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Der zensierte Bär

Sebastian Belitz |  8. November 2019 |   |  Drucken

[analysiert]: Sebastian Belitz über Chinas Einfluss auf die westliche Popkultur

Kein Visum für den Bären. Quelle: Loren Javier Meeting Winnie the Puuh, by CC BY-NC-ND 2.0

Die Menschen in Deutschland sind längst gewöhnt an die amerikanische Dominanz im Bereich der allgemeinen Popkultur. Die deutschen Kinosäle wären ohne Hollywood-Produktionen meist verwaist und auch das alltägliche Fernsehbild ist geprägt von amerikanischen Fernsehserien. Dasselbe gilt für das immer weiter aufstrebende Medium des Videospiels. Die Gaming-Branche ist längst zu einem ernst zu nehmenden Wirtschaftsfaktor geworden. Der Verband der deutschen Games-Branche beziffert den Umsatz des Games-Marktes in Deutschland allein im ersten Halbjahr 2019 mit 2,8 Milliarden Euro.[1] Es ist augenfällig: In den Bereichen Film und Gaming haben amerikanische Unternehmen die absolute Markthoheit. Doch die Tage, an denen diese Firmen gezielt Inhalte für den amerikanischen und europäischen Markt produzierten, sind vorbei. Das wirtschaftliche Erstarken Chinas lässt die Kulturschaffenden auf eine neue Zielgruppe schauen. Eine, deren Größe und Zahlkraft jeden Unternehmer das große Geschäft wittern lässt. Doch um auf dem chinesischen Markt Profite zu erwirtschaften, müssen sich westliche Firmen an die besonderen Umstände und Eigenheiten des Landes anpassen. Dabei geraten die eigenen politischen Werte wie Meinungsfreiheit und Toleranz sowie die Firmenintegrität allerdings schnell in einen Widerspruch zu dem zu Grunde liegenden Profitstreben.

Um einen Film oder ein Videospiel auf dem chinesischen Markt platzieren zu können, müssen diese vorab von der nationalen Zensurbehörde freigegeben werden. Dadurch hat die chinesische Regierung die Möglichkeit, politisch unerwünschte Themen, Symbole oder Stilmittel zu verbieten. Es zeigt sich: Generell steht es in China schlecht um die allgemeine Meinungs- und Pressefreiheit. Die Nichtregierungsorganisation und Denkfabrik Freedom House stuft die dortige Pressefreiheit als „nicht frei“ ein, die schlechteste aller möglichen Bewertungen. [2]

Der Druck, den die chinesische Regierung auf inländische Medien ausübt, ist mittlerweile auch immer häufiger im Westen zu spüren. So stellen z. B. die anhaltenden pro-demokratischen Proteste in Hongkong eine große Herausforderung für die chinesische Führung dar. Ausländische Medien und Firmenvertreter, die öffentlich ihre Unterstützung für diese Bewegung bekunden, werden mit dem Ausschluss aus dem chinesischen Markt bestraft. So geschehen z. B. im Oktober 2019, als der Teamchef des US-amerikanischen Basketballteams Houston Rockets, Daryl Morey, per Twitter seine Sympathie für die Hongkong-Proteste artikulierte. Die Reaktion erfolgte prompt: Angesetzte Spiele der Rockets in China wurden gestrichen, ebenso die Übertragung weiterer Spiele im chinesischen Fernsehen und über Streaming-Dienste. Die NBA, der Dachverband amerikanischer Basketballteams, sah sich gezwungen, sich direkt bei der chinesischen Regierung zu entschuldigen, um weitere finanzielle Einbußen zu verhindern. Morey löschte seinen Tweet und entschuldigte sich ebenfalls bei den chinesischen Fans via Twitter.[3] Wie hoch die finanziellen Einbußen für die Rockets und die NBA sein werden, bleibt abzuwarten. Die Botschaft der chinesischen Regierung ist jedoch klar: Wer die Politik Chinas kritisiert, muss mit erheblichem wirtschaftlichem Schaden rechnen.

