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Das Mysterium des Eisernen

Robert Lorenz |  6. März 2013 |   |  Drucken

[analysiert]: Robert Lorenz fragt nach dem Verbleib der Gewerkschaftshelden.

Irgendwie ist es doch rätselhaft. Erscheint das gegenwärtige Führungspersonal der Parteien und Gewerkschaften nicht überwiegend beliebig, austauschbar, wenig erinnerungswürdig? Markante Köpfe finden sich augenscheinlich nur in der Vergangenheit, tief in der Geschichte der Bonner Republik verborgen. Früher habe es womöglich „nirgendwo sonst“ wie in den Gewerkschaften, so Christian Graf v. Krockow, „so ausgeprägt die kantigen Persönlichkeiten, die Stammesherrscher, diese Männer mit dem festen Selbstbewußtsein, ja: die Herren im besten Sinne des Wortes“[1] gegeben. Welcher heutige Spitzengewerkschafter aber kann schon mit einem martialischen Beinamen wie einstmals der IG Metall-Vorsitzende Otto Brenner – der „Eiserne“ – aufwarten? Und weshalb werden noch immer auf die Altstars der Sozialpartnerschaft ehrfürchtige Erinnerungsartikel verfasst, die sie wie im Falle des einstigen ÖTV-Vorsitzenden Heinz Kluncker – dem Anführer einer Gewerkschaft, an deren Kürzel man sich kaum noch erinnern kann – als außergewöhnliche Männer porträtieren? Aber waren das eigentlich wirklich solch unnachahmliche Persönlichkeiten und wenn ja: Warum hat die jüngere Gewerkschaftsgeschichte seither keine weiteren derartigen Kaliber mehr hervorgebracht?

Jene in den 1920er Jahren geborenen Gewerkschafter, die in den 1960er, 70er und z.T. auch noch 80er Jahren an den Spitzen ihrer Organisationen standen, eint ein ähnlicher Karriereweg, der sich zunächst nicht sonderlich von dem späterer Funktionärskohorten unterscheidet.[2] Allesamt waren sie soziale Aufsteiger, stammten aus Arbeiterhaushalten. Ihre Väter waren pflichtgetreue Facharbeiter, die sie nach der Volksschule in die kaufmännische Ausbildung oder die Handelsschule schickten, um ihnen den Aufstieg zu ermöglichen. Sie kannten daher noch das alte Arbeitermilieu, in dem sie als Kinder großgeworden waren, das sie jedoch als Jugendliche bzw. junge Erwachsene verließen. Früh mündete ihr Berufsleben in eine bezahlte Funktionärstätigkeit in der SPD oder in einer Branchengewerkschaft. Dort begannen sie als Sekretäre, wurden Redakteure des Verbandsorgans und landeten relativ schnell, im Hauptvorstand, auf der Spitzenebene ihres Verbandes. So verliefen die Karrierewege etwa von Georg Leber (Vorsitzender IG Bau-Steine-Erden 1957-1966), Karl Hauenschild (Vorsitzender IG Chemie-Papier-Keramik 1969-1982) oder Heinz Kluncker (Vorsitzender ÖTV 1964-1982).

Sie bildeten einen neuen Typus von Gewerkschaftsfunktionären: den Karrieregewerkschafter, der keine berufliche Erfahrung mehr außerhalb der Organisation gesammelt hatte, weil er dort nahezu sein gesamtes Erwerbsleben verbrachte. Wesentlich anders als die Vita z.B. des langjährigen, noch bis 2009 amtierenden Chemiegewerkschaftschefs Hubertus Schmoldt, dessen Funktionärslaufbahn in den 1970er Jahren begann, waren frühere Lebensläufe also nicht. Auch viele Angehörige der Schmoldt-Generation legten zumeist lupenreine Organisationskarrieren hin, absolvierten zwar eine Lehre, begannen dann jedoch ein Studium an der Gewerkschaftsschule und wurden von der Organisation anschließend als hauptamtliche Funktionäre eingestellt, wonach sie schrittweise vom einfachen Mitarbeiter zum Bezirkssekretär, Verwaltungsstellenchef und schließlich in den Hauptvorstand aufstiegen.

Einzig in der Lebenserfahrung mochten sich die früheren von den späteren Funktionären abheben, denn sie hatten das „Dritte Reich“ miterlebt, waren als Hitlerjungen  marschiert, hatten in Wehrmachtsuniform an der Front gestanden oder an der Flak in den Bombennächten auf britische Kampfflugzeuge geschossen; nach dem Krieg wirkten sie dann als geläuterte Überlebende am Wiederaufbau und der Republikgründung mit. Ihr Leben war folglich beträchtlich schicksalhafter verlaufen als das der in den 1940er und folgenden Jahren geborenen Gewerkschafter.

