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Cyborg-Manifest: „Nicht nur Gott ist tot, auch die Göttin!“

Jöran Klatt |  24. September 2015 |   |  Drucken

Das politische Geschlecht

[kommentiert]: Jöran Klatt über das Cyborg-Manifest von Donna Haraway von 1985

Einst funktionierte der Feminismus als große Erzählung: Angetreten, um Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu beseitigen, verfügte die Bewegung über Ursprung, Ziele, Telos, HeldInnen sowie AntagonistInnen und passte damit gut ins 20. Jahrhundert, oder besser: in die Moderne. Auch begrifflich war der Feminismus eng verknüpft mit Assoziationen von Fortschritt, Aufklärung und Emanzipation. Doch wie alle großen Erzählungen hadert auch diese mit ihrer postmodernen Kondition. Feminismus steht mittlerweile infrage, ist unsicher und komplizierter geworden. Eine Diagnose, die nicht neu ist; doch wird die Tatsache, dass es im Feminismus Friktionen, VordenkerInnen, Streitschriften und radikal konträre Positionen gab und gibt, zuweilen von einer harten Auseinandersetzung überdeckt, die diese Schule nicht selten als Existenzfrage führen muss. Ein besonderes Beispiel, das sich sogar selbst als „Manifest“ bezeichnet, legte vor dreißig Jahren die Biologin Donna Haraway mit ihrem Essay „A Cyborg Manifesto“ vor. Dieser Text aus dem Jahr 1985 erscheint auch heute noch ebenso scharfsichtig wie provokant.

Das Cyborg-Manifest ist vielleicht nicht so bekannt wie die Texte der feministischen (Vor-)Denkerinnen wie Simone de Beauvoir oder Judith Butler,[1] dennoch aber überaus lohnenswert. Darin konstatiert Haraway, dass im Laufe des 20. Jahrhunderts bestimmte Ordnungskategorien, die Menschen einst als selbstverständlich empfunden hätten, mehr und mehr an Überzeugungskraft eingebüßt hätten. Erstens beträfe dies die „Grenze zwischen Mensch und Tier“, zweitens die zwischen „Tier-Mensch (Organismus) und Maschine“ und drittens zwischen „Physikalischem und Nicht-Physikalischem“.[2]

Damit ging Haraway durchaus in Konfrontation zur damaligen feministischen Philosophie. Dies, indem sie deren Übernahme der für die Moderne typischen Konzepte des Naturalismus und des Essentialismus kritisierte. Der klassische Feminismus arbeite, so ihre Kritik, als große Erzählung und konstruiere historische Subjekte wie bspw. die Kategorie „die Frauen“, die er als politische Einheit denke. Damit würde, so Haraway, jedoch ein historischer Fehler wiederholt werden: die Konstruktion einer kollektiven Einheit, die sich, bewusst oder unbewusst, über andere stellen müsse. Zwar mag dies historisch durchaus verständlich sein – mussten Frauen doch politische agency erst als eine solche Einheit erkämpfen; doch resultiere der Weg über eine politische Einheit (in diesem Falle ein politisiertes Geschlecht) letztendlich aus der gleichen Logik wie die der Unterdrücker.

Für Haraway „stellen Gender, Rasse und Klasse damit keine Grundlage mehr für einen Glauben an eine ‚essentialistische‘ Einheit dar. Es gibt kein ‚Weiblich‘-Sein, das Frauen auf natürliche Weise miteinander verbindet.“[3]

Zugleich ist Haraways Text eine Kritik an der Technologiefeindlichkeit der Feministischen Bewegung der 1980er Jahre. In den 1980er Jahren boomte zwar das Silicon-Valley. Der damit verbundenen Technologie-Begeisterung stand jedoch eine weit verbreitete Technologie-Furcht gegenüber. Haraway erkannte damals (nicht als einzige), dass dieser technologische und mediale Wandel die Gesellschaft bereits grundlegend veränderte. Der feministischen Bewegung warf sie vor, diesem Wandel mit einem Rückzug auf eine kulturpessimistische, naturalistische, technologiefeindliche und bis zur Esoterik reichende Position zu begegnen. Der Feminismus beharre zu sehr darauf, dass sich das Patriarchat im 19. und 20. Jahrhundert in der von Männern erdachten und erfundenen Maschinenwelt manifestiere, dass also die Errungenschaften der Technologie stets ein verlängerter Arm des Mannes seien und bleiben würden – der Feminismus daher von Grund auf technologiefeindlich sein müsse.

