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Das Ende der Geschichten

Christoph Hoeft |  3. Juli 2014 |   |  Drucken

[analysiert]: Christoph Hoeft über die Bedeutung von Erzählungen in der Politik

Der Mensch ist ein Geschichtenerzähler. Nicht nur die eigene Biographie wird als eine Geschichte mit rotem Faden konzipiert, in der dann die einzelnen Episoden des Lebens miteinander verknüpft und so mit einer größeren Bedeutung und einem tieferen Sinn versehen werden. Auch auf einer gesellschaftlichen Ebene geben Erzählungen zunächst unzusammenhängend erscheinenden Ereignissen eine Bedeutung und einen Sinn, sie bilden die Basis einer gemeinsamen Identität und einer geteilten Kultur. Egal, ob es sich um politische Gruppen, Klassen oder Nationen handelt: Jedes soziale Kollektiv verfügt über eine oder mehrere Basiserzählungen, die eine gemeinsame Geschichte konstruieren, auf diese Weise überhaupt erst eine Gemeinschaft erlebbar machen. Solche Narrationen schaffen Modelle der Welt und versehen die Menschen mit Handlungsorientierungen und Motiven, sie bestimmen auch, ob eine bestimmte Haltung in unseren Ohren schlüssig klingt.

Politischen Parteien steht die Möglichkeit des Geschichten-Erzählens prinzipiell offen, und häufig haben sie es geradezu meisterhaft verstanden, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. So haben beispielsweise sozialistische Parteien jahrzehntelang mitreißende Erzählungen formuliert, in denen der skrupellose Kapitalismus die arme Bevölkerung ausbeutet und unterdrückt, bis die entschlossene heldenhafte Arbeiterbewegung seine Herrschaft beenden und die Gesellschaft in eine strahlende, freie Zukunft führen kann.

Erzählungen sorgen dafür, dass bestimmte Dinge als überzeugend und richtig wahrgenommen werden. Die Nutzung von narrativen Schemata ist nicht bloß eine zutiefst menschliche Eigenschaft, über Ereignisse nachzudenken. In einer politischen diskursiven Auseinandersetzung ist sie zugleich auch ein vielversprechendes Mittel, um das Publikum für die eigene Position zu gewinnen.[1] Die erzählerische Form einer Narration ist dabei von zentraler Bedeutung, sie ist ein entscheidender Faktor, der über Erfolg oder Misserfolg von bestimmten Erzählungen entscheidet. Erzählungen zeichnen sich idealtypisch – genau wie antike Mythen – durch eine besondere Struktur aus, in der zu Beginn ein Konflikt beschrieben wird, der in einem Mittelteil weiter bearbeitet und schließlich in einem Schluss aufgelöst wird. Das Ende enthält dabei üblicherweise noch eine Konklusion oder Erfahrung, also die sprichwörtliche Moral der Geschichte.[2]

Erzählungen berichten von Problemen und ihren Lösungen. Sie strukturieren Probleme auf eine dramatische Art und Weise: Sie lassen einen strahlenden Helden gegen finstere Schurken kämpfen, sie lassen den Helden Prüfungen bestehen und Rückschläge erleiden, um am Ende der Geschichte –üblicherweise- trotz alledem einen Sieg davon zu tragen. Erzählungen müssen nicht zwangsläufig auf einer kognitiven, logischen Ebene überzeugen, sie entfalten ihre Wirkung eher durch emotionale Elemente, ermöglichen beispielsweise eine Identifikation der Leser mit den Helden. Narrationen können als Versuche von sozialen Akteuren verstanden werden, eine bestimmte Problemdefinition und einen darauf aufbauenden Lösungsvorschlag zu beschreiben und gleichzeitig plausibel, bedeutungsvoll und überzeugend zu machen.

Narrationen sind zumeist dann erfolgreich, wenn sie es erstens schaffen, ein Problem kommunizierbar zu machen und es auf eine dramatische Art und Weise vermitteln. Zweitens müssen sie an bereits vorhandenen kulturellen Vorstellungen ihrer anvisierten Rezipienten anschlussfähig sein und eine hohe Alltagsverständlichkeit mitbringen. Schließlich müssen sie drittens mit allgemeineren meta-kulturellen Codes und sogenannten „Meister-Narrationen“ zusammenpassen.[3] Solche Meister- oder Basis-Narrationen sind große soziale Erzählungen, die die kulturelle Tradition von Gesellschaften begründen, beispielsweise bestimmte Ideologien oder Weltanschauungen.[4]

