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Die Gegenwart der Vergangenheit

Phlipp Kufferath |  27. Juli 2010 |   |  Drucken

[präsentiert:] Philipp Kufferath liest Tony Judts „Das vergessene 20. Jahrhundert“

Geschichte ist als ritualisierte Erinnerung allgegenwärtig und doch als erzählte und verinnerlichte Erfahrung gleichsam flüchtig. So jedenfalls sieht es der britische Historiker Tony Judt und kämpft an gegen das Vergessen. In dreiundzwanzig zwischen 1994 und 2006 veröffentlichten Essays und Rezensionen, die nun erstmalig auf Deutsch vorliegen, widmet er sich mit diesem spannungsreichen Feld.

Die Bedeutung von Geschichte ist – gerade in Deutschland – omnipräsent im politischen Alltag. Gedenktage, Museen und Denkmäler sind Ausdruck dieser seltsam starren Präsenz des Vergangenen. Gleichzeitig durchdringt die rasante Geschwindigkeit kapitalistischer Globalisierung alle gesellschaftlichen Bereiche und fordert historisch gewachsene Traditionen heraus. Neuliberale Theoretiker und Marktsozialdemokraten gleichermaßen inszenieren sich in diesem Zeitgeist als Modernisierer und zelebrieren den Bruch mit Vergangenem, Überwundenem. Sie huldigen das „Neue“ und verdammen die „Bewahrer“.

Vor diesem Hintergrund sind die zum Teil recht unterschiedlichen Essays zu lesen, in denen sich der in New York lebende Historiker mit dem Wirken zum Teil vergessener Intellektueller wie Arthur Koestler oder Edward Said beschäftigt. Zudem untersucht er anhand einzelner Schlüsselereignisse wie z.B. dem Sechs-Tage Krieg 1967 oder der Kubakrise 1962 historische Wendepunkte und Konflikte des vergangenen Jahrhunderts. Aber auch von den großen Fragen der Zeit macht er nicht halt: so thematisiert er die US-Außenpolitik und den Nahost-Konflikt.

Die Essays über die politischen Intellektuellen entstanden meist aus Anlass von Neuerscheinungen von Werken oder (Auto-)Biografien. In seinen Rezensionen spielt die Besprechung des konkreten Buches aber meist nur am Rande eine Rolle. Judt nutzt den Raum vielmehr, um ein facettenreiches Porträt der Persönlichkeit zu zeichnen und dabei Widersprüche und Brüche herauszustellen. Insbesondere die Spannungen zwischen intellektueller Kritik und politischem Engagement stehen bei ihm im Mittelpunkt.

Sein Buch durchzieht die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus, dem er eine verführerische aber trügerische Suggestivkraft bescheinigt. Aus dem Einsatz für das „große Ganze“ und die „richtige Sache“ erwuchs aber gerade im 20. Jahrhundert oft eine Bereitschaft für die Rechtfertigung für Unrecht und Terror. Auch den Zionismus sieht er in seiner derzeitigen Form nachhaltig diskreditiert. Die Politik Israels befindet sich nach seinen überzeugenden Analysen seit 1967 in einer Sackgasse zwischen erlebter und inszenierter Bedrohung einerseits und militärischer Eskalation andererseits. Bereits vor einigen Jahren sorgte seine sachlich begründete Position in den USA und in Israel für Empörung.

Tony Judts Standpunkt wird auch aus seiner Biografie heraus verständlich. Durch sein Elternhaus ist er seit seiner Jugend mit marxistischen Ideen vertraut. Er selbst lebte in Israel im Kibbuz und verstand sich als Zionist. Die leidvollen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts haben ihm die Illusion genommen, dass diese mit intellektueller Leidenschaft und geschichtlichem Pathos vertretenen Großprojekte ohne ihre historischen Erscheinungen zu denken sind.

