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Bunt statt braun: Ein Stadtteil wehrt sich.

Teresa Nentwig |  20. August 2018 |   |  Drucken

[präsentiert:] Teresa Nentwig über die Ereignisse im Göttinger Stadtteil Grone-Süd am 18. August 2018. Ein persönlicher Bericht.

Jens Wilke hat sich eine neue politische Heimat gesucht. Nachdem der Kopf der neonazistischen „Volksbewegung Thügida“ 2016 auf der Liste der NPD bei der Landratswahl im Kreis Göttingen kandidiert hatte, ist er nun bei den Republikanern gelandet.[1] Er gehört gar zu den 15 Kandidaten, die 2019 für die rechte bis rechtsextreme Kleinpartei ins Europäische Parlament einziehen wollen. Für den Wahlkampfauftakt suchte sich Wilke den Göttinger Stadtteil aus, in dem er aufgewachsen war: das, wie er meinte, „– ehemals – schöne[2] und heutige „Ghetto[3] Grone-Süd. Hier, wo zahlreiche Nationen auf engem Raum friedlich zusammenleben, wollte Wilke am 18. August 2018 ein Zeichen gegen Vielfalt setzen.

Rasch nach Bekanntwerden seiner Absichten formierte sich in Grone-Süd Protest, der sich ab Anfang August zunächst vorsichtig im Straßenbild ausdrückte: War an der einen Stelle in großen hellblauen Buchstaben „ANTIFA“ auf den Gehweg gesprüht (Foto 1), sah man an einer anderen Stelle einen Verteilerkasten mit der Aufschrift „FCK NZS“ (Foto 2). In den Tagen danach wurden im Stadtviertel immer mehr Zeichen gegen Wilkes geplante Demonstration gesetzt: Seine Gegner beklebten bzw. besprühten beinahe jede Bushaltestelle, beinahe jeden Verteilerkasten, aber auch Lampenmasten und Verkehrsschilder (Fotos 3 und 4). Ein Container bekam die Aufschrift „Nazis in die Tonne!“ (Foto 5). Doch Wilkes Anhänger reagierten schnell: Graffitis mit der Aufschrift „Fight Racism!“ wurden durchgestrichen, „Linke Lügen“ daneben platziert (Foto 6).

Auf Seiten der Politik positionierte sich u.a. der Groner Ortsrat in einer interfraktionellen Resolution gegen die Demonstration der Republikaner. Alle Bürgerinnen und Bürger wurden dazu aufgerufen, sich friedlich an einer Gegenkundgebung zu beteiligen. Darüber hinaus waren es Initiativen wie „Grobian“ (Groner BürgerInneninitiative Antifaschismus) oder die evangelische Jona-Kirchengemeinde, die zu Protesten gegen die Rechtsextremen aufriefen. Übrigens auch die Sicherheitsorgane: „Protestieren Sie – aber bitte friedlich!“ bat die Polizei Göttingen auf einem in vier Sprachen gedruckten Flugblatt, welches ihre Beamten mehrere Tage lang vor dem örtlichen Supermarkt verteilten.

Derweil wuchs unter den Groner Bürgerinnen und Bürgern die Spannung, ja die Sorge vor dem 18. August, besonders unter denjenigen, die an den Straßen wohnten, auf denen Wilkes als „Spaziergang[4] deklarierte Demonstration stattfinden sollte. Während manche Bewohnerinnen und Bewohner entschieden, über das Wochenende wegzufahren, brachten andere nur ihre am Straßenrand geparkten Autos in Sicherheit, wohl aus Angst, es könnten sich ähnliche Szenen wie bei den G20-Protesten in Hamburg abspielen. Die Apotheke im Stadtteil bat auf einem Aushang um Verständnis, am 18. August geschlossen zu sein; auch McDonald’s kündigte an, nicht zu öffnen. „Das ist noch nie vorgekommen“, teilte die Inhaberin der Filiale, Petra Hebig, mit.[5]

Auch sonst war vieles anders. Am Abend zuvor standen an den Zufahrtsstraßen nach Grone-Süd Polizeiwagen; um Mitternacht konnte man drei Beamte, die mit Taschenlampen durch die Straßen gingen und die Ecken ausleuchteten, sehen. Am nächsten Morgen wurden von den Wilke-Gegnern letzte Graffitis gesprüht und Bäume geschmückt (Fotos 7 und 8), der Busverkehr eingestellt, Straßen von der Polizei gesperrt. Eine beinahe gespenstische Ruhe legte sich über den Stadtteil. An dessen Rand kamen in der Mittagszeit die ersten Gegendemonstrantinnen und Gegendemonstranten zusammen, während Ortsbürgermeisterin Birgit Sterr (SPD) auf dem Platz zwischen der Jona-Gemeinde und dem Nachbarschaftszentrum das Stadtteilfest eröffnete. Nach ihr sprach der Göttinger Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (ebenfalls SPD) einige Worte (Foto 9). Auch weitere Politprominenz zeigte Präsenz. So sah man etwa den ehemaligen niedersächsischen Umweltminister Stefan Wenzel von den Grünen; der Göttinger CDU-Bundestagsabgeordnete Fritz Güntzler war ebenfalls vor Ort.