Infolge dieser Skepsis gegenüber Technologie wurden Natur und Natürlichkeit zum Rückzugs- und Sehnsuchtsort. Feminismus konzentriere sich auf eine vergebliche Suche nach dem Vordiskursiven, der nichtkonstruierten Wahrheit, die im „Weiblich“- oder „Frau“-Sein liege, und assoziiere damit romantische Vorstellungen einer Weiblichkeit, die zum Ideal vor dem Sündenfall erhoben werde. In der Folge kritisiert Haraway aber auch den Marxismus, in dessen Tradition sie sich dennoch sieht:

„Was mir Schwierigkeiten bereitet, ist das Vermächtnis des marxistischen Humanismus und dessen herausragendes westliches Selbst. Der Beitrag dieser Formulierungen bestand darin, die tägliche Verantwortung realer Frauen hervorzuheben, sie zum Ausgangspunkt des Aufbaus von Einheiten zu machen und nicht zu naturalisieren.“[4]

Hier zeigen sich auch Schnittmengen mit postkolonialen Theorien, etwa dem Konzept der Subalternität, also der entschiedenen Fragen nach den aus dem Diskurs Ausgegrenzten und Untergeordneten. „Die Kategorie ‚Frau‘ schloß alle nicht-weißen Frauen aus, ‚schwarz‘ negierte alle nicht-Schwarzen ebenso wie alle schwarzen Frauen.“[5]

Doch trotz aller Kritik sieht Haraway ihren Essay in einer „utopischen Tradition“.[6] Sie zelebriert das Bild des Cyborgs, einer mythischen Schlüsselfigur, die besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkmächtig wurde. Cyborgs sind Wesen an der Mensch-Maschine-Schnittstelle. Sie sind die meist literarische Verkörperung des Grenzganges, den Haraway für längst obsolet hält. Haraway betreibt Werbung für einen Lebensstil als Hybrid. Ihr Essay ist damit eine Antwort auf das melancholische Verlustnarrativ, nachdem Technologie und Elektrifizierung der Kommunikation identitätsfeindlich und entwurzelnd wirkten. Vom Jahr 1985 aus blickt sie in eine Zukunft, in der das Leben zwar komplexer und weniger eindeutig geworden ist, schlägt aber vor, diese Welt anzunehmen, da sie die Möglichkeit beinhalte, dem gewünschten Zustand einer „Welt ohne Gender“ (ihrer erklärten Utopie) näherzukommen.

„Cyborgs sind kybernetische Organismen, Hybride aus Maschine und Organismus, ebenso Geschöpfe der gesellschaftlichen Wirklichkeit wie der Fiktion.“[7] Ein literarisches Beispiel hierfür schuf William Gibson ein Jahr zuvor, als er in seinem Buch „Neuromancer“ die Figur Molly kreierte. Darin ist die vormals Prostituierte nun Auftragskillerin, durch diverse Hochtechnologien körperlich enhanced. Molly ist eine komplizierte Figur, die von der Literaturkritik gleichermaßen gefeiert und kritisiert wird.[8] Eindeutig ist sie jedoch ein Beleg für die von Haraway infrage gestellte Grenze zwischen Körper und Maschine und, mehr noch, eine Vorahnung dessen, was heute mehr und mehr Zuspruch findet: eines Identitätsbegriffs, der den eigenen Körper als etwas Kodier- und damit auch Umkodierbares begreift. Oder wie es der ehemalige Herausgeber des Magazins WIRED, Kevin Kelly, kritisch formulierte:

