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„Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft“

David Bebnowski |  10. Mai 2010 |   |  Drucken

Symptome der Gegenwartskultur

[präsentiert]: David Bebnowski liest Robert Pfaller

Was hat die Fernsehserie CSI mit dem Rauchverbot gemeinsam? Warum verschwindet der Glamour aus dem öffentlichen Leben? Weshalb spricht man nur noch über kreative, nicht aber geniale Menschen? Vor allem: Wie hängt all dies zusammen?

Der österreichische Kulturwissenschaftler Robert Pfaller geht in seiner 2008 erschienenen Publikation „Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft“ diesen so merkwürdig komplexen und auf den ersten Blick völlig zusammenhanglosen Fragen nach. Wie der Titel des Buchs verrät, liegt die Antwort in der Vernunft. Denn durch die wissenschaftliche Durchdringung der Welt verliere sie ihre mythologische und magische Seele.

So weit ist dies nichts Neues. Beklagt wurde die „Entzauberung der Welt“ schließlich schon vor rund 100 Jahren vom großen deutschen Soziologen Max Weber. Es ist also kaum diese Behauptung, die Pfallers Buch so interessant und außergewöhnlich macht. Das Besondere ist vielmehr, dass es dem Autor trotz dieser Tendenzen gelingt, in der zeitgenössischen Gesellschaft verschiedenste Phänomene zu benennen, die sich Aufklärung und rationaler wissenschaftlicher Begründungen verschließen. Die Riten des Karnevals können beispielsweise kaum rational begründet werden. Auch der alltägliche Aberglaube, der sich in Akten wie dem Sprechen mit Gegenständen niederschlägt, ist kaum mit rationalen Überlegungen beizukommen.

Es wird also auch heute noch fröhlich vor sich hin gezaubert. Gleichwohl wird an diesen und anderen Beispielen gezeigt, wie auffällige, transzendente, oder gar magische Verhaltensweisen immer weiter zurückgedrängt werden. Es öffnet sich hier also ein interessanter Gegensatz. Und eben daran macht Pfaller untergründige gesellschaftliche Entwicklungen deutlich. Seine interessante Kulturanalyse verdeutlicht am Ende mittels unorthodoxer Verknüpfungen verschiedenster Beispiele Tendenzen des gegenwärtigen Zeitgeists.

Vor allem fällt dabei die unerbittliche Reaktion der Gesellschaft auf. Denn allenthalben sind Entwicklungen hin zur Profanisierung und Einebnung von Auffälligkeiten zu beobachten. Die Gesellschaft verbietet sich das Spielen, überall zieht der „heilige Ernst“ ein. So werden zum Beispiel Inszenierungen dadurch verteufelt, dass sie nicht authentisch sind. Denn dem sich inszenierenden Menschen haftet etwas Unerklärliches an – dies wird von der Mehrheitsgesellschaft nicht länger goutiert. Auf diesem Wege verschwindet auf untergründigen Wegen der Glamour, werden Moden alltäglicher, Städte ohne öffentliche Plätze konzipiert und weitere Möglichkeiten zum spielerischen Umgang miteinander eingeschränkt. Das unerklärbare Übersinnliche wird als schmutziges Heiliges wahrgenommen. Demgegenüber wird der reinen Vernunft der Vorrang gewährt. Ein mithin reaktionärer Zug des alltäglichen Lebens.

Und genau an dieser Stelle befindet sich die Verknüpfung zwischen den eingangs aufgeführten Phänomenen. Wenn die Ermittler in der Fernsehserie CSI mit neuesten wissenschaftlichen Methoden Täter anhand von mikroskopischen Schmutzpartikeln überführen, taugt dies sehr wohl als Symbol für die Gegenwartskultur. Der Täter befleckt das reine, sozialkonforme öffentliche Leben. Die Identifizierung und Beseitigung des Schmutzes stellen so die Sauberkeit und auch den Zusammenhalt des sozialen Gefüges wieder her. Individuelle, gebrochene Charaktere sind in diesen Serien nicht mehr existent, verquickte, vielschichtige Plots werden zur Makulatur. Im Resultat wird von der Filmindustrie so ein profanes, an äußeren Regeln orientiertes Nebeneinander als wünschenswerter Zustand der Gesellschaft propagiert. Ähnliches lässt sich auch am Rauchverbot deutlich machen.

