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Christine Lagarde – von der Synchronschwimmerin zur IWF-Chefin

Anne-Kathrin Meinhardt |  27. August 2015 |   |  Drucken

[gastbeitrag]: Anne-Kathrin Meinhardt analysiert die Karriere der Chefin des IWF.

In der Griechenlandkrise ist gerade das dritte Hilfspaket verabschiedet worden. Christine Lagarde – als erste Frau an der Spitze des männerdominierten Internationalen Währungsfonds (IWF) – hat langwierige Verhandlungen hinter sich. Die großgewachsene Französin ist zurzeit in den Medien sehr präsent. Ihre Entscheidungen und Maßnahmen sind von tragender Bedeutung. Dabei werden Lagarde die unterschiedlichsten Adjektive zugeschrieben: charmant, intelligent, selbstbewusst, elegant, diszipliniert, aber auch kontrolliert, manchmal unerbittlich und dennoch humorvoll.[1] Angesichts ihrer international großen Bedeutung scheint es an der Zeit, diese Persönlichkeit genauer zu betrachten.

„Lachen, die Zähne zeigen und niemals den Fehler machen, die Männer nachzuahmen. Dazu der ‚völlige Verzicht auf Aggressivität als Selbstdemonstration‘. Das ist das Lebensmotto von Christine Lagarde“, hieß es 2004 in der Zeit.[2] Doch bei intensiver Betrachtung treten Fragen zu dieser Führungsfrau auf: Wie kam sie überhaupt in diese Führungsposition, in den Chefsessel dieser Sonderorganisation der Vereinten Nationen? Was zeichnet sie aus? Wie verlief ihre Karriere?

Als Tochter einer bürgerlichen Familie verfügte Christine Lagarde im französischen Schulsystem, bei dem die Herkunft eine große Rolle spielt, über die Möglichkeit eines vergleichsweise einfachen Aufstiegs. Eine gute Ausbildung mit einem Aufenthalt in den USA und einem Jura-Studium folgte.[3] Schnell gelang ihr der Schritt in hohe Positionen: Bei der US-amerikanischen Anwaltskanzlei Baker & McKenzie stieg sie zur Vorsitzenden auf – als erste Frau. Zeitgleich wurde sie Mutter zweier Söhne. Im Alter von 51 Jahren wechselte sie dann in die französische Politik, war kurz Landwirtschaftsministerin und dann unter Präsident Nicolas Sarkozy Frankreichs Finanzministerin – als erste Frau. Seit 2011 steht sie nun an der Spitze des IWF – als erste Frau. Ihre Karriere als Seiteneinsteigerin aus der Juristerei verlief damit nicht nur entgegen aller typischen politischen Karrieremuster in Frankreich, sondern auch steil aufsteigend: Lagarde wurde international bekannt und zählte in Rankings zu den erfolgreichsten und mächtigsten Frauen weltweit.[4]

Trotz dieser erleichterten Startbedingungen und dem raschen Aufstieg verlief ihre Karriere nicht reibungslos. Im Gegensatz zu vielen französischen Spitzenpolitikern verfehlte sie zum Beispiel die Gelegenheit, einen Abschluss an der Eliteuniversität ENA zu absolvieren – ein echtes Handicap auf dem Weg in die (politische) Elite Frankreichs.[5] Zudem war ihre Zeit in der Regierung von negativen Schlagzeilen begleitet, weil ihr Auftreten in der französischen Politik immer wieder zu Fehltritten führte.[6] Und schließlich wurde sie wegen ihrer Rolle in der sogenannten Tapie-Affäre kritisiert – als Ministerin hatte Christine Lagarde anstelle eines langen Streits in die Zahlung eventuell veruntreuter staatlicher Mittel des Unternehmers Bernhard Tapie eingewilligt. Aber keine dieser Situationen ließ sie stolpern.

Äußere Rahmenbedingungen haben ihr vielmehr oft in die Hände gespielt. Trotz ihrer Probleme in der Regierungszeit wurde Lagarde nicht aus dem Kabinett entlassen: Denn zu brisant waren die äußeren Umstände mit der schon begonnenen Finanzkrise; zudem herrschte damals die Sehnsucht nach zuverlässigem Führungspersonal – ein Wechsel wäre da ein nachteiliges Signal nach außen gewesen. Für Sarkozy waren ihr sehr gutes Englisch, die juristischen Kenntnisse und ihre Manieren sowie ihre Disziplin Gründe, sie ins Kabinett zu holen. Gleichzeitig wollte sie selbst zur Veränderung ihres Landes beitragen. Lagarde wurde der Schritt in die Regierung durch die Tatsache erleichtert, dass sie nicht gewählt, sondern einberufen wurde. Zu diesem Zeitpunkt war sie nämlich kaum in der französischen Gesellschaft bekannt. Auch profitierte Lagarde von der Tatsache, dass ihr Vorgänger im Amt des IWF-Direktors, Dominique Strauß-Kahn, wegen einer Affäre sein Amt verloren hatte. Dies verschaffte ihr die Möglichkeit, in das internationale Amt aufzusteigen.[7] Zudem fiel ihre Karriere in eine Phase des gesellschaftlichen Wandels, der dazu führte, dass immer mehr Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft aufsteigen konnten und auch sollten. Studien zeigen, dass der Frauen-Anteil an Spitzenpositionen in den letzten Jahren in Frankreich und auch im IWF gestiegen ist.[8]

