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Champion der modernen Öffentlichkeit

Lars Geiges |  22. Dezember 2014 |   |  Drucken

1964. Das Jahr, mit dem „68“ begann[analysiert]: Lars Geiges über Cassius Clay und die Inszenierung in den Medien.

Für den 22-jährigen Cassius Clay war es der Kampf seines Lebens. Bis zum 25. Februar 1964 war er bloß ein vielversprechendes Talent gewesen – ein hervorragender Amateur, aber ein Nobody in der Welt des professionellen Boxsports. Unter den Beobachtern des WM-Kampfes galt er daher als großmäuliger Aufschneider und bei den Buchmachern standen die Wetten 7:1 gegen ihn. Man gab ihm keine Chance und doch gewann er den Titel. Ein sensationeller Triumph des Außenseiters.

Fortan beherrschte Clay, der noch im selben Jahr seinen „Sklavennamen“ ablegte und Muhammad Ali genannt werden wollte, die Boxwelt. Mit seinem Stil, seinem Auftreten und seinem Selbstverständnis als Sportler – vor allem auch außerhalb des Boxrings – revolutionierte er bisher Dagewesenes und positionierte sich in einer Zeit gesellschaftlicher Großkonflikte politisch eindeutig, auch zulasten seiner Karriere. Dafür wurde er verehrt und vereinnahmt, verachtet und verstoßen. Längst hat auch darüber eine Mythologisierung eingesetzt. Ab 1990 lernte die Welt Muhammad Ali sogar als erfolgreichen Unterhändler der US-Regierung kennen, der amerikanische GI’s aus dem Irak herauslöste, auch als Werbeträger für Coca-Cola, Adidas und Capri-Sonne sowie als letzten Fackelläufer bei den Olympischen Spielen von Atlanta 1996, der – schon von seiner Parkinsonerkrankung gezeichnet – vor einem Milliarden-Publikum das olympische Feuer zur Eröffnung der Sommerspiele entfachte. Seit 2001 ist er zudem Friedensbotschafter der Vereinten Nationen, empfing zahlreiche Auszeichnungen für sein soziales Engagement, Ehrendoktorwürden diverser Universitäten sowie vom Internationalen Olympischen Komitee 1999 die Auszeichnung „Sportler des Jahrhunderts“.

Daher: In kollektiver Erinnerung ist er vor allem als Box-Champion, Friedensaktivist, als weltweites Idol der Massen, das für Werte wie Humanität, Gleichheit und Gerechtigkeit steht. Dabei wird nicht selten ausgeblendet – auch in mancher Biografie –, dass Clay Charakterzüge aufwies und Meinungen vertrat, die nicht nur aus heutiger Perspektive kritikwürdig erscheinen.[1] Clay war egozentrisch, opportunistisch und illoyal. Er war fähig zum Hass, konnte sich von bei ihm in Ungnade Gefallenen scheinbar mühelos distanzieren, war ein Frauenverachter und konsequenter wie überzeugter Befürworter der Rassentrennung. Er war ein Radikaler, ein Drängler, ein Narzisst.[2] Und dennoch – oder gerade deshalb? –: Clay war Künder und Motor gesellschaftlichen Wandels, damit Teil US-amerikanischer Gegenkultur.

Dazu gehörte, dass Ali virtuos in die Rolle des besessenen Showmans schlüpfen konnte. Er verstand es, sich zu inszenieren, die in den 1960er Jahren aufkommende moderne Medien-Öffentlichkeit zu bespielen. „Nach Elvis Presley und John F. Kennedy war Muhammad Ali alias Cassius Clay der dritte US-Superstar, der seine Popularität dem Fernsehen verdankte“[3] – schlagfertig, gut gelaunt, ein sympathischer Maulheld.

