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Das Emirat Katar gegen die wahhabitische Monarchie Saudi-Arabien

Thorsten Hasche |  11. Oktober 2017 |   |  Drucken

[analysiert]: Thorsten Hasche über das letzte Kapitel des einstigen „Arabischen Frühlings“ und seine Folgen für Europa

Die vollständige Land- und Seeblockade des Emirats Katar durch Saudi-Arabien, Ägypten, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate vom 5. Juni 2017 wurde in der Berichterstattung v.a. über den Widerstand Katars gegen die regionalen Hegemoniebestrebungen Saudi-Arabiens und den damit verbundenen Konflikt zwischen dem schiitischen Iran und dem sunnitisch-wahhabitischen Saudi-Arabien erklärt.[1] Zu wenig berücksichtigt wurde dabei jedoch die Rolle, die Katar und sein Mediennetzwerk al-Dschasira zum Höhepunkt des „Arabischen Frühlings“ vom Ende des Jahres 2010 bis zum Sommer 2013 in der Darstellung dieser transnationalen Protestbewegung eingenommen hatten: Al-Dschasira stilisierte damals die gemäßigte Spielart des Islamismus der Muslimbruderschaft zur zukünftigen Trägerin eines überregionalen Demokratisierungsprozesses.

Auf die besonders große Bedeutung der aus Ägypten stammenden und transnational vernetzten Muslimbruderschaft für den Konflikt zwischen Katar und Saudi-Arabien hat der US-amerikanische Nahost-Experte Eric Trager bereits am 2. Juli 2017 in der Zeitschrift The Atlantic hingewiesen.[2] Für Trager war es v.a. der zu Beginn der Golfkrise von Saudi-Arabien und seinen Verbündeten vorgelegte Plan mit 13 Forderungen an Katar, der die Muslimbruderschaft zum klar erkennbaren Kern des zwischenstaatlichen Konfliktherdes machte. Zu einem tieferen Verständnis dieser Staatenkrise sei hier dieser wichtigen Spur Tragers gefolgt. Anhand einer Rekonstruktion des Verhältnisses al-Dschasiras zur Muslimbruderschaft und deren besonderer Rolle während der Hochphase des „Arabischen Frühlings“ lässt sich skizzieren, was dieses weitere Kapitel der „saudi-arabischen Gegenrevolution“[3] (Guido Steinberg) für die zukünftige politische Entwicklung der arabischen Welt und die Ausbreitung des Salafismus in Deutschland und Europa bedeutet.

Al-Dschasira wurde 1996 vom damaligen Emir von Katar gegründet und erreicht mit seinem Mediennetzwerk nach eigenen Angaben inzwischen rund 310 Millionen Haushalte in mehr als 110 Ländern.[4] Aufgrund seiner besonders starken Verbreitung im arabischen Raum, wo es seit seiner Gründung eine deutliche Gegenposition zu den staatlich kontrollierten Medien der arabischen Länder eingenommen hat, gilt das Mediennetzwerk neben Mobiltelefonen und sozialen Medien als die technologische Voraussetzung für den Ausbruch des „Arabischen Frühlings“ und dessen äußerst dynamische Ausweitung zum Jahreswechsel 2010/11.[5]

Als im Zuge der politischen Öffnungen im Anschluss an den Sturz der Autokraten Ben Ali in Tunesien und Hosni Mubarak in Ägypten die ägyptische Muslimbruderschaft und die tunesische al-Nahda-Bewegung (dt.: „Renaissance“-Bewegung) – ein einstmaliger Ableger der Muslimbruderschaft – als große Gewinner aus verschiedenen nationalen Wahlen hervorzugehen schienen, begann das al-Dschasira-Mediennetzwerk, die Muslimbruderschaft als Speerspitze einer islamistisch geführten Demokratisierung der MENA-Region (Naher Osten und Nordafrika) in Szene zu setzen. Vor allem der damalige türkische Ministerpräsident und Vorsitzende der AKP, der heutige Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan, sprang auf diesen Zug auf und wähnte sich für einige Zeit als neuer Anführer der arabischen Welt.[6]

Auch aus Sicht der US-Administration unter Barack Obama galten die institutionellen Islamisten der ägyptischen Muslimbruderschaft und ihre regionalen Ableger als künftige Partner eines demokratisierten Nahen Ostens. Das traf in ähnlicher Weise auch auf die außenpolitischen Eliten der EU zu, sodass bis zur Mitte des Jahres 2013 für einflussreiche Teile der transatlantischen Welt Erdoğan und Mohammed Mursi, Muslimbruder und kurzzeitiger Staatspräsident Ägyptens, die aussichtsreichsten Kandidaten einer dauerhaften Demokratisierung der Region Westasiens und Nordafrikas darstellten.[7]

Doch dieser bedeutsame regionalpolitische Einfluss der Achse Kairo-Ankara unter islamistischer Führung missfiel der wahhabitischen Monarchie Saudi-Arabien deutlich. Sie hatte bereits am 14. März 2011 mit Genehmigung des Golfkooperationsrats durch eine militärische Intervention unliebsame Demonstrationen in Bahrain gestoppt. Nun wollte sie den unerwünschten Einfluss der Muslimbruderschaft mit allen Mitteln verhindern. Als dann das ägyptische Militär die Herrschaft der Muslimbruderschaft im Juli 2013 gewaltsam stürzte, durchaus gegen den Willen Washingtons und der EU, sprang Saudi-Arabien postwendend mit der Zusicherung umfangreicher Finanzmittel ein.[8]

Gegen die bis heute anhaltende mediale Unterstützung der Muslimbruderschaft durch das Emirat Katar und sein Mediennetzwerk al-Dschasira richtet sich die derzeitige Blockade des Landes also vor allem.[9] Im Kampf um die ideologische und politische Vorherrschaft in der arabisch-islamischen Welt ringt Saudi-Arabien nicht nur mit dem schiitischen Konkurrenten Iran, sondern auch mit den gemäßigten Islamisten der Muslimbruderschaft.

