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Debatte: Sprache und Geschlecht in der Wissenschaft I

Jeanina Fischbach |  7. September 2018 |   |  Drucken

[kommentiert]: Inwiefern sollte eine geschlechtergerechte Sprache Standard in der Wissenschaft werden? Jeanina Fischbach und Julian Schenke vertreten jeweils gegensätzliche Positionen mit unterschiedlichen Zugängen.

I. Jeanina Fischbach: Unsere Sprache formt unsere Wirklichkeit – ein Plädoyer für eine gendergerechte Sprache

Die Diskussion um eine geschlechtergerechte und sensible Sprache polarisiert die Gesellschaft. Von der Gegner*innenseite werden vornehmlich drei Totschlagargumente angeführt. Erstens: das generische Maskulin[1] sei etabliert und Sprache lasse sich nicht so einfach verändern. Zudem sei jedem klar, dass Frauen automatisch mitgemeint seien. Und drittens ändere die sprachliche „Verklausulierung“ durch adäquates Gendern nichts an der bestehenden Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Ich könnte den gängigen Schlagabtausch nun mit einfachen Gegenargumenten fortführen, stattdessen möchte ich mit einem kurzen Gedankenexperiment anfangen, das in abgewandelten Formen häufiger in diesem Kontext zu finden ist[2]:

An einem schönen, sonnigen Sonntag fahren Vater und Sohn gemeinsam zum Angeln. Während sie sich auf der Rückfahrt eben noch angeregt unterhalten haben, ereignet sich im nächsten Moment ein schwerer Autounfall, bei dem der Vater noch an der Unfallstelle tödlich verunglückt. Mit einer schweren Hirnblutung wird der Sohn ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht, um sofort operiert zu werden. Als das Team von Ärzten hereinkommt tritt jemand blass hervor und sagt: „Ich werde nicht operieren können, das ist mein Sohn.“ In welchem Verwandtschaftsverhältnis stehen die beiden?

Diese Geschichte erntet meist verwundertes Stirnrunzeln, schließlich sind in Deutschland Familien mit zwei Vätern eher ungewöhnlich[3]. Doch die Lösung ist viel einfacher und sollte auf der Hand liegen. Im 21. Jahrhundert können tatsächlich auch Frauen den Arztberuf ergreifen, damit ist der Arzt eine Ärztin und somit die Mutter des Kindes. In der deutschen Sprache ist das generische Maskulin jedoch Standard[4]. Sobald also in einer Gruppe von Menschen auch nur die Chance besteht, dass ein Mann unter ihnen ist, wird die gesamte Gruppe sprachlich männlich und die Frau unsichtbar.

Ein gängiges Argument ist, dass man aufgrund der besseren Lesbarkeit auf eine aktive Nennung der Frau verzichte. Das generische Maskulin verschleiert gekonnt das Geschlecht einzelner. Dieses Phänomen wird als „prototypisches Denken“ bezeichnet. Sprache formt unsere Wirklichkeit und nimmt Einfluss auf unsere Wahrnehmung. Sie ist nicht nur unser wichtigstes Verständigungsmittel, sondern auch Spiegel unseres Denkens und Bewusstseins. Man kann Sprache nicht als bloßes Medium verstehen, sondern muss sie auch als eigenständig wirkendes Element wahrnehmen. Der Mensch formt mittels Sprache seine eigene Wirklichkeit, wird aber umgekehrt auch von ihr beeinflusst. Sprache und Vorstellungen sind voneinander abhängig. Die intendierte Botschaft kann von den Rezipient*innenunterschiedlich aufgenommen werden. So wird der Satz „38% der Wähler“ von manchen sexusspezifisch aufgefasst im Sinne von „38% der männlichen Wähler“, für andere ist er sexusneutral, beinhaltet beide Geschlechter und bedeutet „38% der Wählerschaft“. Diese grundlegend verschiedenen Bedeutungen des Beispiels verdeutlichen, dass mit einer gendergerechten Sprache Missverständnissen vorgebeugt werden kann, weil sie schlicht eine präzise Ausdrucksweise darstellt.

Aber auch bei der Betrachtung der stereotypen Besetzung von Berufsbezeichnungen wird die Abhängigkeit von Sprache und Vorstellung deutlich. Mit gewissen Berufsbezeichnungen beispielsweise geht eine gedankliche Verknüpfung mit dem Geschlecht einher. So verbindet man mit gesellschaftlich anerkannten Berufsgruppen wie der Medizin und Technikberufen Männer, mit schlechter bezahlten Tätigkeiten wie Pflege oder Reinigung Frauen[5]. Dies ist kein Zufall.

