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Das Ende ist nah

David Bebnowski |  30. August 2010 |   |  Drucken

[präsentiert]: David Bebnowski über Slavoj Žižek und dessen neues Buch „Living in the End Times“

Slavoj Zizek ist ein Charismatiker. Es gehört zum Wesen des Charismatikers, dass Widersprüche sich in seiner Person zu einem merkwürdigen Amalgam verbinden, das Leute in einen übersinnlichen Bann zieht und verzaubert zurücklässt. Dies ist das Charisma. Charismatiker müssen deswegen also keinesfalls Ebenbilder, gar galante Ideale der Masse sein, auf die ihr Zauber wirkt. Vielmehr ist es der Gegensatz, der Bruch mit dem Erwartbaren, der ihnen ihren Schein verleiht.

Diese Brüche und Gegensätze können in jeder Rede Zizeks bestaunt werden. Der Ablauf: Ein übergewichtiger, grau gekleideter, bärtiger Mann schimpft wild gestikulierend vom Rednerpult. All dies geschieht auch noch in einem wahrlich berserkerhaften Akzent. Gar nicht hierzu passen möchten die elaborierten Fachvokabeln und Denkfiguren, die auf hochgradig originelle und witzige Weise vorgetragen werden. Zudem bewegt sich dieser äußerlich so unbehände Mann in einer furchteinflößenden Rasanz durch schwierigste Philosophie.

Man spürt eine seltsame Rastlosigkeit, die tiefe Überzeugung mischt sich mit leisem Zweifel, Zizek selbst sucht die Erklärung. Er, der Theoretiker, kann dabei nur bedingt auf ein eigenes Gedankengebäude zurückgreifen. Eher synthetisiert er bestehende Fragmente elegant zu neuer Form. Die Güte seiner ausgefallenen Beobachtungen, oft stammen sie aus Comics und Hollywoodfilmen, schmälert dies keineswegs. Kurzum: Es ist nicht leicht mit ihm, Zizek fordert heraus, polarisiert, ist anders. Und sich dabei nicht zu schade, dies seinem allzu oft ergebenen Publikum auch zu zeigen. Wenn man mit ihm kein Steak essen kann, da alle Zuhörer und Mitdiskutanten Vegetarier seien, erwidert er trocken, dass diese Degenerierte seien: „You’ll all turn into monkeys.“ Sie kommen wieder – Zizek ist ein spezifisches Charisma eigen.

Dieses zeigt sich auch in seinem neuen Buch Living in the End Times. Hier wird auf rund vierhundert Seiten erklärt, wie der Mensch sich angesichts der drohenden Apokalypse verhält. Als die vier größten gegenwärtigen Bedrohungen der Menschheit identifiziert Zizek erwartungsgemäß die ökologische Krise, das Ungleichgewicht der weltweiten Ökonomie sowie die größer werdenden sozialen Ungleichheiten, weniger erwartungsgemäß auch die biogenetische Revolution. Zizek lässt keinen Zweifel – die Apokalypse kommt. Ihre Abwendung interessiert ihn nicht, mithin möchte er nur beschreiben, wie sich die Menschheit angesichts des nahenden Endes verhält.

Die Denkfigur, mit der der Philosoph dies abzubilden versucht, ist eine bekannte Formel aus der Psychoanalyse. Konfrontiert mit einem Schicksalsschlag, beispielsweise eine tödliche Erkrankung, durchlaufen Menschen fünf aufeinander folgende Stadien der Kummerbewältigung. Zunächst Verdrängung der Diagnose. Dann explosive Wut, gefolgt von Versuchen, mit dem Schicksal Handel zu treiben. Die letzten beiden Stufen ergehen sich in Depression und schließlich in der Akzeptanz des Schicksals. Diese fünf Stufen gliedern das Buch in fünf Kapitel voller Analysen der Gegenwartskultur. Dabei muss man sich jedoch anstrengen, diese Stufen in den Kapiteln wiederzufinden. Dies könnte daran liegen, dass Zizek (auch) in diesem Buch kreatives Recycling seiner letzten Kompendien betreibt. Und so bleibt es schwierig, seinen Parforceritt umfassend nachzuzeichnen. Zu vielschichtig und facettenreich sind seine Beobachtungen, die ständig anhand großer Kultur und neuester populärer Erzeugnisse illustriert werden. Immer kann man jedoch darauf zählen, dass sich die eine oder andere gänzlich gegen den Strich gebürstete Erkenntnis auftut. Und Zizek ist zum Heiland weiter Teile der radikalen Linken und enfant terrible der Philosophie geworden, weil er diesen Kniff besser beherrscht als viele ihm nahe Denker.

Denn immerzu werden herkömmliche, häufig linke Denkgebäude, eingerissen: Was würde passieren, wenn die Krise nicht dazu führte, dass sich die Massen erheben, wie es eine weit verbreitete Lesart voraussetzt? Verwiese dies nicht auf ein grundsätzliches Problem in der Konzeptualisierung dieser Idee? Zur Illustration bemüht er die Idee des Kommunismus. Später fährt Zizek fort und verweist darauf, dass die (orthodoxe) marxistische Werttheorie nicht stimme. Er wendet sich in aller Entschiedenheit gegen das Feiern von 1968 als (prä-)revolutionärer Situation. Die intellektuelle Kantigkeit, gepaart mit rhetorischer Schärfe und politischer Unerbittlichkeit, ist dafür verantwortlich, dass Zizek viele Freunde, aber auch Feinde besitzt. Orthodoxe Marxisten hassen ihn für „seinen“ strukturellen Marxismus – „bürgerliche“ Intellektuelle lieben ihn für seine unorthodoxen Standpunkte.