„Die Sphäre des Geborenen – alles, was Natur ist – und die Sphäre des Gemachten – alles, was vom Menschen konstruiert ist – werden eins. Maschinen werden biologisch, und das Biologische wird zur technischen Konstruktion.“[9]

Haraway sieht sich entschieden als eine postmoderne Denkerin und lehnt damit die Konstruktion einer „universalen, totalisierenden Theorie“ ab. Sie ist bemüht, die „Dämonisierung der Technologie“[10] zurückzuweisen. Der Text ist und bleibt dabei provokant. Der positive Blick auf die Herausforderungen der großen Umbrüche – seien es technologische, postindustrielle, oder seien es die neuen Kommunikations- und aber auch gegenwärtigen Lebensformen – mag aus heutiger Sicht naiv wirken. Doch vor dem Hintergrund der theoretischen und philosophischen Streitpunkte des Feminismus nach der dritten Welle erscheint Haraways Manifest als nach wie vor lohnender und v.a. erstaunlich aktueller Beitrag.

Jöran Klatt arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Er promoviert an der Universität Hildesheim über Sexismus in der GamerInnen-Szene.

[1] Insbesondere an Butler arbeitet sich Haraway in zahlreichen Werken ab. Sie versucht dabei eine Lücke in Butlers Werk zu schließen (nicht selten wird sie dafür kritisiert, eine zu stark diskursorientierte Position einzunehmen und eine mögliche Prägung des Konzepts „Gender“ durch materielle, physische Ebenen allzu stark zurückzuweisen) und den Körper in die Gender-Studies wieder zu integrieren, ohne dabei auf die Rolle einer alles determinierenden Biologie zurückzufallen.

[2] Haraway, Donna: Ein Manifest für Cyborgs. Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften, in: dies.: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, Frankfurt/New York 1995, S. 33-72, hier S. 37.

[3] Ebd., S. 41.

[4] Ebd., S. 45.

[5] Haraway bezieht sich dabei auf Chela Sandovals Konzept des „oppositionellen Bewußtseins“; Haraway, S. 42. Vgl. Sandoval, Chela: U.S. Third World Feminism: The Theory and Method of Oppositional Consciousness in the Postmodern World, in: Genders, H. 10/1991, S. 1-24. Weitere Beispiele postkolonialer Theorien, die Haraways Ansichten stützen, finden sich etwa bei Hall, Stuart: Kulturelle Identität und Globalisierung, in: Hörning, Karl. H./Winter, Rainer (Hrsg.): Widerspenstige Kulturen. Cultural Studies als Herausforderung, Frankfurt a.M. 1999, S. 393-441 und Spivak, Gayatri: Can the Subaltern Speak?, in: Nelson, Cary/Grossberg, Lawrence (Hrsg.): Marxism and the Interpretation of Culture, Chicago 1988, S. 271-313. Auch Butler vertritt mit ihrer Forderung nach „Strategien der subversiven Wiederholung“ eine ähnliche Position, siehe hierzu: Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a.M. 1991, insbesondere S. 216.

[6] Haraway, S. 35.

[7] Ebd., S. 33.

[8] Vgl. etwa die Positionen von Cadora, Karen: ‚Feminist Cyberpunk‘, in: Murphey, Graham J./Vint, Sherryl (Hrsg.): Beyond Cyberpunk. New Critical Perspectives, New York 2010, S. 157-172; Murphy, Graham J.: „Stray Penetration and Heteronormative Systems Crash: Queering Gibson“, in: Pearson, Wendy G./Hollinger, Veronica/Gordon, Joan (Hrsg.): Queer Universes. Sexualities in Science Fiction, Liverpool 2008, S. 121-137.

[9] Kelly, Kevin: Das Ende der Kontrolle. Die biologische Wende in Wirtschaft, Technik und Gesellschaft, Mannheim 1997, S. 7 f.

[10] Haraway, S. 71.


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