Aber ansonsten? Äußerlich, rhetorisch und habituell, waren sie keine schillernden Figuren, eher langweilig und grau. Ihr damaliger Auftritt in den Medien war nicht sonderlich spektakulär, die meisten von ihnen wurden von der öffentlichen Meinung alles andere als charismatisch empfunden. Die IG-Metall-Legende Otto Brenner, dem in der Organisationsfolklore eine nahezu religiöse Verehrung zuteilwird, war zu seinen Lebzeiten bieder und dröge. Journalisten begegnete bei einem Brenner-Besuch „ein ‚normaler‘ Mensch ohne Pose, ohne Getue, ohne leeres Pathos“[3], immer pünktlich, mit roter Krawatte, weißem Hemd und dunkelgrauem Anzug mit weißem Einstecktuch bekleidet – eine durch und durch dezente wie akkurate Erscheinung, bei der lediglich die aus heutiger Sicht exaltierte Brille hervorsticht. Jenseits seiner Tätigkeit und seiner schicksalsbeladenen Vergangenheit, in der auch die Verhaftung durch NS-Schergen vorkommt, war er eine eher unauffällige Persönlichkeit – ein Mann, der in seinem Wintergarten ein Blumenbeet bestellte, seiner Frau Martha ein treuer Ehegatte war, in einer Dreizimmerwohnung lebte und dessen exzentrischste Hobbys Wandern und Fotografieren waren. Ähnlich der IG Chemie-Chef (1982-1995) Hermann Rappe: Er war sein Leben lang mit derselben Frau verheiratet, gärtnerte gern und liebte das Wandern mit seinem Kurzhaardackel.[4]

Woher aber kommen dann Mythos und Aura der Alten? Im Folgenden ein Erklärungsversuch in zwei Etappen: Erstens profitierte diese Kohorte Gewerkschaftsführer vom wirtschaftlichen und politischen Umfeld, in dem sie agierte – kombiniert mit langen Amtszeiten in den „goldenen Jahren“ schier unaufhörlichen Wirtschaftswachstums. Inmitten einer scheinbar endlos prosperierenden Gesellschaft, in der sich das Konsum- und Wohlstandsniveau kontinuierlich erhöhten, ließen sich Gewerkschaftsführer leicht als Urheber einer materiell beglückenden Tarifpolitik identifizieren – die Tarifverträge, die sie abschlossen, brachten ihrer Klientel Eigenheime, Kühlschränke und Italienurlaube.

Persönlichkeiten wie „Schorsch“ Leber, so glaubte man sich bereits in den 1980er Jahren zu erinnern, hätten eben noch alles kraft ihrer natürlichen Autorität in vertraulichen Vieraugengesprächen mit den Arbeitgebern zum Wohle der Arbeitnehmer geregelt.[5] Und Otto Brenner galt als harter Hund, der sich offenkundig weder von Unternehmern noch von Politikern etwas sagen ließ – als ein in der Wolle gefärbter Arbeiter, der seine Herkunft auch an der Spitze einer politisch einflussreichen Großorganisation nicht vergessen hatte, dem man vorbehaltlos vertrauen konnte. Bei Brenner fühlten sich die Metallarbeiter behütet, ihm nahmen sie ab, alle erdenklichen Maßnahmen zu ergreifen, um ihre Interessen durchzusetzen – ihm, den seine Gegner in einer Mischung aus Ehrfurcht und Kopfschütteln „Vorsitzenden der eisernen Faust“[6] nannten.

Heinz Kluncker hingegen stand  für eine glorreiche Epoche, für zweistellige Lohnerhöhungen, dreizehnte Monatsgehälter, sinkende Arbeitszeit. Auch die  kurz darauf einsetzende Organisationskrise konnte ihm nicht seinen Nimbus entziehen  – rein zufällig, weil er 1982 auf Anraten seiner Ärzte zurücktrat. Ihm, der rabiat von seiner großen Organisations- und Marktmacht Gebrauch machte und harte Tarifschlachten schlug, schrieb man sogar zu, Willy Brandt 1974 als Kanzler zu Fall gebracht zu haben, weil er in einem heftigen Tarifclinch mit wochenlangem Streik im öffentlichen Dienst elf Prozent durchsetzte.[7] Sein Name war sogar so sehr zum Synonym für Wohlstand geworden, dass der Wirtschaftsweise Peter Bofinger noch 2004 eine Aussage mit dem Ausruf verteidigte, er wolle bloß nicht als „neuer Heinz Kluncker des 21. Jahrhunderts missverstanden werden“[8].

