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»Nur wer brennt, kann schließlich auch ausbrennen?«

Redaktion |  31. März 2013 |   |  Drucken

[nachgefragt]: Dr. Markus R. Pawelzik geht in der aktuellen INDES-Ausgabe den Abgründen der populären »Burnout«-Selbstdiagnose auf die Spur.

Herr Dr. Pawelzik, Sie sind bekennender »Burnout-Skeptiker«. Warum?

Glaubt man den medialen Botschaften der letzten Jahre, so leben wir in einer furchtbaren Gesellschaft: Wir arbeiten uns krank! Wir sind gehalten, immer größeren, immer dichteren und vor allem ständig gegenwärtigen Arbeitsanforderungen zu genügen. Folge dieser Situation ist, so wird sugge­riert, eine Epidemie arbeitsbedingter chronischer Erschöpfung, die man neu­erdings »Burnout« nennt.

Bei dem Versuch, diese Behauptungen nachzuvollziehen, stimmen mich unter anderem die folgenden Beobachtungen skeptisch: Erstens, wir arbeiten heute weniger als Vorläufergenerationen, haben mehr Freizeit und Urlaubs­anspruch, genießen mehr sozialstaatliche Unterstützung und leben nach­weislich immer länger.

Zweitens, ich kenne Leute, die sehr viel arbeiten, sich zudem bei jeder Gelegenheit noch mehr aufladen und zugleich vor Vitalität strotzen. Dem gegenüber leiden allerdings auch Rentner, Sportler, Arbeits­lose oder Eltern heute an »Burnout«. Es dürfte deshalb nicht allein an der Menge oder der Art der Arbeit, sondern an der Interaktion zwischen Subjekt und Arbeitssituation liegen, die zu einem »Burnout« im Sinne anhaltender Erschöpfung führen mag. »Burnout« ist kein Privileg gestresster Vielarbeiter.

Drittens, als wie erschöpft ich mich erlebe und als wie belastend und »ungerecht« ich meine Arbeitssituation deute, hängt auch von meinen Er­wartungen und Maßstäben ab. Ich glaube, dass unsere Erwartungen an unser individuelles Leben in den letzten Jahrzehnten in unserer individua­listischen, auf Konsum ausgerichteten Gesellschaft ständig gestiegen sind und dass die Bewertungsmaßstäbe, die wir an uns selbst anlegen, des­wegen oft unrealistisch hoch sind. Diejenigen, die an das »Glücksrezept« unserer Gesellschaft glauben, werden deshalb am Ende zu einem guten Teil enttäuscht auf der Strecke bleiben. Dass schnell laufende Maschinen ge­ölt und gewartet werden müssen, sieht jeder ein. Wenn man selbst jedoch die Maschine ist, dann wird diese Regel häufig missachtet.

Viertens, wenn »Burnout« eine Diagnose sein soll, dann fällt auf, dass die Betroffenen sich gerne selbst diagnostizieren. Als Psychiater lebt man mit dem Problem, dass normalerweise das Gegenteil der Fall ist: Offenkundig psychisch Belastete und Gestörte haben wenig Neigung, psychiatrische Diagnosen zu akzep­tieren. »Burnout« wäre somit eine merkwürdige psychische Störung: Sie ist paradoxerweise beliebt.

Ich glaube, dass die vier genannten Beobachtungen dafür sprechen, dass weniger die beklagten Verhältnisse als vielmehr veränderte soziale Diskurse für die aktuelle »Burnout«-Begeisterung verantwortlich sind. Meine »Burn­out«-Skepsis hat darüber hinaus noch eine weitere, gesundheitspolitische Wurzel: Ich bin der Meinung, dass die Zunahme an affektiven Störungen auf das Missverhältnis zwischen unseren Erwartungen an die individuelle Leistungs- und Funktionsfähigkeit in einer Gesellschaft »toller Individuen« auf der einen und einem immer geringer werdenden sozialisatorischen Input bzw. abnehmendem sozialen Zusammenhalt auf der anderen Seite zurück­zuführen ist. Wir versuchen in dieser Gesellschaft unser Lebensglück als Einzelkämpfer zu optimieren: Immer mehr Ergebnis soll mit immer weniger Einsatz generiert werden. Es ist jedoch an der Zeit, dass wir uns klarmachen, dass es für unsere effizienzorientierte Zivilisation auf Dauer ungünstig ist, wenn jeder selbst herausfinden muss, wie man eine Beziehung führt, Kinder erzieht und auf die Wechselfälle und Sackgassen des eigenen Lebensweges reagieren sollte. Die »Burnout«-Diskussion dieser Tage scheint mir keinen hilfreichen Beitrag zur Diskussion dieser Problematik zu liefern. Denn sie richtet ihr kritisches Augenmerk einseitig auf den Frust und die Belastungen in der Arbeitswelt, ohne die ontogenetischen und systemischen Bedingungen des Lebens der Betroffenen bzw. die »Kultur«, die maßgeblichen Einfluss auf diese Prozesse hat, in den Blick zu nehmen.