Historisch betrachtet hat sich die Situation der Frau in den letzten Jahrhunderten erheblich gewandelt. Seit nunmehr 100 Jahren haben Frauen ein aktives und passives Wahlrecht. Kaum vorstellbar, dass es eine Zeit gab, in der es selbstverständlich war, rund 50% der Gesellschaft dieses Recht zu verwehren. Heute sind Frauen vor dem Gesetz gleichgestellt („Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, Einführung des Artikel 3 (2) im Grundgesetz 1949), können ein eigenes Konto eröffnen (bis 1957 war dies ohne die Zustimmung des Ehemanns nicht möglich), sind seit 1977 nicht mehr gesetzlich dazu verpflichtet den Haushalt zu führen (früher §1356 (1) [1] Bürgerliches Gesetzbuch „Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung“; heute: „Die Ehegatten regeln die Haushaltsführung im gegenseitigen Einvernehmen“) und können die Überschreitung körperlicher Grenzen in der Ehe als Vergewaltigung anzeigen und strafrechtlich verfolgen lassen (§177 StGB, die Vergewaltigung war bis 1997 als „außerehelich“ definiert)[6]. Kurz: Frauen haben heute (mehr) Entscheidungsfreiheit über ihren eigenen Lebenslauf. Für einen Zugang zu den Institutionen der Macht, des Rechts und des Wissens musste die Arbeiter-, Frauen- und Bürgerrechtsbewegung im Zuge des Demokratisierungsprozesses hart kämpfen. Dieser rechtliche und alltagspraktische Wandel verdeutlicht, dass die Lebensrealität nicht auf die aktive Teilnahme am gesellschaftlichen und politischen Leben und auf Gleichberechtigung ausgerichtet war. Den Zugang zum öffentlichen Raum mussten Frauen sich hart erkämpfen. Vor diesem Hintergrund wird es verständlich, dass es keinesfalls ein Zufall ist, dass die deutsche Sprache sich dem generischen Maskulin und keinem generischen Feminin bedient. Aus historischer Perspektive waren Frauen (und andere marginalisierte Gruppen) keinesfalls selbstverständlich in der Form des generischen Maskulinums mitgemeint. In den Worten der Germanistin und Sprachwissenschaftlerin Susanne Günthner: „Die männliche Form markiert ‚Männer als Norm‘, die weibliche Form kodiert ‚Frauen als Abweichung‘“[7]. Da sich die gesellschaftliche, politische und berufliche Position von Frauen geändert hat, sollten wir Personenbezeichnungen finden, die Frauen in der Sprache stärker als bisher „sichtbar“ machen. Die Gesellschaft sollte eine Bringschuld der Inklusion haben und keineswegs eine Holschuld.[8] Noch lange sind wir über eine strukturelle Benachteiligung der Frau nicht hinaus.

Gegenstimmen wenden an diesem Punkt wiederum ein, dass die Verklausulierung von Sprache nicht per se zu einer Gleichbehandlung beitragen wird, sondern vielmehr Zeit und Ressourcen verschwendet, statt sich mit den wichtigen unmittelbaren Dingen, wie fairer Bezahlung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf etc. auseinanderzusetzen. Eine aktuelle Studie kann dieser scheinbaren Logik etwas entgegensetzen: Wissenschaftler*innen der FU Berlin haben 2015 eine Studie zur Wirkung von geschlechtergerechter Sprache an Grundschüler*innen durchgeführt.[9] 591 Kindern im Alter von 6-12 Jahren wurden Berufsbezeichnungen vorgelesen: entweder geschlechtergerecht, also mit männlicher und weiblicher Form, oder nur in der männlichen Pluralform. Insgesamt waren es sechzehn Berufe, von denen acht typisch männlich (Automechanikerin/Automechaniker), fünf typisch weiblich (zum Beispiel Kosmetikerin/Kosmetiker) und der Rest geschlechtsneutral waren. Auf Basis eines Fragebogens schätzten die Kinder für jeden Beruf ein, wie viel man in dem jeweiligen Beruf verdient, wie wichtig er ist, wie schwer er zu erlernen und auszuführen ist, und ob sie sich selbst zutrauen würden, diesen Beruf zu ergreifen. Die Studie konnte zeigen, dass Kinder, denen die geschlechtergerechten Berufsbezeichnungen präsentiert worden waren, sich viel eher zutrauten, einen „typisch männlichen“ Beruf zu ergreifen, als Kinder, denen nur die männliche Pluralform genannt worden war. Die typisch männlichen Berufe wurden nach der geschlechtergerechten Bezeichnung als leichter erlernbar und weniger schwierig eingeschätzt als nach der rein männlichen Bezeichnung. Laut den Verfasser*innen könnte eine Erklärung dafür sein, dass Kinder bereits im Grundschulalter verinnerlicht haben, männlich besetzte Aufgaben mit höherer Schwierigkeit zu assoziieren.

