Logo Göttinger Institut für Demokratieforschung

Begriffliches Unbehagen?

Nina Hölscher und Yvonne Wypchol |  14. November 2013 |   |  Drucken

[debattiert]: Nina Hölscher und Yvonne Wypchol über „bildungsferne Jugendliche“.

Nicht erst seit PISA ist die Zielgruppe der so genannten bildungsbenachteiligten Jugendlichen verstärkt in den Fokus der Aufmerksamkeit politischer Bildung geraten. Die wichtigste Erkenntnis hierbei lautete zunächst, dass sich eine Gruppe von Jugendlichen ausmachen lässt, die eine deutlich stärkere Distanz bzw. „Ferne“ zu Bildung aufweist als ihre Altersgenossen. Im Kontext politischer Bildung bedeutet dies also, dass es spezifische Gesellschaftsteile gibt, die als „politikfern“ einzustufen sind. Sie zeigen beispielsweise keine bzw. nur wenige Kenntnisse über aktuelle politische Debatten oder kaum bis gar kein politisches Engagement. Wer genau zu dieser Gruppe gehört und was ihre Existenz eigentlich bedeutet, ist für die Entwicklung der Angebote politischer Bildung von großer Bedeutung, will man dem Ausschluss bestimmter Gruppen in demokratischen Gesellschaften entgegenwirken.

Von besonderer Relevanz ist die Bildung, da die Zielgruppe letztlich anhand dieses Aspektes bestimmt wird. Bildung hat sich geradezu zu einer Schlüsseleigenschaft in unterschiedlichen Bereichen entwickelt: Eine geringe Bildung kann nicht nur zu schlechten ökonomischen Perspektiven und beruflichen Chancen führen, sie schränkt zugleich auch gesellschaftliche wie politische Teilhabe ein. Überdies hängt Partizipation nicht zuletzt von der Herkunft ab, sodass sich vor allem durch die Kriterien Bildung und Herkunft bzw. deren Zusammenwirken Ungleichheiten herausbilden. Um dem entgegenzuwirken und auch sogenannte bildungsbenachteiligte Jugendliche nicht aus demokratischen und politischen Prozessen auszuschließen, liegt es nahe, in der politischen Bildung gezielt auf deren Bedürfnisse und Interessen einzugehen.

Allerdings wird Bildung verschiedenartig definiert und kann daher in entsprechenden Studien Unterschiedliches bezeichnen, sodass die bisher vorliegenden Erkenntnisse zur Zielgruppe auf keiner einheitlichen Vorgehensweise basieren. Am häufigsten wird sich auf formale Bildung, d.h. vor allem die erreichten Schulabschlüsse, oder auf bestimmte Fähigkeiten/Fertigkeiten, d.h. sogenannte „Kompetenzen“, bezogen.

Bei dem Versuch, die Zielgruppe der bildungsbenachteiligten Jugendlichen näher zu bestimmen, fällt jedoch schnell auf, dass sich nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der Praxis der politischen Bildungsarbeit ein gewisses Unbehagen ausgebreitet hat. Während im Zuge der PISA-Studie hauptsächlich der Begriff der „Bildungsferne“ gebräuchlich war, ist dieser in den letzten Jahren vermehrt in die Kritik geraten und wurde durch die zur Zeit gebräuchlichste Bezeichnung „Bildungsbenachteiligung“ ersetzt. Der Pädagogikprofessor Benedikt Sturzenhecker formuliert die Skepsis bezüglich der Begrifflichkeit wie folgt: „Die Kategorie der Bildungs- bzw. ‚Politikfernen‘ scheint mir als defizitorientierte Grobklassifizierung von sehr differenzierten Jugendszenen pädagogisch riskant.“[1] Daraus ergeben sich auch für die politische Bildung wichtige Überlegungen:

Erstens stellt sich im Prozess der Bezeichnung der Gruppe die Frage nach der implizierten Kausalität. Der Begriff der „Politikferne“ ist schließlich vor allem in die Kritik geraten, weil dieser das Problem auf individueller Ebene verortet, da in diesem Fall den Menschen die Verantwortlichkeit für „ihre“ Ferne zur Politik zugeschrieben wird. Bildungsbenachteiligung hingegen fokussiert begrifflich eher auf strukturelle Aspekte, da die Benachteiligung der Gruppe gegenüber anderen betont wird. Dabei geht es also nicht mehr um Personen, die ein Defizit – eben das der Politikferne – aufweisen, sondern um eine Gruppe, die strukturell benachteiligt ist; es geht demnach um den Anspruch auf Chancengleichheit im Bildungssystem, die für die Bildungsbenachteiligten nachweislich nicht gegeben ist.