So zeigt Pfaller in seinem Buch, dass das Rauchen immer auch Öffentlichkeit und – man denke nur an die guten Partygespräche – Gemeinschaft bedeutete. Aus diesem Grund hätten sich Nichtraucher in der Vergangenheit häufig mit Zigaretten fotografieren lassen. Über das inszenierte Rauchen trat der Mensch in Kontakt mit dem Betrachter – wahre Magie. Das Rauchverbot, das auf Grundlage vernünftiger Argumente mit dem biopolitisch/wirtschaftlichen Ziel der Steigerung der Volksgesundheit zur Entlastung öffentlicher Kassen eingeführt wurde, riss also zugleich ein ordentliches Stück Sozialität ab. Interessant ist dabei nicht zuletzt, dass am Rauchverbot deutlich wird, dass Krankheiten nicht mehr als Schicksalsschläge, sondern zunehmend als selbstverantwortete Übel gesehen werden. Der endgültige Rückzug des Staats aus der Gesundheitsversorgung scheint ob dieser Beobachtung vorprogrammiert.

Als ein weiteres Symptom der Gegenwartskultur wird die Zunahme des Narzissmus identifiziert. Dieses Phänomen könne seit den späten 60er Jahren beobachtet werden und drückt sich insbesondere in den emanzipatorischen politischen Bewegungen in Folge der 68er aus. Anstatt als fremd wahrgenommene Aspekte in das eigene Ich zu inkorporieren, würden Menschen versuchen diese zu bekämpfen, um sich Ich-konforme Verhaltensweisen und Einstellungsmuster wieder anzueignen. Menschen suchen die Wahrheit nun mehr und mehr in sich selbst, werden zu ihrem eigenen Maßstab. So erhält das Authentische, das angeblich wahre, nur dem eigenen Ich unterworfene Verhalten den Vorrang vor faszinierendem Fremden. Im Resultat geschieht also etwas durchaus Vorhersehbares: Menschen beginnen sich und andere zu normieren. Deswegen erhält die sozialverträgliche Kreativität Vorrang vor der Genialität, verschwinden Glamour und Inszenierung aus dem öffentlichen Leben. Darüber hinaus liegt im Narzissmus auch eine entscheidende Triebfeder der heutigen Prekariatsökonomie: „Wenn es einer Kultur gelingt, die Hauptsorge der Leute auf ihr imaginäres Ich zu richten, dann lassen diese Leute ihrem wirklichen Ich eine ganze Menge gefallen (…).“ (S. 57) Hiermit attackiert Pfaller scharf das Vertrauen in die digitale Bohème und das befreiende Potential der immateriellen Arbeit à la Negri und Hardt.

Diese Beispiele geben nur in Ansätzen wieder, welch breites Spektrum an Ideen und kulturellen „Symptomen“ Robert Pfaller in seinem Buch auf die Schliche kommt. Ob der Breite des Angebots leidet die Lesbarkeit gegen Ende des Buches zwar ein wenig, dennoch gelingt dem Autor ein faszinierender Einblick in den gegenwärtigen Zeitgeist. Dabei bedient sich die interessante Analyse zur Illustration verschiedenster sozialwissenschaftlicher Theorien, zeitgenössischer Philosophie und der Psychoanalyse. Lässt man sich auf die Gedankengänge Pfallers ein, kann man mit Leichtigkeit verzaubert zurückgelassen werden – schön, denn eben der Zauber scheint der heutigen Kultur abhanden gekommen zu sein.

Robert Pfaller: Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft – Symptome der Gegenwartskultur, 2008; Fischer, Frankfurt a. M.


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