Doch so überzeugend Erzählungen sein können, sie können ebenso gut scheitern, als unplausibel und konstruiert wahrgenommen, als bloßes Märchen zurückgewiesen werden. Grundlegend kann zwischen zwei verschiedenen Typen von Problemen unterschieden werden: Eine Narration kann aufgrund von internen und externen Mängeln als widersprüchlich, unlogisch oder nicht überzeugend wahrgenommen werden. Interne Probleme hat eine Erzählung, wenn sie in sich nicht mehr stimmig ist, wenn sie also zu verschiedenen Zeitpunkten widersprüchliche Bedeutungszuschreibungen konstruiert, wenn die Akteure der Geschichte ohne ausreichende Erklärungen ihr Verhalten ändern oder wenn bestimmte Probleme inkonsistent diskutiert werden. Externe Probleme entstehen dagegen, wenn die Narration und die vom Publikum wahrgenommene Realität auseinanderklaffen und diese Widersprüche nicht angemessen erläutert werden. Beispielsweise werden wichtige Probleme gar nicht aufgegriffen, die Protagonisten nehmen in der Erzählung ganz andere Rollen ein, als mit Blick auf ihr „reales“ Verhalten logisch erscheinen würde, oder bestimmte Sachverhalte werden aus Sicht des Publikums nicht richtig dargestellt.

Wenn beispielsweise sozialdemokratische Parteien im Laufe ihrer Geschichte irgendwann beginnen, den unterdrückerischen Kapitalismus als essentiell und schützenswert umzudeuten, wenn sie neu aufkommende Probleme wie z.B. Ängste vor und Kritik an der Atomkraft ignorieren, wenn zentrale Konzepte wie Gleichheit oder Gerechtigkeit einseitig umgedeutet werden (zu Chancengleichheit und einer gerechten Verteilung von Lasten und Pflichten), dann verliert ihre Erzählung den Zauber und die Überzeugungskraft.

Auf diese Weise verliert die Narration eine Fähigkeit, die absolut essentiell ist: Sie kann nicht mehr länger eine schlüssige Erklärung der Welt präsentieren, sie schafft es nicht mehr, den Menschen eine nachvollziehbare Interpretationshilfe bereitzustellen, den immer komplexeren einzelnen Eindrücken Sinn, Zusammenhang und Bedeutung zu verleihen und einen sicheren Weg in eine bessere Zukunft aufzuzeigen.

Für die sozialdemokratischen Parteien hat dieses Ende der Geschichte erhebliche Konsequenzen: Weder gelingt es ihnen, an die traditionellen sozialistischen Befreiungsmythen anzuschließen, noch eine neue mitreißende Erzählung zu formulieren. So wirken die Parteien oft seltsam geschichts- und leblos. In Anlehnung an Helmut Schmidt lässt sich daher festhalten, dass zwar nicht sicher ist, ob Menschen mit Visionen heutzutage tatsächlich zum Arzt gehen sollten, aber eines scheint doch klar: Den Weg zur Sozialdemokratie finden sie zumeist eher nicht.

Christoph Hoeft ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Jüngst veröffentlichte er das Buch „Narrationen in der Krise“ über den Wandel der Erzählungen schwedischer Sozialdemokraten.


[1] Vgl. Walter, Franz: Fehlende Wurzeln, mangelnde Narrative, ausgebliebener Politikwechsel, in: Kallinich, Daniela, Schulz, Frauke (Hrsg.): Halbzeitbilanz. Parteien, Politik und Zeitgeist in der schwarz-gelben Koalition 2009-2011, Stuttgart, 2011, S. 11-33, hier S. 17.

[2] Vgl. zum formalen Aufbau übereinstimmend Viehöver, Willy: Diskurse als Narrationen, in: Keller, Reiner/ Hirseland, Andreas/ Schneider, Werner/ Viehöver, Willy (Hrsg.): Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. Band I: Theorien und Methoden, Opladen 2001, S. 177-206, hier S. 179-180;

[3] Vgl. Viehöver: Der Klimadiskurs (2003), S. 259-261.

[4] Vgl. Motzkin, Gabriel: Das Ende der Meistererzählungen, in: Eibach, Joachim/ Lottes, Günther: Kompass der Geschichtswissenschaften. Ein Handbuch, Göttingen, 2006, S. 371-387; vgl. auch Viehöver: Diskurse als Narrationen (2001), S. 184.


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