Auch die Gaming-Branche macht Erfahrungen mit zunehmendem chinesischem Druck. Blizzard Entertainment, bekannt durch Spiele wie „World of Warcraft“, „Starcraft“, „Overwatch“, oder „Hearthstone“, erlebte im Oktober 2019 einen PR-Super-GAU. Nachdem der Hongkonger Hearthstone-Profispieler Blitzchung ein Gamingturnier in Taiwan gewonnen hatte, nutzte dieser den Moment, um im anschließenden Interview das Motto der Protestbewegung „Liberate Hong Kong – Revolution of our Time“ zu rufen. Blizzard sperrte daraufhin den Spieler für ein Jahr von allen Wettbewerben und behielt das Preisgeld von 3000 US-Dollar ein.  Darüber hinaus wurden die beiden Moderatoren, die das Interview mit ihm geführt hatten, ebenfalls gesperrt. Da der chinesische Medienkonzern Tencent ca. 5 % der Anteile an Blizzard hält, vermuten Fans, dass die Strafe für Blitzchung politisch motiviert sei. Blizzard bestreitet jedoch jegliche politische Einflussnahme seitens Tencent.[4] Die Strafe wurde mittlerweile auf ein halbes Jahr Sperre reduziert und auch das Preisgeld wurde ihm ausgezahlt, der PR-Schaden jedoch bleibt.

Dass ein amerikanisches Unternehmen Personen bestraft, die sich für eine pro-demokratische Protestbewegung aussprechen, ist mindestens fragwürdig. Fans der Spiele und große Teile der Gaming-Szene verurteilen die harte Bestrafung des Spielers und werfen Blizzard vor, sich der chinesischen Regierung anzubiedern. Der Twitter-Hashtag #Boycottblizzard wurde geschaffen und generierte tausende von Tweets, die Blizzards Entscheidung kritisierten. Der Vorfall schlug so hohe mediale Wellen, dass selbst Abgeordnete des Kongresses beider Parteien der Vereinigten Staaten in einem offenen Brief an Blizzard die Bestrafung kritisierten und mehr Einsatz für das Recht auf freie Meinungsäußerung forderten.[5]

Die Vorfälle rund um Blizzard und die NBA sind nur die jüngsten Beispiele für Chinas zunehmenden Einfluss auf westliche Popkultur. amit Kulturschaffende Unternehmen wie Filmstudios oder Spieleentwickler von der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas profitieren können, gewöhnen sie sich zunehmend an, gänzlich auf Themen zu verzichten, die von der chinesischen Führung kritisch gesehen werden könnten. Dabei stehen vor allem Filmstudios unter Druck. China erlaubt jährlich nur 34 ausländischen Filmen vollen Zugang zum Kinomarkt. Wenn ein Film es nicht in diese Auswahl schafft, kann er zwar trotzdem in die Kinos gebracht werden, allerdings ohne dass die Produzenten an den Kinotickets mitverdienen.[6] Da Experten erwarten, dass der chinesische Kinomarkt bereits 2020 der größte der Welt sein wird,[7] bedeutet diese Restriktion einen erheblichen Verlust.

Um nicht die Chance zu verpassen, Gewinne durch Ticketverkäufe zu erzielen, unterziehen sich Filmstudios einer teils kuriosen Selbstzensur: Der 2012 erschienene Hollywoodfilm „Red Dawn“ handelt vom Einmarsch chinesischer Truppen in die USA und beleuchtet den Widerstand der lokalen Bevölkerung gegen die kommunistischen Besatzer. Nun, jedenfalls sollte es darum gehen. Der Film war bereits abgedreht, doch die chinesischen Medien reagierten empört auf die Darstellung ihres Landes als Invasor. Deshalb entschieden die Produzenten, den Film nachträglich digital zu bearbeiten und alle chinesischen Symbole und Referenzen zu entfernen. Die chinesischen Invasoren wurden durch nordkoreanische ersetzt.

Wie aus China Nordkorea wird (Quelle: The New York Times)

Ein weiteres Beispiel für die Selbstzensur von Filminhalten lässt sich in der 2016 erschienenen Comic-Verfilmung „Doctor Strange“ finden. Im Original aus den 1960er Jahren trifft Doctor Strange auf einen tibetischen Mönch namens „The Ancient One“, der zu seinem Mentor wird. In der Variante von 2016 wurde aus dem tibetischen Mönch eine weibliche Person keltischer Abstammung. Eine Entscheidung, die die Produzenten offenbar gezielt getroffen haben, um jegliche Kontroverse über die chinesische Besetzung Tibets zu vermeiden.[8]