Wenn er auch Person und Werk zu unterscheiden weiß, fällt sein Urteil gegenüber den kommunistischen „Fellow Travellers“ folglich besonders scharf aus. So hebt er z.B. zwar die Bedeutung der Werke des britischen Historikers Eric Hobsbawn hervor und lobt die Autobiografie, bezieht aber gleichzeitig dessen lebenslange Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei kritisch in seine Charakterisierung ein. Kein gutes Wort findet der Historiker Judt dagegen für die strukturalistische Marx-Interpretation des französischen Philosophen Louis Althusser und seine Schule. Eindrucksvoll und mit viel Hingabe geschrieben sind dagegen Judts Studien zu den heute nur wenig bekannten Intellektuellen wie Leszek Kołakowski und Primo Levi.

Ein weiterer Abschnitt des mitunter etwas willkürlich zusammengestellten Sammelbands (So findet sich z.B. eine Rezension über Papst Johannes Paul II in dem Block zu den politischen Intellektuellen) beschäftigt sich mit Erinnerungsorten und einzelnen Staaten. So unterschiedliche Länder wie Rumänien, Belgien und Israel werden in einzelnen Aufsätzen anhand historischer Umbrüche analysiert und charakterisiert. Insbesondere die Entwicklung Israels seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 ist für Judt von hervorgehobenem Interesse.

Mit eindrücklicher Prägnanz betreibt Judt das Handwerk des Historikers und fungiert dabei selbst als Intellektueller. Er konzentriert sich auf eine Person, ein Ereignis oder ein Land und diskutiert anhand dieser Beispiele zentrale Fragen, die weit über das Spezifische des gewählten Sujets hinausgehen. Seine profunden Sachkenntnisse erlauben es ihm, auch in der Komplexität intellektueller Gedankenwelten mit klarer Sprache auf Schwachstellen und Widersprüche einzugehen. Neben der genauen Analyse der historischen Konstellationen fallen insbesondere seine pointierten Wertungen auf. Auch wenn die Leserin oder der Leser wohl nicht mit jeder seiner Einschätzungen übereinstimmen wird, so liefert doch dieser Mut zu Deutung und Meinung eine angemessene Form der Auseinandersetzung mit dem 20. Jahrhundert. Krieg und politische Gewalt, intellektuelles politisches Engagement und Totalitarismus, die soziale Frage und die Legitimität politischer Ordnungen erfordern geradezu einen Standpunkt, der bei Judt immer deutlich, zugespitzt, aber nie ideologisch wirkt.

Tony Judts Interventionen in die öffentlichen Debatten sind vor allem in der angloamerikanischen Welt berüchtigt und geschätzt zugleich. Jüngst lösten seine Abrechnung mit dem Wirtschaftsliberalismus und sein Plädoyer für das Bewahren sozialer Errungenschaften lebhafte Kontroversen aus. Die „Berliner Republik“ widmet der „Tony-Judt-Debatte“ in ihrer aktuellen Ausgabe einen ganzen Schwerpunkt. Sein neuestes Buch „Ill Fares the Land“ ist eine Streitschrift wider die soziale Kälte. Mit großer Leidenschaft führt Judt die Verteidigung des Sozialstaats und Regulierung der Wirtschaft als die Kernbereiche der Sozialdemokratie im 21. Jahrhundert an. Dies klingt nicht besonders originell und wird in den Kommentaren auch oft als konservativ abgestempelt, thematisiert aber zumindest zentrale Ursachen des sozialdemokratischen Niedergangs.

Ob dieser ethische, auf die Angst vor der Zukunft zielende Standpunkt ausreicht, dürfte in der Tat zu bezweifeln sein. Tony Judts Interventionen für politisches Engagement regen aber auf jeden Fall zum Nachdenken an und fordern zu ernsthaften Debatten heraus.

Rezension zu: Tony Judt, Das vergessene 20. Jahrhundert. Die Rückkehr des politischen Intellektuellen, München: Hanser 2010.

Philipp Kufferath ist wissenschaftliche Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


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