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Das Land der Schlächter und Henker

Christopher Schmitz |  12. April 2019 |   |  Drucken

[kommentiert:] Christopher Schmitz über die Debatte zum neuen Rammstein-Video

„So schamlos
Das gehört verboten
Es ist geistlos
Was sie da probieren
So geschmacklos
Wie sie musizieren“[1]

 

Musikvideos haben das Zeug zum Skandal. Von Michael Jacksons „Thriller“, über Madonnas „Like a Prayer“, oder „Wrecking Ball“ von Miley Cyrus: Immer wieder sorgen die Filmadaptionen von Musikstücken für zum Teil hitzige Debatten.[2] Auch an ihnen – und vor allem ihrer Rezeption – artikuliert und aktualisiert sich das Moral- und Normengefüge einer Gesellschaft.[3] Der jüngste Fall eines solchen Skandalvideos ist der Clip zur neuesten Single der Neuen Deutschen Härte-Formation Rammstein – genauer gesagt, der YouTube-Teaser, mit dem das Video angekündigt wurde. Der 35-sekündige Clip zeigt vier Bandmitglieder, allesamt mit einer Schlinge um den Hals, in Häftlingskleidung, es sind ein gelber Stern und ein rosa Winkel erkennbar – die Bildsprache der Szene deutet auf Gefangene eines Konzentrationslagers. Danach wird das Bild dunkel, das Wort „Deutschland“ erscheint in Fraktur, darunter das Veröffentlichungsdatum des Videos, der 28. März 2019 in römischen Ziffern. Die Reaktionen fielen heftig aus:  So wurde der Band unter anderem eine Verharmlosung des Holocaust, eine Verhöhnung der Opfer der Shoa und eine geschmacklose Grenzüberschreitung zu Werbezwecken vorgeworfen. Die Debatte über die Freiheit der Kunst, über die Bildproduktion in Bezug auf den Holocaust, war im vollen Gang, als das Video schließlich veröffentlich wurde. Doch: Ist die Aufregung gerechtfertigt? Und: Sind solche Andeutungen in Zeiten des allerorten erstarkenden Nationalismus im Jahr 2019 nicht unverantwortlich?[4]

Das Video dauert über neun Minuten und ist ein ikonographischer Bombast durch die Bilderwelten der deutschen Geschichte: Von den römischen Germanenkriegen über Kreuzzüge, Dreißigjährigen Krieg, Reformation, Wilhelminismus und Kaiserzeit, Hyperinflation und Weimarer Republik, NS-Diktatur und Holocaust bis hin zur DDR-Nomenklatura, Volksaufstand und RAF-Terrorismus: Es ist an dieser Stelle nicht möglich, all die Referenzen, Anspielungen, Zitate und Verweise des Videos sowohl auf die Geschichte als auch auf andere popkulturelle Werke auch nur näherungsweise vollständig aufzuzählen – unabhängig von den vielen Verweisen im Video, die sich auf das vorangegangene Schaffen von Rammstein beziehen.[5] Popkultur – und in diesen Kontext ist das Video unweigerlich einzuordnen – ist ein Prozess der unausweichlichen „Selbstreferenzialität und –reflexivitität“[6].

Insofern sei rhetorisch die Frage gestattet, ob dieser Teaser und die Aufregung darüber vorstellbar wären, ohne auf die Diskussion um die Echo-Verleihung im Jahr 2018 zu verweisen , als zwei Rapper trotz der Textzeile – ohne doppelten Boden oder Hintersinn – „Mein Körper definierter als von Ausschwitzinsassen“ mit der höchsten Auszeichnung der deutschen Popkultur geehrt wurden? Oder dass gerade jüngst die Gedenkstätte Auschwitz darum gebeten hat, das Balancieren auf den Gleisanlagen, die in das KZ führen (und die Anfertigung von Fotos davon), zu unterlassen?  Hier haben Rammstein der deutschen Medienöffentlichkeit das „Stöckchen“ hingehalten, wie es der Musikjournalist Klaus Walter treffend beschreibt.[7]

Doch wenn Walter im weiteren Verlauf des Gesprächs im Wirken der Band im Allgemeinen und dem Video im Speziellen eine Verharmlosung und Banalisierung rechts-nationalistischer Umtriebe am Werk sieht, denen mehr oder weniger direkt Vorschub geleistet werde, geht er hier wohl schlicht fehl: Verglichen mit den nationalistischen und geschichtsrevisionistischen Einlassungen eines Björn Höcke bei seiner Rede im Dresdner Ballhaus Watzke 2017 – der (und anderen Äußerungen der parlamentarischen Rechten) Heinrich Detering meinungsstark, indes nichtsdestoweniger analytisch pointiert, den „schlecht verkleidete[n] Jargon von Gangstern“[8] attestiert hat – ist die Semantik des Videos eben keine deutschtümelnde Retrospektive.  Diese banale Glorifizierung (siehe auch Bild 1) der deutschen Geschichte als das „Land der Dichter und Denker“ unter der Aussparung der NS-Vergangenheit ist eine eingeübte rhetorische Figur.[9]

Gerade diese Aussparung, die der Journalist Alexander Nabert mit diesem kleinen Comic-Strip in einer prototypischen Verdichtung auf Twitter geteilt hat, begeht die Band jedoch nicht. Stattdessen „steigen Rammstein also hinab in die deutsche Seele, die hin- und hergerissen ist zwischen Verachtung für sich selbst und seiner Geschichte und dem Bedürfnis, eine Identität aus seiner Geschichte zu konstruieren.“[10]