Lagarde hat sich – z.B. im Gegenteil zu Angela Merkel – schon immer für Frauen und eine Frauenquote eingesetzt. Doch ist dies nur ein Bereich, in dem ihre Willensstärke erkennbar wird. Bei den derzeitigen Verhandlungen um die Zukunft Griechenlands ist sie geradlinig, lässt sich ungern verbiegen und verfolgt ihre Prinzipien, zu denen auch Loyalität gehört. Zeitgleich – so schreiben Beobachter – erreicht sie viele Ziele dank Disziplin und Belastbarkeit. Eigenschaften, die sie schon während ihrer Jugend kennen und schätzen gelernt hat: Als Schülerin schwamm sie für die Nationalmannschaft im Synchronschwimmen[9], wofür sie hart trainierte und Pflichtbewusstsein entwickelte. Heute trinkt sie weder Alkohol noch isst sie Fleisch; regelmäßig treibt sie Sport; ihren Tagesablauf versucht sie nach einem festen Schema zu gestalten.

Der scheinbaren Perfektion von Lagarde stehen, so wird immer wieder berichtet, große Freundlichkeit und Menschlichkeit gegenüber. Kleine Aufmerksamkeiten sind für sie genauso wichtig wie genaues Wissen über die Person ihr gegenüber.[10] Auf gute Manieren wurde schon in ihrer Erziehung Wert gelegt, sodass Respekt und Toleranz zu festen Prinzipien von Lagarde wurden. Inzwischen hat sie gelernt, mit den Medien umzugehen und ihr elegantes Erscheinungsbild für sich zu nutzen. So ist sie für viele Frauen zu einem Vorbild geworden. Sie verkörpert weibliche Tugenden, ohne sich in einer von Männern dominierten Domäne unterkriegen zu lassen.

Diese Mischung hebt Lagarde nicht nur optisch, sondern auch inhaltlich hervor. Zufällige Außenfaktoren und ihr Charakter haben ihr geholfen, neue Wege einzuschlagen. Christine Lagarde wollte immer anders sein als ihre Umgebung und hat sich gegen den herrschenden Chauvinismus aufgelehnt. Zu Beginn ihrer Amtszeit in Washington halfen ihr ihre Bekanntheit und etliche Sympathisanten. 2016 läuft ihre Amtszeit aus. Dann wird sich zeigen, wie sich die Karriere der Grande Dame weiterentwickeln wird. Sie selbst hat bisher beteuert, auch weiterhin gerne den IWF leiten zu wollen.

Anne-Kathrin Meinhardt studiert Französisch und Politikwissenschaft auf Lehramt. Im Sommersemster hat sie am Institut für Demokratieforschung ihre Bachelorarbeit über den Wandel der Atom-Politik in Frankreich geschrieben.

[1] Haase, Ansgar: Geachtete Expertin an der IWF-Spitze, in: stern.de, 25.05.2013, URL: http://www.stern.de/politik/ausland/portraet-ueber-christine-lagarde-geachteteexpertin-an-der-iwf-spitze-2016029.html [eingesehen am 16.08.2015], Finkenzeller, Karin: Madame mit Courage, in: Die Zeit 13/2010, Hujer, Marc: Unter Männer, in: Der Spiegel, 2013 (10), Mathieu, Béatrice: Christine Lagarde, itinéraire d’une ambitieuse modèle. in: L’Expansion, 2011 (759), S.30-34, Mönniger, Michael: La Patronne: Eine Frau führt die globale Anwaltskanzlei Baker & McKenzie, in: Die Zeit 24/2004, Dowen, Jonas: Die Charme-Offensive, in: Die Bank, 2012 (01), Gloger, Katja: Muss noch kurz die Welt retten, in: Stern, 2012 (17).

[2] Mönniger, Michael: La Patronne: Eine Frau führt die globale Anwaltskanzlei Baker & McKenzie, in: Die Zeit 24/2004.

[3] Lachèvre, Cyrille/Visot, Marie: Christine Lagarde. Enquête sur la femme la plus puissante de France. Neuilly-sur-Seine 2010, hier S. 99-110.

[4] Ebd. S. 117.

[5] Finkenzeller, Karin: Madame mit Courage, in: Die Zeit 13/2010.

[6] Ebd.

[7] Hujer, Marc: Unter Männer, in: Der Spiegel, 2013 (10), S. 54f.

[8] Vgl. Looman, Marijke: Am Rande der Macht. Frauen in Deutschland in Politik und Wirtschaft. Opladen & Farmington Hills2011, S.94 und Gloger, Katja: Muss noch kurz die Welt retten, in: Stern, 2012 (17).

[9] Finkenzeller, Karin: Madame mit Courage, in: Die Zeit 13/2010..

[10] Mönniger, Michael: La Patronne: Eine Frau führt die globale Anwaltskanzlei Baker & McKenzie, in: Die Zeit 24/2004.


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