Zweitens kann es sich hierbei im wissenschaftlichen Sinn nur um die unpräzise Bezeichnung einer Gruppe handeln. Genau diese Verallgemeinerung führt jedoch möglicherweise in der Praxis zu Schwierigkeiten, da je nach Bildungsangebot die grundsätzliche Vielschichtigkeit der nach bestimmten Faktoren theoretisch zusammengefassten Gruppen pädagogisch hoch relevant werden kann. Bedenken im Hinblick auf den Nutzen etwaiger wissenschaftlicher Erkenntnisse für die Praxis wurden beispielsweise auch von einzelnen politischen Bildnerinnen und Bildnern bei einer Fortbildungsreihe geäußert; wiederholt wurde hier auf die individuellen Bedürfnisse von Teilnehmerinnen und Teilnehmern in der politischen Bildung hingewiesen. Diese gilt es in der Praxis zu berücksichtigen – eine solch große und heterogene Gruppe wie die der Bildungsbenachteiligten stellt hier unzweifelhaft eine immense Herausforderung dar.

Drittens lässt sich dem vorherigen Einwand entgegnen, dass die Zusammenfassung von Gruppen zunächst immer nach ausgewählten spezifischen Kriterien vorgenommen wird. Diese Gruppen können dann in sich in Bezug auf weitere Eigenschaften der Individuen weiterhin durchaus heterogen sein. Für die praktische Arbeit erlaubt die Identifikation von Gruppen anhand relevanter Merkmale jedoch die genaue Beschreibung und Verallgemeinerung von Erkenntnissen über eben diese Zielgruppe. In Bezug auf bildungsbenachteiligte Jugendliche ist hier beispielsweise eine differenziertere Betrachtung und Untergruppierung, wie sie in Milieustudien (z.B. durch die Einteilung in SINUS-Milieus) üblich ist, sinnvoll. Zunächst werden die Bildungsbenachteiligten als „Großgruppe“ identifiziert und anschließend lassen sich durch einen weiteren Schritt Unterschiede und Ähnlichkeiten innerhalb dieser Gruppe sichtbar aufdecken.

Doch wer sind nun diese sogenannten bildungsbenachteiligten Jugendlichen in Deutschland? Wichtige erste Einblicke in die Lebenswelt jener Zielgruppe eröffnet vor allem die Studie „Unsichtbares Politikprogramm“. Signifikante Ergebnisse dabei sind zum einen, dass den Jugendlichen häufig das Gefühl einer Wertschätzung der eigenen Meinung fehlt. Das mangelnde Selbstbewusstsein in dieser Hinsicht lässt sie zwangsläufig zu der Einstellung kommen, ihre eigene Beteiligung an der Demokratie – in Form von Wahlbeteiligung oder durch andere Partizipationsformen – sei sowieso unwichtig oder unnütz, sprich: Ihre Selbstwirksamkeit ist gering. Zum anderen deckte das „Unsichtbare Politikprogramm“ auf, dass sogenannte bildungsferne Jugendliche keineswegs so politikdistanziert sind, wie allgemein immer wieder angenommen wird. Zwar interessieren Themen wie Parteien, Politiker und Politikerinnen, Politikbetrieb oder Europa – und damit der Politikbegriff im engeren Sinne – eher nicht, doch besteht ein Interesse an Themen wie Ausbildungsplatz, Arbeitslosigkeit, Gerechtigkeit, Gewalt oder Armut, die dann einem weiten Politikbegriff zugeordnet werden können. Hieran zeigt sich, wie relevant ein selbst wahrgenommener Lebensweltbezug ist: Wenn politische Themen im Nahbereich der Jugendlichen sind, werden diese nachvollziehbar und schließlich auch interessant.

Nina Hölscher und Yvonne Wypchol arbeiten am Göttinger Institut für Demokratieforschung.



[1] Sturzenhecker, Benedikt: „Politikferne“ Jugendliche in der Kinder- und Jugendarbeit, in: Aus Politik und Zeigeschichte, H. 32-33/2007, S. 9-15, hier S. 9.


Ältere Einträge |  Neuere Einträge