Das Video erzählt die deutsche Geschichte unter anderen Vorzeichen und verdeutlicht damit, dass die Gedanken Hayden Whites, der das fiktionsbildende Verfahren der Geschichts-Schreibung betont, nach wie vor ungebrochen Bestand haben: „Wie eine bestimmte historische Situation anzuordnen ist, hängt von der Geschicklichkeit des Historikers ab, mit der er eine bestimmte Plotstruktur und eine bestimmte Menge von historischen Ereignissen, der er eine bestimmte Bedeutung verleihen will, einander anpaßt.“[11] Im Grunde unterzieht „Deutschland“ den Geschichtsrevisionismus einer Revision und setzt diesem die knallharte Dominanz einer im Grunde widerlichen Gewaltgeschichte entgegen: Deutschland als das Land der Schlächter und Henker.

Ohne die gewaltvollen Episoden und die Abgründe des Zivilisationsbruchs ist die deutsche Geschichte nicht zu denken. Von einer Verharmlosung, von revisionistischen Tendenzen gar kann aus dieser Perspektive nicht die Rede sein. Ob die gewählte Form geschmackvoll ist, darüber lässt sich, so formulierte schon Kant, bekanntlich nicht streiten.  Über die Interpretationsmöglichkeiten dieses Werkes und die gesellschaftlichen Implikationen in Zeiten eines erstarkenden und gleichsam geschichtsbesessenen wie geschichtsvergessenen Nationalismus hingegen schon. Unbedingt.

[1] Rammstein, Los, Reis, Reise, Universal Music 2004.

[2] Scherrer, Pascal: Gewalt, Sex und Pädophilie – 9 Musikvideos, die für einen Skandal sorgten, in: watson.de, 22.06.18, URL: https://www.watson.de/leben/musik/418140485-gewalt-sex-und-paedophilie-9-musikvideos-die-fuer-einen-skandal-sorgten [eingesehen am 01.04.2019].

[3] Vgl. Rietschel, Jonas: Wie tickt ein Skandal?, in: Blog des Göttinger Instituts für Demokratieforschung, 15.12.15, URL: http://www.demokratie-goettingen.de/blog/guttenberg-skandal [eingesehen am 01.04.2019].

[4] Diese Frage stellt Andrea Gerk sinngemäß an Klaus Walter in einem Interview im Deutschlandfunk, vgl. Gerk, Andrea/Walter, Klaus: NS-Symbolik als Verkaufsmasche. Klaus Walter im Gespräch mit Andrea Gerk, in: Deutschlandfunk, 28.03.19, URL: https://www.deutschlandfunkkultur.de/kritik-an-rammstein-video-ns-symbolik-als-verkaufsmasche.1013.de.html?dram:article_id=444912 [eingesehen am 01.04.2019].

[5] Versuche in dieser Richtung wurden an verschiedenen Stellen unternommen, vgl. Lloyd, Alexandra: We got an Oxford University professor to explain what the f*ck’s going on in that Rammstein video, in: loudersond.com, 29.03.19, URL: https://www.loudersound.com/features/we-got-an-oxford-university-professor-to-explain-what-the-fcks-going-on-in-that-rammstein-video [eingesehen am 01.04.2019]; Huber, Daniel: 24 Anspielungen aus dem Rammstein-Video, die du vielleicht verpasst hast, in: watson.de, 30.03.19, URL: https://www.watson.ch/wissen/history/916712625-rammsteins-neues-skandalvideo-deutschland-ist-voll-von-anspielungen [eingesehen am 01.04.2019].

[6] Jazo, Jelena: Postnazismus und Populärkultur. Das Nachleben faschistoider Ästhetik in Bildern der Gegenwart, Bielefeld 2017, S. 23.

[7] Vgl. Gerk, Walter.

[8] Detering, Heinrich: Impulsvortrag Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten – „Wer ist wir?“. VOLLVERSAMMLUNG DES ZENTRALKOMITEES DER DEUTSCHEN KATHOLIKEN AM 23./24. NOVEMBER 2018, in: zdk.de, 23.11.18, URL: https://www.zdk.de/veroeffentlichungen/reden-und-beitraege/detail/Impulsvortrag-Zur-Rhetorik-der-parlamentarischen-Rechten-Wer-ist-wir-Prof-Dr-Heinrich-Detering–413s/ [eingesehen am 01.04.2019].

[9] Vgl. Schenke, Julian u. a.: Pegida-Effekte? Jugend zwischen Polarisierung und politischer Unberührtheit, Bielefeld 2018, 130 ff.

[10] Luther, Philipp: Wer Rammstein Antisemitismus unterstellt, hat das neue Video nicht verstanden, in: FOCUS Online, 01.04.19, URL: https://www.focus.de/kultur/musik/neue-single-skandal-video-deutschland-rammstein-steigen-hinab-in-die-deutsche-seele_id_10521514.html [eingesehen am 01.04.2019].

[11] White, Hayden: Auch Klio dichtet oder Die Fiktion des Faktischen. Studien zur Tropologie des historischen Diskurses. Einführung von Reinhart Koselleck, Stuttgart 1986, S. 105–106.


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