständen zur Übertreibung führen kann, als auch eine Sensationsgier ihrerseits, da sie stets auf der Suche nach Schlagzeilen ist und damit Auflage- und Verkaufszahlen im Hinterkopf hat. Diese kritischen Medienaspekte schwingen in der Darstellungsweise mit.

Anders als bei Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg werden in Astrid Lindgrens Kinderbuchklassiker „Pippi Langstrumpf“, wovon ebenfalls Verfilmungen existieren, Politik und Demokratie kaum durch klassische politische Rollen verkörpert. Pippi, die als Halbwaise in ihrer Villa Kunterbunt lebt, zeichnet sich vor allem durch ihre körperliche Stärke, ihre hilfsbereite Art, aber insbesondere ihren unkonventionellen Charakter, ihre Selbstständigkeit und ihren Mut aus. So wendet sich Pippi beispielsweise gegen staatliche Instanzen und übergeht damit Autoritäten, als sie in ein Waisenhaus gebracht werden soll: Die Polizei muss ihr stets hinterherlaufen und wird auf diese Weise immer wieder als scheiternde Handlungsmacht vorgeführt. Pippi löst sich nicht nur hier von Vorgaben, sondern lebt insgesamt entgegen bürgerlicher Normen nach ihren eigenen Vorstellungen und stellt in diesem Zusammenhang Klischees und Rollenbilder bloß. Das heißt, Pippi kann als ein Gegenbeispiel typischer weiblicher Geschlechterstereotype und -rollen verstanden werden.[5] Sie symbolisiert dabei als Figur demokratische Werte wie Gleichberechtigung und Toleranz. Hier ist jedoch auf die Debatte des letzten Jahres um rassistische Begriffe und Inhalte in Kinderbüchern hinzuweisen; so sei das Kinderbuch „Pippi Langstrumpf“ mit Ressentiments durchzogen, zudem bestehe ein Kolonialrassismus, bspw. in der Aussage Pippis, dass alle Menschen im Kongo lügen würden.[6] Derartige Verlautbarungen entsprechen durchaus nicht demokratischen Werten – doch bleibt der Ernst dieser Aussagen offen, da sich Pippi selbst als eine Person bezeichnet, die den ganzen Tag Seemannsgarn spinne.[7]

So gilt: Pippis Selbständigkeit, ihre Unabhängigkeit und ihr Mut zeigen, dass sie Selbstvertrauen besitzt und dass gerade dieser Glaube an sich selbst ihre Handlungen bestimmt und gelingen lässt. Vor allem diese Eigenschaft des Glaubens an die eigene Selbstwirksamkeit kann Kindern dadurch verdeutlicht werden. Dies ist relevant, damit sich – in Hinblick auf demokratische Inhalte – bei Kindern politisches Selbstzutrauen entwickeln kann. Denn Interesse an Demokratie, am politischen System und politische Partizipation scheinen vor allem dann zu entstehen, wenn ein hohes Niveau von politischem Selbstzutrauen bzw. politischem Selbstvertrauen besteht.[8]

Anhand der hier kurz dargestellten Kindersendungen zeigt sich, dass politische und demokratisch relevante Inhalte sowohl direkt durch ein Amt als auch indirekt mittels Charakterzügen und Handlungsweisen einer Hauptfigur dargestellt werden. Während bei Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg der Bürgermister und damit der Politikerinnen- bzw. Politikerberuf negativ dargestellt wird, werden zugleich demokratische Werte bzw. Inhalte vermittelt: Ein Zusammenschluss von Bürgerinnen und Bürgern (z.B. in Form von Protest), die dann ein gemeinsames Interesse verfolgen, kann Handlungszwang in Hinblick auf politische Entscheidungen hervorrufen und steht letztlich über einzelnen Entscheidungen wie jenen des Bürgermeisters. Bei Pippi Langstrumpf werden zwar demokratische Inhalte weniger explizit dargestellt, lassen sich jedoch in einer übergeordneten Wertevermittlung finden: Gleichberechtigung, Toleranz und Selbstwirksamkeit werden durch das mutige und selbstbewusste Mädchen repräsentiert, das entgegen konventioneller Normen lebt und handelt.

Gerade derartige Brüche lassen die Handlungen dieser Formate spannend werden. Allerdings können die Inhalte nur dann verstanden und möglicherweise in demokratische Werte transferiert werden, wenn darüber und auch über fragwürdige demokratische Aussagen mit Kindern reflektiert wird – sei es in der Familie, in der Schule oder im Bereich der politischen Bildung.

Yvonne Blöcker arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforsdchung.



[1] Vgl. Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen: Grunddaten Kinder und Medien 2013. Zusammengestellt aus verschiedenen Befragungen und Studien von Heike von Orde, URL: http://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/Grunddaten_Kinder_u_Medien_2013_de.pdf [eingesehen am 10.02.2014], S. 4.

[2] Vgl. Medienpädagogischer Forschungsverband Südwest: KIM-Studie 2012. Kinder + Medien, Computer + Internet, Stuttgart 2012, S. 10; vgl. Hasebrink, Uwe/Schröder, Hermann-Dieter/Schumacher, Gerlinde: Kinder- und Jugendmedienschutz aus Sicht der Eltern, in: Media Perspektiven, 2012 (1), S. 18-30.

[3] Vgl. Medienpädagogischer Forschungsverband Südwest: KIM-Studie 2012. Kinder + Medien, Computer + Internet, Stuttgart 2012, S. 15.

[4] Vgl. Waschinski, Gregor: Wie Bibi Blocksberg Kinder politisch verhext, in: Spiegel online, 19.10.2005, URL: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/interview-wie-bibi-blocksberg-kinder-politisch-verhext-a-380238.html [eingesehen am 10.02.2014].

[5] Vgl. Vinken, Barbara: Pippi Langstrumpf. Ein wandelnder Aufstand, in: Cicero online, 15.07.2013, URL: http://www.cicero.de/salon/pippi-langstrumpf-ein-wandelnder-aufstand/55066 [eingesehen am 10.02.2014].

[6] Vgl. Greiner, Ulrich: Die kleine Hexenjagd, in: Die Zeit vom 21.01.2013; vgl. auch O. A.: Höher Gebildete gegen Streichung von „Neger“, in: Zeit online, 19.01.2013, URL: http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-01/umfrage-neger-kinderbuecher [eingesehen am 11.02.2014].

[7] Vgl. Vinken, a.a.O.

[8] Van Deth, Jan W.: Politische Partizipation. In: Kaina, Viktoria/Römmele, Andrea (Hrsg.): Politische Sozialisation. Wiesbaden 2009, S. 141-161, hier S. 154.


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