Nach Kluncker schien es allerdings endgültig bergab zu gehen, die Zeit mit regelmäßigen Lohnerhöhungen im zweistelligen Prozentbereich vorüber.[9] Kurz: Die Wirtschaftslage hatte die Gewerkschaften mächtig gemacht und deren Oberhäuptern erlaubt, als Tarifkämpfer und Wohlstandsspender aufzutreten, hartgesotten und verlässlich. Indem sie den Vorteil einer florierenden Wirtschaft ausspielten, war ihre Zeit erheblich positiver konnotiert als die ihrer Nachfahren an den Spitzen von Gewerkschaften, die nunmehr unter den erschwerenden Bedingungen von Sockelarbeitslosigkeit, marktbedingter Verhandlungsschwäche und stagnierendem Wirtschaftswachstum in einem viel nachteiligeren Umfeld zurechtkommen mussten und mit denen sich das Ende der Wohlstandsgewissheit verband.

Leber, Kluncker und ihre Altersgenossen aus den 1960er und 70er Jahren waren daher bereits in den 80er Jahren die Hauptdarsteller mythischer Narrative, Repräsentanten einer irgendwie besseren Zeit. Anders ausgedrückt: Während Kluncker einigermaßen verlässlich für Gehaltserhöhungen sorgte, schienen Monika Wulf-Mathies oder Frank Bsirske lediglich rat- und hilflos den Niedergang einer einstmals großen Organisationsmacht zu verwalten.

Und zweitens hatten die früheren Gewerkschaftsführer einen Medien-Vorteil. Massenmedien haben, obwohl auch früher schon wirksam, politische Führung seither erschwert. Sie stellen die Akteure unter Dauerbeobachtung, kaprizieren sich auf Fehltritte und bestrafen dadurch fast jede Unachtsamkeit – heute stärker als in den 1950er, 60er und 70er Jahren. Als Brenner, Leber oder Kluncker ihre Organisationen führten, gab es nicht einmal private Rundfunk- und TV-Sender, geschweige denn rasante und nahezu allerorten verfügbare Informationsquellen wie das Internet – es gab den Spiegel, aber kein Spiegel Online. Wer vermag schon zu sagen, wie sich eine autoritäre Figur wie Brenner oder ein alles andere als telegener Kluncker in der heutigen medienvermittelten Politikwelt zurechtgefunden und welche Publikumswirkung sie gehabt hätten?

Dr. Robert Lorenz arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Gerade ist von ihm das Buch „Gewerkschaftsdämmerung. Geschichte und Zukunft deutscher Gewerkschaften“ im transcript-Verlag erschienen.
Foto: Der Eiserne Otto / Benutzer:AxelHH

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[1] Krockow, Christian Graf v.: Unser Mann in Bonn, in: Die Zeit, 23.11.1984.

[2] Siehe hierzu u.a. Henkels, Walter: Der „Boß“ der Bergarbeiter, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.11.1966; ders.: Der Boß der Bauarbeiter, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.06.1963; o.V.: Walter Arendt, in: Der Spiegel, 09.12.1964.

[3] Wald, Eduard: Das Porträt: Otto Brenner, in: Frankfurter Hefte, Oktober 1956, S. 692 f.; vgl. im Folgenden daneben Arnsperger, Klaus: Der Mann mit dem eisernen Arm, in: Süddeutsche Zeitung, 15./16.03.1958; Hartelt, Horst-Werner: Der Mann am Ruder. Ein Tag im Hause Otto Brenners, in: Freie Presse, 01.05.1958; Meenzen, Hanns: Felsblock oder Bürgerschreck, in: Neue Westfälische, 17.04.1972; Müller-Engstfeld, Anton: Einer der ‚jungen Männer’, in: NRZ, 08.09.1956; o.V.: Brenner, in: Deutsche Zeitung, 22.09.1954; Vetter, Ernst Günter: Es spricht: Otto Brenner. Porträt eines Gewerkschaftsführers, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.1956.

[4] Vgl. Herles, Helmut: Nie hemdsärmelig, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.12.1982.

[5] Siehe bspw. Michaels, Heinz: Ein Mann ohne Fortune, in: Die Zeit, 25.03.1983.

[6] Zitiert nach Hartelt, Horst-Werner: Der Mann am Ruder. Ein Tag im Hause Otto Brenners, in: Freie Presse, 01.05.1958.

[7] Siehe Vetter, Ernst Günter: Ein harter Kämpfer geht und hinterläßt die Kollegen ratlos, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.06.1982.

[8] Bofinger zitiert nach Fickiner, Nico (Interview mit Peter Bofinger): „Ich bin nicht der Kluncker des 21. Jahrhunderts“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.11.2004.

[9] Siehe bspw. Martens, Erika: Kollege Frust stimmte mit, in: Die Zeit, 10.06.1983.


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