Er mimte – seine Allzeit-Paraderolle – den Unberechenbaren, den Durchgeknallten und verkörperte damit einen gänzlich neuen Typus von Boxer, der sich über Effekte, Emotionalität und Stimmungen öffentlichkeitswirksam mitteilte. Über diese Fähigkeiten – und vor allem Freiheiten – verfügte Clay. Er traute sich (in der Öffentlichkeit) alles zu. Die gezielte Provokation, der platzierte Affront, die unerwartete Störung wurden dabei zu seinem Stilmittel. Als Juniorboxer reizte er seine Gegner mit markigen Sprüchen. Als Amateur konnte es unter anderem passieren, dass Clay seinen Kopf in die Umkleidekabine des Kontrahenten steckte und diesem mitteilte, er solle sich schon mal auf eine ordentliche Tracht Prügel einstellen. Als Profi bearbeitete er seine Opponenten teils über viele Wochen mit persönlichen Attacken in Form durchdachter Kampagnen – eine im gesellschaftlichen Teilbereich des Sports bisher nie dagewesene Grenzüberschreitung.

So verfolgte Clay ab 1963 über Monate hinweg Sonny Liston. Er bezeichnete ihn, wann immer sich dazu die Gelegenheit bot, als dumm, alt und hässlich. Liston habe Plattfüße, könne nicht sprechen, sei zu langsam und zu grässlich, um Weltmeister zu sein. Nur Momente nach dem Ende des Weltmeisterschaftskampfes zwischen Floyd Petterson gegen Sonny Liston im Juli 1963 stürmte Clay in den Ring, rannte wie angestochen umher, brüllte in jedes auffindbare Mikrofon, dass der Kampf eine Farce gewesen, Liston ein Versager und nur er – Cassius Clay – der wahre Champ sei. Bei Columbia Records nahm Clay noch im selben Jahr eine Langspielplatte auf. Ihr Titel: „The Greatest“ – auch diesen Topos hatte er früh für sich entdeckt. Darauf zu hören waren seine Monologe, Gedichte und Kurzreden. Über Liston heißt es darin: „Sonny Liston ist ein Nichts. Der Typ kann nicht reden. Der Typ kann nicht kämpfen. Der Typ braucht Nachhilfe im Reden wie im Boxen. Und da er gegen mich antreten wird, bekommt er auch gleich Nachhilfe im Fallen.“[4]

Clay trieb es auf die Spitze. Im November 1963 reiste er in Begleitung seines Trosses mit einem dreißigsitzigen Bus nach Denver, dem Wohnort Listons. An den rot-weiß gestrichenen Bus hatte Clay den Schriftzug „Der farbigste Kämpfer der Welt: Liston muss in der Achten weg“ anbringen lassen. Im Kofferraum lagen Schilder, auf denen Sprüche wie „Wir alle lieben Cassius Clay“, „Ohne Cassius ist das Spiel vorbei“ und „Bärenjäger“ zu lesen waren. Am Haus Listons am Monaco Drive 3633 angekommen, parkten sie ihr mit Bannern und Spruchbändern dekoriertes Fahrzeug und klingelten Liston des Nachts aus dem Schlaf. „Komm raus da!“, brüllte Clay, „Ich verprügele dich gleich jetzt! Komm raus und schütz dein Haus! Wenn du nicht aus der Tür kommst, schlag ich sie ein!“[5] Clay wusste natürlich, dass sich Liston aufgrund seiner Vorstrafen keine Straßenschlägerei leisten konnte. Nachbarn riefen die Polizei, die die Aktion schließlich beendete. Die von Clays Leuten informierte Presse verfolgte das Geschehen aufmerksam. Clay hatte erreicht, was er wollte – Liston war verunsichert. Eine Strategie, die er mit leichten Variationen auch später bei allen schweren Gegnern in seiner Karriere anwenden sollte.

