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„Demokratie – das ist ein Computerspiel“

Yvonne Blöcker |  17. März 2015 |   |  Drucken

[debattiert]: Yvonne Blöcker über die Parallelen von Spiel und Demokratie.

Als im Rahmen des Forschungsprojekts „Göttinger Kinderdemokratie“ (2011-2014) Grundschulkinder befragt wurden, ob sie schon einmal den Begriff Demokratie gehört hatten, antwortete beispielsweise ein Junge, dass es sich hierbei doch wohl um ein Computerspiel handeln müsse. Diese Assoziation mag zwar zunächst kindlich naiv wirken, dennoch lassen sich Parallelen feststellen: Beiden, Demokratie und dem (Computer-)Spiel, wohnt eine bestimmte Komplexität inne, weshalb sie gewisser (Spiel-)Regeln bedürfen.

Spiele können entweder von vorneherein bereits Regeln für Handlungsabläufe besitzen oder diese werden vor/während des Spiels ausgehandelt oder verändert. In allen Fällen müssen die festgelegten Regeln jedoch von sämtlichen Beteiligten akzeptiert werden. Wie verhält es sich aber mit Regeln für Demokratie?

Etymologisch bedeutet Demokratie zunächst die „Herrschaft des Volkes“, womit eine Herrschafts-, Gesellschafts-, Lebens- und Regierungsform gemeint ist, in welcher das Volk bzw. die Mehrheit entscheidet.[1] Wie jedoch die Herrschaft des Volkes genau gekennzeichnet und geregelt wird, klärt der Begriff an sich nicht. Vielmehr variieren die Spiel- und Handlungsregeln für eine Demokratie von Demokratietheorie zu Demokratietheorie und sind zugleich abhängig vom jeweiligen Demokratiemodell. Gemeinsam ist den Theorien aber, dass Demokratie als Ordnung betrachtet wird, die checks and balances – im Sinne von Spielregeln – benötige, um zum Beispiel das Individuum vor Beschlüssen der demokratischen Mehrheit zu schützen.[2] Denn gerade pluralistische Interessen in der Bevölkerung und Wählerschaft aufzunehmen und auszuhandeln, kann erhebliches Konfliktpotenzial bergen und stellt eine besondere Herausforderung (des Demokratiespiels) dar.

Gerade der Weg zu Kompromissen kann, wenn man Demokratie weiterhin mit dem Spiel vergleichen möchte, ein Ziel des Spiels sein. Doch diese Kompromisse zu finden, fällt im politischen Alltag oftmals schwer[3] – was nicht zuletzt bei vielen Entscheidungen zu Unzufriedenheit führen kann. Folglich ist eine Akzeptanz der (Spiel-)Regeln für die Demokratie umso relevanter.

Doch gerade hier zeigt sich vor allem in den letzten Jahren: An die Demokratie wird immer stärker der Anspruch gestellt, dass sie sich in ihren politischen Resultaten an betriebswirtschaftlichen Maßstäben oder (Spiel-)Regeln wie Effizienz, Rationalität und Logik zu messen habe – was sich jedoch in der politischen Praxis schwerlich realisieren lässt. Folglich ergibt sich in der Öffentlichkeit und in der Bevölkerung ein Vertrauensverlust in die Demokratie – denn die Akzeptanz von (Spiel-)Regeln hat sich ein Stück weit verschoben.

Während nun offensichtlich andere oder weitere (Spiel-)Kriterien an die Demokratie angelegt werden, bleibt das übergeordnete Ziel erhalten: nicht nur ein Aushandeln von Interessen, sondern auch die Einlösung von gemeinhin als gesellschaftlich positiv akzeptierten Werten und Normen wie beispielsweise Beteiligung, Freiheit sowie Rechts- und Sozialstaatlichkeit. Wie sich jedoch der (Spiel-)Verlauf dorthin gestaltet oder inwiefern er akzeptiert wird, kann sich in gewisser Weise verändern und bedarf manchmal neuer Aushandlungen.

Yvonne Blöcker arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Gemeinsam mit Nina Hölscher hat sie den Band „Kinder und Demokratie. Zwischen Theorie und Praxis“ herausgegeben.

[1]     Vgl. Nohlen, Dieter/Grotz, Florian (Hrsg.): Kleines Lexikon der Politik, Bonn 2008, S. 64.

[2]     Vgl. Buchstein, Hubertus/Jörke, Dirk: Das Unbehagen an der Demokratietheorie, in: Levithan, H. 4/2003, S. 470-496, hier S. 474.

[3]     Vgl. Michelsen, Danny/Walter, Franz: Unpolitische Demokratie. Zur Krise der Repräsentation, Berlin2013, S. 18f.


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