Dies deckt sich auch mit unseren Stereotypen männlicher und weiblicher Identität. Noch heute, auch angefacht durch Gender-Marketing und Gender-Spielzeug, verbinden wir gewisse Eigenschaften mit Männlichkeit und Weiblichkeit. Noch heute ist der Anteil von Frauen in MINT-Berufen (Berufe, bei den Kenntnisse und Fähigkeiten aus Mathematik, Information, Naturwissenschaften und Technik gefragt sind) deutlich geringer als der ihrer männlichen Kollegen. Lenkt man den Blick in die Wissenschaft oder auf Führungsebenen, erkennt man sehr schnell, dass die Verteilung nicht gleich ist. Sicherlich ist eine geschlechtersensible Sprache kein Allheilmittel für diese immer noch vorherrschende Ungleichbehandlung, aber unsere Sprache ist wandelbar und eine präzise Ausdrucksweise ist insbesondere in der Wissenschaft und an der Hochschule wichtig.

Wer die Gleichstellung der Geschlechter will, muss sie auch beide ansprechen! [10]

 

Jeanina Fischbach ist studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

Die Gegenpositionierung von Julian Schenke können Sie hier lesen.

 

[1] „Generische Maskulina sind Personenbezeichnungen, die grammatisch die Genuskategorie Maskulinum tragen, aber (geschlechts-)neutral verwendet werden in Fällen, in denen das Geschlecht von Personen oder Gruppen als irrelevant angesehen wird oder unbekannt ist, bzw. wenn Personen beiderlei Geschlechts gemeint sind“ aus: Sieburg, Heinz: Zur Problematik des generischen Maskulinums im Deutschen. In: Heinz, Sieburg (Hrsg.): ‚Geschlecht’ in Literatur und Geschichte. Bilder – Identitäten – Konstruktionen. Bielefeld 2015, S. 211-240, hier S.212.

[2] Knoke, Mareike: Wie ‚gender‘ darf die Sprache werden? In: Spektrum Kompakt. 12/2017. URL: https://www.spektrum.de/news/wie-gender-darf-die-sprache-werden/1492931 [eingesehen am 03.09.2018].

[3] Zu den Möglichkeiten der gleichgeschlechtlichen Familienplanung und –umsetzung siehe z.B.: Irle, Katja: Das Regenbogenexperiment. Sind Schwule und Lesben die besseren Eltern?, Weinheim und Basel 2014.

[4] Die Nutzung des generischen Feminin bildet die Ausnahme. So zum Beispiel in der Neufassung der Grundordnung der Universität Leipzig, die 2011 aufgrund der besseren Lesbarkeit ohne Schrägstrich-Variante auskommen sollte. So verweist eine Fußnote darauf, dass mit der femininen Bezeichnung sowohl Personen männlichen als auch weiblichen Geschlechts gemeint sind. Siehe hierzu: Haerdle, Benjamin: Sprachreform an der Uni Leipzig. Guten Tag, Herr Professorin, in: Spiegel Online, 04.06.2013, URL: http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/gleichberechtigung-uni-leipzig-nutzt-weibliche-bezeichnungen-a-903530.html [eingesehen am 03.09.2018].

[5] Günther, Susanne: Genderlinguistik. Sprachliche Konstruktionen von Geschlechtsidentität. Berlin 2012, S.388f.

[6] Universität Bielefeld: Geschichte der Gleichstellung – Chronik. URL: https://www.uni-bielefeld.de/gendertexte/chronik.html [eingesehen am 03.09.2018].

[7] Günthner, Susanne, zitiert nach Knoke, Mareike: Wie ‚gender‘ darf die Sprache werden?

[8] Klinger,,Cornelia: Sprache ist kein Kulturdenkmal. In: Deutschlandfunk Kultur, 17.04.2018, URL:https://www.deutschlandfunkkultur.de/geschlechtergerechte-sprache-sprache-ist-kein-kulturdenkmal.1005.de.html?dram:article_id=415702 [eingesehen am 03.09.2018].

[9] Vervecken, Dries/Hannover, Bettina; Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy, in: Social Psychology, 46 (2015), S. 76-92.

[10] http://www.oei.fu-berlin.de/institut/download/leitfaden_gendergerechte_sprache.pdf

 


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