Zu diesem Zeitpunkt machte bereits die Runde, dass Jens Wilke am Startpunkt seines „Spaziergangs“ nur rund ein Dutzend Personen um sich gesammelt habe. Am Ende waren es wohl zwanzig bis 25. Gerechnet hatte der Sprecher der Stadtverwaltung Göttingen, Dominik Kimyon, mit fünfzig bis hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Überraschend ist die geringe Zahl nicht, denn auch bei den zuletzt von ihm organisierten Versammlungen konnte Wilke nicht viel mehr Anhängerinnen und Anhänger zum Kommen bewegen. Bis die kleine Gruppe am Stadtteilfest vorbeiziehen sollte, verging noch etwas Zeit, denn mehrere Sitzblockaden versperrten Wilke und Co. den Weg. Und dann kamen sie also. Rund sechshundert Menschen standen der vor allem mit Deutschlandflaggen ausgestatteten Gruppierung gegenüber, getrennt durch Absperrgitter und eine Reihe aus Polizeibeamtinnen und -beamten. Viele riefen „Nazis raus“ und „Haut ab“; ein kleiner Teil der Protestbewegung, bestehend vor allem aus schwarz gekleideten und vermummten jungen Leuten, skandierte „Alerta Alerta Antifascista“. Heftig geklatscht und gejohlt wurde, als vom Balkon der obersten Etage eines der Hochhäuser ein riesiges Transparent entrollt wurde: „Nazis verjagen! Miethaie enteignen“, war darauf zu lesen (Foto 10).

Wilke und seine Handvoll Mitstreiter verschwanden dann hinter einer Kurve. Die Gegendemonstranten waren nun von ihnen abgeschnitten. Um ihren Protest fortsetzen zu können, versuchte der Großteil, über zwei Durchgänge, mehrere kleine Wege und eine Straße zu ihnen zu kommen. Doch Polizistinnen und Polizisten versperrten überall den Weg (Foto 11). Lediglich Anwohnerinnen und Anwohner, die sich ausweisen konnten, wurden nach Bitten durchgelassen, um zu ihren Häusern und Wohnungen zu gelangen. So kam es, dass Wilke und seinen „Mitspaziergängern“ kaum Protest entgegengesetzt werden konnte, als sie vor einer der beiden Kindertagesstätten des Stadtteils eine Pause einlegten und Reden hielten (Foto 12). Hier, wo zahlreiche Kinder mit Migrationshintergrund hingehen, wurde gegen „Massenzuwanderung“ gepoltert.

Der kleine Tross um Wilke und den Thügida-Wagen setzte sich dann wieder in Bewegung (Fotos 13 und 14). Nach etwa hundert Metern kam er an seinem Zielpunkt an, wo Wilkes Abschlussstatement folgte: Für ihn sei der Tag wie Weihnachten und Geburtstag zusammen, rief er u.a. ins Mikrofon. „Lächerlich“, schallte es von einer Gegendemonstrantin zu Recht zurück. Dann löste sich die Versammlung der Republikaner auf. Die Polizistinnen und Polizisten, die unter anderem aus Oldenburg angereist waren, verließen nach und nach Grone-Süd. Der Busverkehr wurde aufgenommen; Autos fuhren wieder. Der Alltag, der für mehrere Stunden unterbrochen war, kehrte in den Stadtteil zurück.

 

Dr. Teresa Nentwig ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Nachdem sie mehrere Jahre in der Göttinger Südstadt gelebt hat, wohnt sie seit sechs Jahren wieder in Grone-Süd, wo sie auch den Kindergarten und die Grundschule besucht hatte. Für sie war es eine Selbstverständlichkeit, am 18. August an der Gegenkundgebung teilzunehmen.

[1] Zu Wilke vgl. ausführlich Knepper, Niklas: Marginalisiert und doch gefährlich! Südniedersächsische Neonazi-Gruppierung „Volksbewegung Niedersachsen“ zwischen Bedeutungsverlust und Gewalt, in: Demokratie-Dialog, H. 1/2017, S. 67–76.

[2] Zit. nach Groner BürgerInneninitiative Antifaschismus (Grobian): Grone darf nicht zum Tummelplatz rassischer, neonazistischer und reaktionärer Kräfte werden, Info-Brief.

[3] So Wilke in einem Video vom 17.08.2018, das auf der Facebook-Seite des Göttinger Kreisverbandes der Republikaner abrufbar ist, URL: https://www.facebook.com/repgoettingen/videos/vb.176803749696632/954650304717574/?type=2&theater [eingesehen am 19.08.2018].

[4] Ebd.

[5] Zit. nach Scharf, Markus: Bürger informieren und beruhigen, in: Göttinger Tageblatt, 17.08.2018.


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