Lässt sich »Burnout« überhaupt objektiv diagnostizieren?

Viele wissen nicht, dass »Burnout« keine anerkannte Krankheit ist. Es handelt sich dabei um subjektive Leidenszustände des »totalen Erschöpft­seins«, die nicht genauer spezifiziert werden und denen kein Krankheitswert zukommt. Es ist deshalb z.B. unzulässig, jemanden wegen eines »Burnout« krank zu schreiben. Im Bereich der Arbeits- und Organisationspsychologie gibt es seit langem Bemühungen, »Burnout« präzise zu definieren und mit Hilfe von Fragebögen zu messen. Diese Bemühungen sind jedoch nicht weit gediehen. Wenn ich als Klinikarzt nach einem 12-Stunden-Arbeitstag den bislang am häufigsten eingesetzten Maslach-Burnout-Inventar ausfülle, lässt sich bei mir ein mittelschweres bis schweres »Burnout« feststellen. Falls ich danach nicht den Fehler mache, auszugehen und Wein zu trinken, ist dieses »Burnout« am nächsten Morgen verschwunden.

Kurz: »Burnout« ist ein subjektiv leidvoller Erschöpfungszustand, der nicht anhand prüfbarer operationalisierter Kriterien definiert ist und sich deswegen auch nicht valide messen lässt. Die Erhebungen, die als sensatio­nelle Meldungen durch die Medien gereicht werden, sind daher bedenklich.

Warum sind wir »lieber« ausgebrannt als beispielsweise depressiv?

Die Diagnose einer psychischen Störung wird nach wie vor als stigmatisie­rend erlebt. Wenn von »Depressionen«, »Angststörungen« oder »Essstörun­gen« die Rede ist, dann unterstellen wir individuelle Defizite, individuelles Fehlverhalten und Versagen und damit individuelle Schuld und Verantwor­tung. Da niemand als defizitärer Versager, unfähiger Problemlöser und an seinem Unglück selbst Schuldiger dastehen möchte, sind uns psychiatrische Etikettierungen unangenehm.

Das kognitive Modell, das dem Verständnis von »Burnout« zugrunde liegt, scheint dementgegen ein anderes zu sein: Wer ein »Burnout« erlebt, ist zum Opfer widriger Umstände geworden. Die Ursachen des »Burnout« sind nicht durch eigene Defizite und Fehler begründet. Im Gegenteil: Gerade Engagierte, von hohem Ethos Getriebene werden an der Berufsfront verheizt, ohne auf diese missliche Situation Einfluss nehmen zu können. »Nur wer brennt, kann schließlich auch ausbrennen.« Dementsprechend wird die Selbstdiagnose »Burnout« nicht als stigmatisierend erlebt. Ich habe wiederholt Fälle erlebt, die mit einem gewissen Stolz über ihr »Burnout« berichtet haben.

Für diese Beobachtungen sprechen auch die autobiografischen Einlassun­gen Prominenter in Büchern und Talkshows. Sven Hannawald z.B., der einst weltweit erfolgreichste Skispringer, berichtete auf einer Pressekonferenz des letzten Jahreskongresses der Deutschen Psychiater freimütig von seinem ver­meintlichen »Burnout«. Dass der Betroffene für acht oder mehr Wochen wegen einer Depression und eines anorektischen Syndroms in einer psychiatrischen Klinik behandelt werden musste, nachdem er Unerreichbares mit untaugli­chen Mitteln zu erreichen versucht hatte, wurde sowohl von den Veranstal­tern als auch ihrem Ehrengast Hannawald geflissentlich übersehen. Dieses Beispiel wirft ein Licht auf die immer stärker werdende Interessenskollusion von Betroffenen, Psychiatern und Medien in Sachen »Burnout«, die es mei­nes Erachtens dringend aufzudecken gilt.

Diese Fragen sind der Beginn eines ausführlichen Interviews über die Gründe und Paradoxien der derzeitigen „Burnout“-Euphorie, das in voller Länge in der aktuellen INDES „Krisen – Crashs – Depressionen“ [LINK] zu lesen ist.

 Das Interview führten Matthias Micus und Katharina Rahlf.


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