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Bildung und Beteiligung

Yvonne Blöcker |  19. Juni 2014 |   |  Drucken

[analysiert]: Yvonne Blöcker über Lebenslagen von Kindern mit Migrationshintergrund.

Jedes dritte Kind in Deutschland unter 14 Jahren hat heutzutage einen Migrationshintergrund. Als im Jahr 2013 erstmals ein umfassender Kinder-Migrationsreport erschien, war eine solche Publikation daher längst überfällig.[1] Dieser Report zeigt: Auch wenn die Mehrheit aller Kinder mit Migrationshintergrund von Geburt an unter den gleichen institutionellen und strukturellen Bedingungen wie Kinder ohne Migrationshintergrund aufwächst, so gibt es doch Unterschiede in den Lebenslagen, z.B. im Bereich Bildung. Aber auch Beteiligung, wie eine bereits 2009 erschienene Studie konstatiert, fällt zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund unterschiedlich aus. Inwiefern kündigt sich hier ein Problem unserer zukünftigen Gesellschaft an und wie lässt sich Abhilfe schaffen?

Der Kinder-Migrationsreport verdeutlicht unter anderem, dass sich die sozialen Umstände, in denen Kinder mit Migrationshintergrund aufwachsen, erheblich untereinander, aber auch in Bezug zu Kindern ohne Migrationshintergrund unterscheiden. Differenzen verringern sich vor allem im Falle einer ähnlichen sozialen Lage; und so können dann Bildungswege bei Kindern mit und ohne Migrationshintergrund auch durchaus ähnlich verlaufen. Allerdings veranschaulicht die Studie, dass gerade Kinder mit Migrationshintergrund „häufiger in bildungsfernen Elternhäusern, in Haushalten, in denen die Eltern nicht in den Arbeitsmarkt integriert sind, in Armut und unter einem hohen Armutsrisiko“[2] aufwachsen. Dies erschwere den Zugang zu Bildungsressourcen im Allgemeinen und Bildungserfolgen im Speziellen – obwohl jene Kinder durchaus motiviert seien, in der Schule erfolgreich zu sein, und gute Bildungsabschlüsse anstreben würden. Somit besteht also (weiterhin) Bildungsungleichheit, sodass sich die Frage stellt, ob das Milieu oder der Migrationshintergrund selbst einen größeren Einfluss hierauf hat. Von Vorteil ist in der Tat, wenn das jeweilige Milieu, in dem ein Kind aufwächst, über gewisse Ressourcen wie z.B. günstige Bildungsvoraussetzungen und finanzielle Mittel (etwa für Nachhilfe) verfügt. Demnach ist ein Migrationshintergrund zwar kein alleiniger Indikator für Bildungsungleichheit, jedoch kann er Aufschluss über ethnische Unterschiede geben: So gehören vor allem Kinder mit einem türkischen Migrationshintergrund häufig zu jenen Milieus, welche auch als sogenannte „untere Milieus“ bezeichnet werden und im Hinblick auf Bildung seltener günstige Ressourcen bereitstellen.

Ein weiterer Unterschied zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund zeigt sich ferner in der Beteiligung, wie z.B. die Studie „Kinder ohne Einfluss?“ aus dem Jahr 2009 darlegt.[3] Demzufolge fällt die Mitbestimmung von Kindern in Bereichen wie Familie, Schule und Wohnort größer aus, wenn sie keinen Migrationshintergrund haben. Zwar gibt diese Publikation keine konkreten Gründe hierfür an, doch kann eine Erklärung in einer fehlenden Informations- und Erfahrungslage gefunden werden: Nur wer weiß, wie und wo Partizipation und Mitgestaltung möglich sind – sei es z.B. durch das Vorbild der Eltern oder durch Erfahrungen in der Schule –, kann (weitere) Angebote hierzu wahrnehmen.