Dass Filme aufgrund politischer Sensibilitäten gänzlich vom chinesischen Markt verbannt werden, ist keine Seltenheit. Doch wie gering die Akzeptanzschwelle wirklich ist, zeigt die Verbannung des Films „Winnie Puuh“. Der honigliebende und gemütliche Comic-Bär aus der beliebten Disney-Kindergeschichte zog den Zorn der chinesischen Zensurbehörden auf sich, nachdem sich Internetnutzer über mögliche äußerliche Ähnlichkeiten mit Chinas Präsidenten Xi Jinping lustig machten. Die Folge: Das gesamte chinesische Internet wird gefiltert, um den lästigen Bären loszuwerden und der Film „Christopher Robin“ von 2018, in dem Winnie Puuh eine prominente Rolle spielt, wurde ebenfalls verboten.[9]

Links: Chinas Präsident Xi Jinping. Rechts: Winnie Puuh (Quelle: OpIndia)

Dass kulturschaffende Unternehmen ihre Produkte auf dem chinesischen Markt platzieren wollen, ist legitim. Es ist jedoch nicht akzeptabel, dass dadurch Grundwerte wie die freie Meinungsäußerung ins Kreuzfeuer geraten. Denn wenn Filmemacher und generell kreativ tätige Menschen ihre Ideen nicht mehr auf den Markt bringen können, weil sie gegen die chinesische Parteilinie verstoßen, verliert am Ende die gesamte Gesellschaft. Deshalb wäre es wünschenswert, dass westliche kulturschaffende Unternehmen sich ihrer Rolle als Transporteur von Ideen und Werten bewusst werden. Gleichzeitig ist es schlicht nicht hinnehmbar, dass Unternehmen Personen ausschließen, die sich für eine pro-demokratische Bewegung aussprechen. Wenn Blizzard und die NBA es tatsächlich ernst meinen mit den Werten, die sie angeblich vertreten, dann haben sie es zumindest in den letzten Wochen nicht gezeigt.

 

Sebastian Belitz studiert Politikwissenschaft und Angliztik an der Universität Jena und absolviert derzeit ein Praktikum am Institut für Demokratieforschung. Sein Interessensschwerpunkt ist das politische System der USA.

 

[1] O. A.: Deutscher Games-Markt im ersten Halbjahr 2019, in: Game – Verband der Deutschen Games-Branche, URL: https://www.game.de/marktdaten/deutscher-games-markt-im-ersten-halbjahr-2019/ [eingesehen am 7.11.2019].

[2] Repucci, Sarah: Freedom and the Media 2019 A Downward Spiral, in: Freedomhouse.org, URL: https://freedomhouse.org/sites/default/files/FINAL07162019_Freedom_And_The_Media_2019_Report.pdf [eingesehen am 7.11.2019], hier S. 3.

[3] Wimbish, Jasmyn/Ward-Henninger, Colin: NBA-China issue: Latest News resulting from Daryl Morey’s Hong Kong tweet, what it means for the league, in: CBS Sports, 14.10.2019, URL [eingesehen am 7.11.2019].

[4] Chalk, Andy: „Our relationships in China had no influence” on Blitzchung punishment, Blizzard says, in: PC Gamer, URL: https://www.pcgamer.com/our-relationships-in-china-had-no-influence-on-blitzchung-punishment-blizzard-says/ [eingesehen am 7.11.2019].

[5] Chalk, Andy: Bipartisan Members of Congress call on Blizzard to reverse Blitzchung punishment, in: PC Gamer, URL: https://www.pcgamer.com/bipartisan-members-of-congress-call-on-blizzard-to-reverse-blitzchung-punishment/ [eingesehen am 7.11.2019].

[6] Lang, Brent/Frater, Patrick: China Film Quota Talks Could Be a Casualty in Trump’s Trade War, in: Variety, 29.3.2018, URL: https://variety.com/2018/film/news/china-film-quota-hollywood-trump-trade-war-1202739283/ [eingesehen am 7.11.2019].

[7] Bond, Paul: China Film Market to Eclipse U.S. Next Year: Study, in: Hollywoodreporter, 6.5.2019, URL: https://www.hollywoodreporter.com/news/china-film-market-eclipse-us-next-year-study-1215348 [eingesehen am 7.11.2019].

[8] Wong, Edward: „Doctor Strange“ Writer Explains Casting of Tilda Swinton as Tibetan, in: New York Times, 26.4.2016, URL: https://www.nytimes.com/2016/04/27/world/asia/china-doctor-strange-tibet.html [eingesehen am 7.11.2019].

[9] Yang, Xifan: Zensur in China Winnie Puuh der gefährliche Bär, in: Zeit Magazin Online, 6.3.2019, URL: https://www.zeit.de/zeit-magazin/2019/11/zensur-china-internet-soziale-medien-xi-jinping [eingesehen am 7.11.2019].


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