Als Clay 1965 zu einem Rückkampf gegen Liston antrat, war er zuvor mit einem Topf Honig, einem Seil und einem Fangeisen erneut vor Listons Haus erschienen und hatte verkündet, die Bärenjagd habe wieder begonnen.[6] Seinem Gegner Floyd Petterson brachte er Rohkost ins Trainingslager und verspottete ihn als Kaninchen.[7] Als Gorilla beschimpfte er Joe Frazier, gegen den er 1975 in einem legendären WM-Kampf, dem „Thrilla von Manila“, antrat und im Vorfeld fragte er: „Dürfen artengeschützte Tiere in die Philippinen einreisen?“ In diesen Auseinandersetzungen stilisierte sich Clay stets als der „echte Schwarze“ – frei, gut aussehend, ungebunden –, der sich nicht vorschreiben lasse, was er zu sagen und zu tun habe, während seine Gegner die „Schwarzen des weißen Mannes“ seien, die benutzt würden wie Marionetten und sich ausbeuten ließen.[8]

Clays Kämpfe begannen also stets schon vor dem ersten Gongschlag. Vor allem die Verbreitung des Fernsehens bot ihm neue Inszenierungsmöglichkeiten. Hier wirkten seine Witzchen, hier übertrug sich sein Charme unmittelbarer als via Zeitungsberichte. Clay führte Zaubertricks in der „Ed-Sullivan-Show“ vor, scherzte in der Fernsehsendung von Jerry Lewis (beides 1963) und alberte mit den Beatles herum, die er in seinem Boxgym in Miami empfing (Anfang Februar 1964).

Mit seinen Aktionen und Provokationen brach er Konventionen des Boxsports, trug entscheidend dazu bei, die Art zu verändern, wie Sportstars sich selbst präsentierten.[9] Denn den mündigen Athleten, der sein Können selbstbewusst und vermarktbar zur Schau stellte, hatte es zuvor ebenso wenig gegeben wie den protzigen Prahler, der die Öffentlichkeit angeberisch und wortreich über seine Einzigartigkeit zu informieren und Kontrahenten durch planvolle Herabsetzungen coram publico anzugehen pflegte.

Im Ring oder außerhalb – Ali sorgte für Auflage. Sein Bekenntnis zum Islam, seine offen bekundete Unterstützung der separatistischen Nation of Islam (beides 1964) sowie seine Verweigerung des Wehrdienstes („I ain’ t got no quarrel with the vietcong“, 1967) wurden begleitet von harscher Kritik und trugen doch dazu bei, dass Ali später zu eine Ikone der Friedensbewegung erklärt wurde. Ein frühes schillerndes, rasch globales Medienphänomen war er gewiss; als Sportler einmalig; als Rassist und Aktivist auch eine Projektionsfläche, auf der sich US-Großkonflikte dieser Jahre spiegelten – Hass und Hoffnung als Ausdruck einer bewegten Zeit.

Dr. Lars Geiges arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Eine ausführliche Fassung dieses Beitrags findet sich in dem Band: 1964 – das Jahr, mit dem »68« begann (hrsg. von Robert Lorenz u. Franz Walter).

[1] Vgl. Jodl, Markus: Muhammad Ali: Black Superman? Versuch einer Demontage, Hürth 2002; vgl. Fuller, Peter: Die Champions. Psychoanalyse des Spitzensports, Frankfurt a. M. 1976.

[2] So auch Jodl, Markus: Muhammad Ali: Black Superman? Versuch einer Demontage, Hürth 2002, S. 11.

[3] Jodl, Markus: Muhammad Ali: Black Superman? Versuch einer Demontage, Hürth 2002, S. 24.

[4] Krämer, Harald/Heering, Fritz K.: Muhammad Ali, Reinbek 2010, S. 39.

[5] Zitiert nach Jodl, Markus: Muhammad Ali: Black Superman? Versuch einer Demontage, Hürth 2002, S. 31.

[6] Vgl. Kemper, Peter: Muhammad Ali. Leben, Werk, Wirkung, Berlin 2010, S. 31.

[7] Vgl. Torres, José: Muhammad Ali. Das Leben und die Kämpfe des größten Bixers aller Zeiten: „Cassius Clay“, München 1976, S. 17.

[8] Vgl. Oates, Joyce Carol: Über Boxen, Zürich 2006, S. 213.

[9] Vgl. Marqusee, Mike: Redemption Song. Muhammad Ali and the spirit of the sixties, London 1999, S. 49.


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