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Das Politische Geschlecht

Jöran Klatt |  2. Juni 2015 |   |  Drucken

Das politische Geschlecht

[debattiert]: Jöran Klatt über die Herausforderung und Aktualität der Kategorie Gender

Seit nun bald zwei Jahren diskutiert Baden-Württemberg intensiv darüber, ob und in welcher Form der Sexualkundeunterricht verschiedene Entwürfe sexueller Präferenzen als Normalität darstellen darf. Pegida und auch das AfD-Grundsatzprogramm warnen vor einem Gender-Mainstreaming. Und nicht zu vergessen: die Frauenquote. Auch 2015 mangelt es offenbar nicht an sozialer Energie und Konfliktpotenzial, wenn es um Kategorien der Geschlechtlichkeit geht. Ein Blick auf das Politische Geschlecht bietet sich also an – auf die Rolle, die Gender als Kategorie von policy und politics hat. Das Institut für Demokratieforschung wird sich mit der hier beginnenden Reihe in den folgenden Wochen und Monaten dieser Thematik widmen. Die Perspektive Gender einzunehmen, bedeutet dabei nicht selten ein soziales Spannungsfeld zu betreten.

Allein schon das Wort löst – oftmals eben auch in akademischen Sphären – nach wie vor jenes Unbehagen aus, von dem einst die Philosophin Judith Butler schrieb.[1] Gender-Diskurse scheinen Affirmation oder Ablehnung, eine klare Positionierung, geradezu einzufordern.

Dabei heißt Gender nicht zwingend, eine bestimmte normative Position zu vertreten. Gleichwohl die Kategorie eine gewisse Grundsympathie für Vorannahmen, wie etwa die kulturelle und soziale Bedingtheit vermeintlich ontologischer Evidenzen, impliziert – oder schlicht: Selbstverständliches als eben nicht Selbstverständliches zu beschreiben versucht –, so gebietet sie im Eigentlichen keinen Pfad zu einer bestimmten Ideologie oder der automatischen Ableitung neuer zu propagierender sozialer Werte. Gender ist zunächst eine Frage, eine Perspektive und eine Theorie. Als Wissenschaft versucht sie zu beschreiben und zu analysieren, nicht in erster Hinsicht zu belehren.

Indes ist da natürlich der historische Ursprungsort, der im Kampf der Frauen um Gleichberechtigung liegt. Auch als Wissenschaft ist Gender daher immer zumindest eine Normativität zu eigen, die das Bewusstsein mit sich bringt, eine Disziplin zu sein, deren grundlegende Fragen überhaupt stellen zu können, erst möglich gemacht werden musste. Doch für das 21. Jahrhundert ist die Lage noch komplizierter geworden. Mit den 1990er Jahren erreichte der Feminismus – ob rein politisch oder akademisch – einen Zustand, der zuweilen als seine dritte Welle bezeichnet wird. Bis dahin war in der Bewegung zwar bereits die Frage, wer der legitime historische Verbündete ist, gestellt worden ­– sei es Sozialismus, Kapitalismus oder Ökologie. Darunter mischte sich nun eine kritische Hinterfragung des eigenen Subjekts – ausgehend von der Erkenntnis, dass die bisherige Bewegung etwa implizit eurozentrisch sei und nicht zuletzt dadurch Gefahr liefe, Fehler im Stile einer Dialektik der Aufklärung zu wiederholen. Oder anders gesagt: Es wurde darüber gestritten, für welches und wessen Ziel sowie für wen man eigentlich kämpfte.

Und diese Kritik kam, wie die schwierigsten meist, von innen, von den Frauen selber, genauer: von jenen, die nun nicht mehr Teil eines homogenen historischen Subjekts sein wollten. Grob zusammengefasst differenzierte sich die Bewegung nun in zwei Lager: Zunächst stand die Erkenntnis, „daß die Identitätskategorien, die oftmals als grundlegend für die feministische Politik gelten, […] gleichzeitig gerade dahingehend wirken, daß sie eine Begrenzung und Einschränkung der Möglichkeiten bewirken, die der Feminismus eröffnen soll“[2]. Dies führte u.a. zur Gründung der Queer-Theorie, die versucht, Errungenschaften und Ziele feministischer Kritik nun auf bisher übersehene Gruppen zu übertragen; aber viel mehr noch grundlegende Denkkategorien aufzubrechen.