Für den anhaltenden Modernisierungsstau in Nordafrika, Westasien und dem Golf nach dem spektakulären Scheitern des einst viel gelobten „Arabischen Frühlings“ verheißt diese Konfliktsituation jedoch nichts Gutes. Waren schon die institutionellen Islamisten der Muslimbruderschaft schwierige und kurzlebige Partner des Westens gewesen und wendet sich die Türkei rasend schnell immer weiter von den Institutionen und Werten Europas ab, so wird der finanzielle und religiöse Einfluss Saudi-Arabiens v.a. zu einer Restauration der bestehenden Ordnungsstrukturen in der MENA-Region selbst sowie zu einer weiteren Ausbreitung des Salafismus weltweit führen. Dabei ist zu beachten, dass zahlreiche Studien der Gegenwart die ideologischen Einflüsse des saudischen Wahhabismus und seiner Moscheen und religiösen Akademien auf das breite Spektrum des modernen Islamismus nachgezeichnet haben. Dies gilt einerseits für die Ähnlichkeiten des strikten anti-schiitischen Wahhabismus mit der apokalyptisch-theokratischen Ideologie des selbst ernannten „Islamischen Staates“ und seine enormen Radikalisierungseffekte auf Muslime in Westeuropa. Das betrifft andererseits und ebenfalls die große Bedeutung wahhabitischer Geistlicher für die zumeist friedlichen, aber integrationsunwilligen quietistischen Strömungen im gegenwärtigen Salafismus in Westeuropa.[10]

Dr. Thorsten Hasche ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Dort forscht und lehrt er im Schnittfeld der Internationalen Politischen Theorie.

[1] Vgl. dazu auch den Blogbeitrag von Khosrozadeh, Behrouz: Nach dem Zusammenbruch des Islamischen Staates (IS) werden die Hoffnungen auf Entspannung und Ruhe im Nahen Osten verblassen, in: Blog des Göttinger Instituts für Demokratieforschung, 14.09.2017, URL: http://www.demokratie-goettingen.de/blog/nach-dem-zusammenbruch-des-islamischen-staates-is-werden-die-hoffnungen-auf-entspannung-und-ruhe-im-nahen-osten-verblassen [eingesehen am 10.10.2017].

[2] Vgl. Trager, Eric: The Muslim Brotherhood Is the Root of the Qatar Crisis, in: The Atlantic, 02.07.2017, URL: https://www.theatlantic.com/international/archive/2017/07/muslim-brotherhood-qatar/532380/ [eingesehen am 27.09.2017].

[3] Vgl. Steinberg, Guido: Anführer der Gegenrevolution. Saudi-Arabien und der arabische Frühling, Berlin 2014.

[4] Vgl. die Selbstdarstellung unter URL: http://www.aljazeera.com/aboutus/ [eingesehen am 27.09.2017].

[5] Dazu die Hintergründe bei Cole, Juan: The New Arabs. How the Millennial Generation is Changing the Middle East, New York 2014; Noueihed, Lin/Warren, Alex: The Battle for the Arab Spring. Revolution, Counter-Revolution and the Making of a New Era, New Haven/London 2012, Kap. 3.

[6] Vgl. Cherribi, Sam: Fridays of Rage. Al-Jazeera, the Arab Spring and Political Islam, New York 2017.

[7] Dies umreißt sehr anschaulich Osman, Tarek: Islamism. What it Means for the Middle East and the World, New Haven/London 2016, darin: Kap. 1 u. Kap. 8.

[8] Vgl. o.V.: Petrodollar-Monarchien nehmen EU ein Druckmittel, in: handelsblatt.com, 20.08.2013. URL: http://www.handelsblatt.com/politik/international/krise-in-aegypten-petrodollar-monarchien-nehmen-eu-ein-druckmittel/8665710-all.html [eingesehen am 27.09.2017]; Iskander Monier, Elizabeth/Ranko, Annette: The Fall of the Muslim Brotherhood, in: Middle East Policy, Jg. 20 (2013), H. 4, S. 111–123.

[9] Vgl. exemplarisch dazu die aktuelle Darstellung der Muslimbruderschaft durch al-Dschasira, URL: http://www.aljazeera.com/indepth/features/2017/06/muslim-brotherhood-explained-170608091709865.html [eingesehen am 27.09.2017].

[10] Vgl. die Studien von Lohlker, Rüdiger: Die Salafisten. Der Aufstand der Frommen, Saudi-Arabien und der Islam, München 2017; Ders.: Theologie der Gewalt. Das Beispiel IS, Wien 2016 und Maher, Shiraz: Salafi-Jihadism. The History of an Idea, Oxford 2016.


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