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Bürger oder Genossen?

Alex Hensel |  30. Juni 2010 |   |  Drucken

[nachgefragt]: Stine Harm über Sozialdemokraten bürgerlicher Herkunft.

Du hast eine biografische Arbeit über  Carlo Schmid und Hedwig Wachenheim geschrieben. Wer sind die beiden?

Hedwig Wachenheim engagierte sich schon als junge Frau in der Berliner Sozialdemokratie und baute dort in den 1920er Jahren maßgeblich die Arbeiterwohlfahrt mit auf. Carlo Schmid wechselte erst  nach einer erfolgreichen juristischen Laufbahn nach 1945 zur Sozialdemokratie. Er agierte dort sehr erfolgreich als Mitglied im Parteivorstand und war viele Jahre Bundestagsvizepräsident. Beide Politiker kamen ursprünglich aus dem großbürgerlichen Milieu und setzen sich dennoch für die Interessen und die Partei der Arbeiterschaft ein.

Was macht die politischen Überläufer Wachenheim und Schmid interessant?

Als Bürgerliche spielten sie für die Entwicklung der SPD eine wichtige Rolle. Sie bildeten eine Art Verbindungsglied zwischen Arbeiterschaft und bürgerlicher Gesellschaft und trugen dazu bei, der Sozialdemokratie ihren Schrecken zu nehmen, sie gesellschafts- und regierungsfähig zu machen.

Ist dies denn historisch so besonders? Bürgerliche Sozialdemokraten gab es doch viele.

Interessant erscheint mir dies vor allem aus der Sicht der Überläufer. Anfang des letzten Jahrhunderts gab es immerhin noch tiefe Gräben zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum. Wer als Bürger das politische Lager wechselte, riskierte den Bruch mit seinem Herkunftsmilieu. Mich hat interessiert, warum Personen wie Wachenheim und Schmid diesen Schritt dennoch gegangen sind. 

Warum wurden diese beiden Bürger denn zu Sozialdemokraten?

Im Rückblick sagten beide, dass sie politisch aktiv werden wollten, um ihrem Leben mehr Sinn zu geben. Von außen besehen findet man jedoch auch weniger tiefschürfende Ursachen. Hedwig Wachenheim verliebte sich recht jung in einen populären Sozialdemokraten und lernte über ihn das Milieu und die Gedankenwelt der Sozialdemokratie kennen. Am Anfang standen also die Romantik und Abenteuerlust einer jungen Frau, zur Lebensaufgabe wurde die Sozialdemokratie für sie erst später.

Wie lief es bei Carlo Schmid? Hat auch er sich in eine Genossin verliebt?

Nein, Schmid suchte 1945 nach beruflichen und politischen Anknüpfungspunkten. Dabei war er als bürgerlicher Jurist politisch eher unparteiisch. Die Sozialdemokraten konnten ihn aufgrund seiner Fähigkeiten gut gebrauchen, während sich für ihn bei den bürgerlichen Parteien keine Gelegenheit bot. Bei der SPD hingegen machte er schnell und steil politisch Karriere und fühlte sich auch durchaus wohl.

Beide Politiker führten einen bürgerlichen und durchaus luxuriösen Lebensstil. Stand das nicht im Widerspruch zur politischen Sache?

Nicht unbedingt. Beide waren an ihren bürgerlichen Lebensstil gewöhnt, reisten viel und verkehrten in der „besseren Gesellschaft“. Hierauf wollten die beiden nicht verzichten und soweit reichte auch ihre Idee von Gleichheit und Brüderlichkeit nicht. Ihr politisches Ziel war nicht die absolute finanzielle und soziale Gleichheit, sondern sie wollten der Arbeiterschaft ermöglichen, an der Gesellschaft zu partizipieren.

Wie wirkte sich ihre bürgerliche Herkunft auf ihre politische Karriere aus?

Durch ihre bürgerliche Erziehung und Bildung sowie ihre Erfahrung aus Reisen hatten sie natürlich Fähigkeiten und Ressourcen, die viele Sozialdemokratien nicht hatten. Oft war ihre Prägung aber auch ein Hindernis. So war es in Wahlkampfzeiten im Berliner Bezirk beispielsweise schon ein Thema, warum Hedwig Wachenheim denn unbedingt in den teuren Schlafwagen reisen musste.

Haben die beiden dennoch ihren Platz in der Sozialdemokratie gefunden?

Beide haben ihren Platz gefunden, vielleicht jedoch nicht ganz so, wie sie sich es gewünscht hätten. So war Carlo Schmid für die SPD nach dem Krieg enorm wichtig. Als sich die Partei jedoch personell erholte, wurde er in die Rolle des bürgerlichen Repräsentanten gedrängt. In den frühen Siebzigern hatte er sogar eine Art Helmut Schmidt-Status inne: Er hielt für die SPD gelehrte Reden in der Öffentlichkeit, hatte aber innerhalb der Partei kaum noch eine Bedeutung.

Welche allgemeinen Erkenntnisse hat diese Fallstudie für die Parteienforschung ergeben?

Ich denke, die Biografien der beiden zeigen, dass es oft ein Gelegenheitsfenster gibt, wo eine Partei externes Personal braucht, das eben nicht aus dem eigenen Milieu kommt und besondere Fähigkeiten hat. Sobald diese Nachfrage aber verebbt und diese Überläufer ihre Funktion erfüllt haben, können sie ich in der Partei nicht mehr behaupten, da ihnen andere Fähigkeiten und Ressourcen oft fehlen.

  • Stine Harm: Bürger oder Genossen? Carlo Schmid und Hedwig Wachenheim – Sozialdemokraten trotz bürgerlicher Herkunft? Ibidem-Verlag 2010. 140 Seiten.
  • Link zum Verlag
  • Hörprobe aus dem Buch

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