Vor allem die Sprache wurde Gegenstand dieses Ansatzes, analytisch wie normativ. Gender-Konflikte entzünden sich seither oftmals an Sprachregelungen. Man denke nur an das Konfliktpotenzial der Frage, ob es legitim sei, sich neben den üblichen Versionen des akademischen Titels Professorin oder Professor auch ggf. Professorix zu nennen. Wer spricht? Was wird gesagt? Was davon gilt? Neuer Ort des Konfliktes wurde der Logos, neues Feindbild oftmals das, was Judith Butler als die „Subjekt/Objekt-Dichotomie, die hier zur Tradition der westlichen Epistemologie gehört“[3], bezeichnete.

Wenn etwa die (post-strukturalistische) Philosophin Butler die dispositive Wirkung der Sprache hinterfragt – also wie die Beschaffenheit der Sprache einen Diskurs vorstrukturiert –, fordern die (strukturalistischen) Kritiker dieses Ansatzes klare Kategorien – also eine konkrete Sprache und eine Terminologie, die eben Subjekt und Objekt kennt. Dieser Streit besteht nun mit dem eigenen Lager – also dem Milieu, welches das historische Projekt zumindest in Grundzügen teilt – sowie mit jenen auf der anderen Seite. Wer also die Kategorie Frau und Mann hinterfragt, legt sich mit „den“ Männern sowie mit „den“ Frauen an – zumindest mit denen, die dies bleiben wollen oder darin kein (oder kein so großes) Problem sehen.

Denn auf der anderen Seite bildete sich eine weniger dekonstruierende Haltung heraus, die auch entschieden weniger Grundlage einer eigenen Organisation, Institution oder gar Bewegung sein will. Mit dem Begriff der „Neuen F-Klasse“ gab die Schriftstellerin Thea Dorn diesem Trend einen Namen. Anstelle von Hinterfragung, Dekonstruktion und Kritik an herrschenden Verhältnissen geht es den Vertreterinnen dieses Ansatzes um eine neue Weltaneignung der Frauen. Dorn beschreibt eine Generation von Frauen, die „neue Wege zwischen Feminismus und Karriere gehen“[4]. Dieser Ansatz ignoriert nicht die Probleme, die es bei mangelnder Gleichberechtigung gebe, legt aber den Fokus auf das Zelebrieren des inzwischen mehr und mehr selbstverständlich Werdenden. „Männer werden lernen müssen, mit Frauen ebenso fair und lustvoll zu konkurrieren, wie sie es mit anderen Männern schon seit Jahrtausenden tun. Ansonsten blickt nicht nur die Menschheit, sondern blicken erst einmal sie selbst finsteren Zeiten entgegen“, heißt es da.[5] Anstelle des Ziels, Weiblichkeit zu idealisieren oder Geschlechtlichkeit zu überwinden, steht eine radikale Neu-Interpretation der dritten Welle.

Feministische Positionen sind also mit dem 21. Jahrhundert ambivalent(er) und vielfältig(er) geworden und konkurrieren durchaus auch untereinander. Dabei bleibt der Ansatz natürlich auch fundamental umkämpft. Selbst die Frage, ob Genderforschung immer automatisch auch eine feministische Position nach sich ziehen muss, ist dabei umstritten. Als Perspektive im 21. Jahrhundert bedeuten Fragen dieser Art also, egal welche der divergierenden Auffassungen man nun teilt – und sei es sogar die Grundannahme der Relevanz des Ansatzes –, sich mit diesen Ambivalenzen auseinanderzusetzen. Die Reihe „Das Politische Geschlecht“ will hierauf aufmerksam machen.

 Jöran Klatt arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt am Main 1990.

[2] Ebd., S. 215.

[3] Ebd., S. 211.

[4] Dorn, Thea: Die Neue F-Klasse, München 2006, S. 37.

[5] Ebd., S. 323.


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