Diese manifestieren sich am besten in seinem Steckenpferd, der Ideologiekritik. Auch wenn man sich am Ende der Kapitel häufig mehr Stringenz wünscht, tun sich dem Leser bemerkenswerte Einsichten in die Widersprüche kritischer links-liberaler Positionen auf. Überhaupt ist die links-liberale Ideologie Zizeks Hauptgegner. Denn diese Kritiker würden elementare Voraussetzungen einer ehrlichen Auseinandersetzung aussparen. Links-liberale Standpunkte würden so nicht nur zum Kennzeichen ideologischer Verbrämung, sondern auch zu Katalysatoren des bevorstehenden Endes. Denn kann man den Klimawandel wirklich verhandeln, als ob sich die Natur noch nicht an das menschliche Wirken angepasst hätte? Als Augenöffner präsentiert er einen kürzlich in der Nähe Tschernobyls entdeckten Pilz, der sich von Radioaktivität ernährt. Ein „back to the roots“ könne es deswegen nicht geben. Selbst die Experten könnten keine Antworten mehr liefern. Ein tragisches Dilemma. Denn es gelänge der Menschheit dann gerade aufgrund der Vielfalt konkurrierender Expertise nicht, eine Schneise zum Problem zu schlagen.

Für Zizek besteht der Ausweg in einer neuen Vision des Kommunismus, in die er Einblicke gewährt. Er lehnt es ab, in romantischen, revolutionären Ideen zu schwelgen, hieraus erwüchsen später Probleme der Umsetzbarkeit. Lieber sollte man sich den Kommunismus als eine minimale Ordnung vorstellen, die durch eine leichte Form gewaltloser Disziplin gewährleistet würde. Dies böte die Chance, den Hintergrund, auf dem das Projekt „kommunistische Gesellschaft“ basiere, zu erkennen und so mit den Menschen zu vernetzen. Nur so könnte ein egalitäres System funktionieren. Genau hieran würde es gegenwärtigen liberalen Demokratien mangeln. Ihr gewalttätiger Kern kann nicht mit ihnen vermittelt werden. Vielmehr würde die Demokratie wie ein Fetisch behandelt, wodurch es unmöglich wird, eine echte egalitäre Demokratie zu realisieren. Die Demokratie verhindert sich durch ihre Idealisierung also selbst.

All dies ist schematisch wiedergegeben, aber ohnehin speist sich Zizeks Appeal nicht aus stromlinienförmigen Beweisen. Der Widerspruch ist Antrieb und Überzeugung. Und an manchen Punkten im hier vorgestellten Buch wird deutlich, warum Zizek gerade deswegen eine besondere, tatsächlich andere Position auf der gegenwärtigen marxistischen Linken einnimmt. Zwar bilden marxistische Gewissheiten häufig die Basis seiner Argumentation, sind aber keine Dogmen. Zizek geht hinter Marx zurück, sucht nach Ursprünglicherem. Unlängst war zu lesen, dass er an einem monumentalen Werk über Hegel schreibe. Von der endgültigen Fertigstellung halte ihn nur die Politik ab. Zizek postuliert, dass Hegel als Denker im deutschen Idealismus vielleicht etwas beobachtete, was mit den Anti-Idealisten, darunter auch Marx, wieder verschwand. Marx – einer von vielen, die dem großen Hegel folgten? Es ist also Hegel, der Pate für Zizeks Positionen steht. Dies ist auch der Grund, warum es Zizek so leicht fällt, linke Anschauungen zu polarisieren, auf die Spitze zu treiben, oder in Teilen mit dem Marxismus zu brechen. Sein Motto: Versuchen, scheitern, besser versuchen, besser scheitern – die Negation der Negation als Richtschnur. Allzu praktische Anweisungen wird man von Zizek nicht erwarten können. Dieser suchende Widerspruch hebt ihn ab, macht ihn schwierig, kantig, anders und verleiht ihm die Aura des Besonderen.

Dabei ist interessant, dass Zizek den Starkult um bestimmte Personen als ein Symptom der gegenwärtigen Demokratien ansieht. Zwar würden Stars auch im Kommunismus existieren, sie thronten jedoch nicht wie heute über der Masse. Nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet Zizek im vermeintlichen Endstadium des Kapitalismus zum Starphilosophen ausgerufen wird. Denn nimmt man seine Analyse ernst, erhält Zizek ja selbst innerhalb der bestehenden Ordnung eine herausgehobene Position, wird „fetischisiert“. Hierdurch werden auch seine radikalsten Abrechnungen gezähmt und mit der liberalen Demokratie verträglich. Was bleibt ist indes das Besondere – er ist ein Charismatiker.

Rezension zu Slovoj Zizeks: „Living in the End Times“. Verso, London/New York 2010.

David Bebnowski arbeitet als studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


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