Als ein weiterer Erklärungsansatz knüpft daran die politische Sozialisation an. Hiermit sind bewusste wie unbewusste Lernprozesse gemeint, die politische und demokratische Kenntnisse, Fähigkeiten und Orientierungen vermitteln; dabei handelt es sich um einen fortlaufenden und lebenslangen Prozess. Erfahren Kinder früh Mitbestimmungsmöglichkeiten, in der Familie oder anderenorts, so zeitigt dies einen positiven Effekt auf ihre eigene Einschätzung und auf ihr Selbstwertgefühl zu diesem Thema. Mithin wird bei den Kindern das politische Selbstzutrauen, das als eine zu erlernende Eigenschaft und nicht als feststehendes Konstrukt zu verstehen ist, gestärkt. Demnach trauen sich diese Kinder (und Menschen mit einem positiv ausgeprägten politischen Selbstzutrauen im Allgemeinen) eher zu, sich eine eigene Meinung zu einem politischen und demokratischen Thema zu bilden, diese auch zu artikulieren und zu vertreten. Folgt man der Veröffentlichung „Kinder ohne Einfluss?“, so fehlen insbesondere bei Kindern mit Migrationshintergrund Erfahrungen, aufgrund derer sich jene genannten Eigenschaften herausbilden können. Infolgedessen verwundert nicht, wenn sich ein Ausbleiben demokratischer Teilhabe später fortzusetzen scheint: Jugendliche mit Migrationshintergrund sind in Formen des bürgerschaftlichen Engagements unterrepräsentiert und auch erwachsene Migrantinnen und Migranten halten sich im Vergleich zu Menschen ohne Migrationshintergrund partizipatorisch zurück; sie sind seltener Mitglieder politischer Parteien oder Gewerkschaften und nehmen weniger oft ihr Wahlrecht wahr. Inwieweit es sich hier um eine bewusste Entscheidung gegen Beteiligung handelt, bleibt offen. Letztlich geht es aber darum, dass die Entscheidung für oder gegen Engagement selbstbestimmt getroffen werden und nicht das Ergebnis mangelnder Ressourcen sein sollte.

Insgesamt zeichnet sich somit die Lebenslage von Kindern mit Migrationshintergrund in Hinblick auf Bildung und Beteiligung durch a) Bildungsungleichheiten und b) weniger Erfahrungen in Mitbestimmung aus. Für beide Bereiche sind herkunfts- und milieubedingte Ressourcen entscheidend. Dies kann allerdings eine problematische Entwicklung begünstigen und verstetigen: Wenn ressourcenstarke und ressourcenschwache Bürgerinnen und Bürger jeweils unter sich bleiben, kann daraus wiederum ein Ungleichgewicht von Beteiligung bis hin zum Ausschluss bestimmter Gesellschaftsteile entstehen.

Um einer derartigen Ungleichheit entgegenzuwirken, kommt insbesondere der Institution Schule eine entscheidende Rolle zu. Zum einen geht es darum, geeignete Bildungsangebote zu schaffen bzw. auszubauen, und zum anderen ist ein Demokratie- bzw. Politikunterricht bereits in der Grundschule zu etablieren, damit die Kinder eine gleiche Grundlage für die Entwicklung von demokratischen Fähigkeiten erhalten.

Yvonne Blöcker promoviert zum Demokratie- und Politikverständnis von Kindern in Migrationsmilieus.



[1] Siehe Cinar, Melihan/Otremba, Katrin/Stürzer, Monika/Bruhns, Kirsten: Kinder-Migrationsreport. Ein Daten- und Forschungsüberblick zu Lebenslagen und Lebenswelten von Kindern mit Migrationshintergrund, München 2013.

[2] Ebd., S. 288.

[3] Siehe Schneider, Helmut/Stange, Waldemar/Roth, Roland: Kinder ohne Einfluss? Eine Studie des ZDF zur Beteiligung von Kindern in Familie, Schule und Wohnort in Deutschland 2009, Mainz 2009.


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