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Bedingungen gelungener Partizipation in der Schule

Birgit Redlich |  20. September 2016 |   |  Drucken

[analysiert]: Birgit Redlich über Voraussetzungen einer teilhabefreundlichen Schulkultur.

Partizipation ist in aller Munde – ist in. Und das ist aus Sicht der Verfechter der Umsetzung von Kinderrechten auch gut so, denn Artikel 12 der UN-Kinderrechte-Charta gewinnt dadurch an Bedeutung. Er besagt, dass Kinder und Jugendliche ein Recht auf Teilhabe an ihrer Lebenswelt haben: Sie dürfen mitbestimmen und mitentscheiden, was mit ihnen passiert.[1] Dies beruht auf der Grundannahme, dass Kinder selbst am besten wissen, was sie brauchen. Warum – so die anschließende Frage – sollen also Andere (Erwachsene) für sie entscheiden? Ein wichtiger Lernort für eine solche Partizipation ist die Schule. Doch wieso gelingen dort manche Partizipationsprojekte, während andere scheitern? Was sind die Bedingungen funktionierender Partizipation?

Bereitschaft der Betreuungskräfte

Partizipationsprojekte für Kinder stehen und fallen oft mit der Bereitschaft der Lehr- oder Betreuungsperson(en) Verantwortung (man könnte auch von Macht sprechen) abzugeben – egal, ob in der schulischen oder außerschulischen Arbeit. Erwachsene sollten Veränderungen und Unvorhersehbarem offen gegenüberstehen. Dabei genügt jedoch nicht, wenn sich nur ein Individuum diesem Prozess öffnet; vielmehr sollte die ganze Schule geschlossen hinter der Idee einer partizipationsfreundlichen Schulkultur stehen – hierbei nimmt die Schulleitung eine Schlüsselrolle ein.

Jeder darf teilhaben.

Gerade in der Schule ist es schwer, Gleichwertigkeit zwischen SchülerInnen und LehrerInnen herzustellen: Beurteilen und erziehen die einen doch die anderen. Dennoch muss es Momente geben, in denen LehrerInnen diese gewohnte, anleitende Stellung verlassen, damit sich eine partizipative Grundhaltung überhaupt entwickeln kann.

Demokratiepädagogische Qualifikation von Lehrkräften

Fortbildungen oder Workshops können einen wichtigen Anstoß geben, um das Personal im Bereich der Partizipation zu sensibilisieren und zu schulen.[2] Um im Kollegium eine partizipative Schulkultur zu ermöglichen, bieten sich regelmäßige Teamsitzungen an – auch um Beteiligungsformen in der Schulkultur zu verankern. Wichtige Bestandteile des Partizipationsprozesses sind die gemeinsame Bereitschaft und Verständigung über Herangehensweisen und Ziele. Sinnvoll erscheint darüber hinaus, bereits in der Lehrerausbildung stärker als bislang auf Vor- und Nachteile von Partizipation einzugehen, um mit alten Vorstellungen zu brechen, demnach Partizipation für die Lehrkräfte ausschließlich Mehrarbeit bedeute.

SchülerInnen lernen lassen

Damit SchülerInnen am politischen und sozialen Geschehen teilhaben können, müssen sie dies im Schulalltag praktisch einüben: Klassenrat, Schülerrat, Ganztagsparlament, KlassensprecherInnenwahl, Beteiligung in Planungsprozessen (z.B. Sommerfest), AGs, die von Kindern angeboten werden, u.v.a.m. Durch Teilhabe können Kinder ganz nebenbei zahlreiche soziale und politische Kompetenzen erwerben: Selbstwirksamkeit, Eigenständigkeit, Methodenkompetenz, Verantwortungsübernahme, Mitbestimmung, Kommunikation, kritisches Denken, Emanzipation[3] – um nur einige zu nennen. Diese Fähigkeiten werden im Teilhabeprozess herausgefordert und erweitert. Dabei erlernen Kinder bspw., wie sie relevante Informationen, die als Voraussetzung für eine mündige Teilhabe gelten, finden können:[4] Zum Beispiel entdecken sie Zuständigkeiten und AnsprechpartnerInnen; und damit, wie sie mit wessen Zutun ihre Ziele umsetzen können – oder auch nicht[5]. Denn wichtig erscheint letztlich auch die Erfahrung, nicht alles durchsetzen zu können: Wann ist der Punkt gekommen, eine Entscheidung zu akzeptieren?[6]

Echte Partizipation

Guter Wille der Erwachsenen reicht allerdings oft nicht aus, um den gewünschten Lernerfolg zu erzielen. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass zahlreiche scheinbare Teilhabeprojekte lediglich zu Scheinpartizipation führen. Ein Modell von Richard Schröder[7] verdeutlicht, dass der Begriff Partizipation von Fremdbestimmung (Scheinpartizipation) bis hin zu Selbstverwaltung reicht. Scheinpartizipation liegt z.B. vor, wenn Kinder zwar an einem Kinderparlament teilnehmen und mitreden dürfen, das Gesagte aber keinerlei Konsequenzen hat.

Konsequenzen des Handelns

Elementar für wirkliche Teilhabe ist jedoch, dass der angestoßene Beteiligungsprozess auch tatsächliche Konsequenzen zeitigt.[8] Die positive Resonanz, die Kinder dadurch erfahren, gibt ihnen Sicherheit und bestärkt sie in ihrem Tun. Dabei geht es nicht darum, Kindern die Umsetzung all ihrer Ideen zu ermöglichen. Wichtig ist aber, die Kinder ernst zu nehmen, indem man bspw. Ablehnungen nicht einfach verfügt, sondern sie begründet.

„Wer nicht erwartet, mit seiner Handlung etwas zu bewirken, wird gar nicht erst versuchen, etwas zu verändern bzw. zu riskieren, sondern die Situation meiden und sich selbst negativ einschätzen. Wer hingegen positive Erwartungen hinsichtlich seiner eigenen Selbstwirksamkeit hat, wird diese auch auf neue Situationen übertragen und sich ein gewisses Schwierigkeitsniveau zutrauen.“[9]

Dialog auf Augenhöhe

Ein Dialog auf Augenhöhe schafft eine vertrauensvolle Atmosphäre. Er bedeutet, die Kinder mit ihren Bedürfnissen ernst zu nehmen und die eigenen Gedanken als erwachsene Person zu hinterfragen sowie die Perspektive zu wechseln.[10] Augenhöhe ist hier wörtlich und sinngemäß zu deuten: Hängen Bilder auf kindlicher Augenhöhe? Behandele ich die Kinder so, wie ich selbst behandelt werden möchte?

Vernetzung der Akteure

Um eine partizipationsfreundliche Schulkultur nicht nur in „Leuchtturm“-Projekten zu etablieren, erscheint sinnvoll, verschiedene Gruppen oder Institutionen miteinander zu vernetzen. Bereits innerhalb einer Schule gilt, alle relevanten Akteure – also SchülerInnen, Eltern, GanztagsbetreuerInnen und Vereine, aber auch Sekretariat, HausmeisterIn und Reinigungskräfte – einzubeziehen.

Freiwilligkeit der Teilnahme ist eine Grundvoraussetzung für Teilhabeprojekte. Durch zielgruppenspezifische Ansprache sind alle Kinder zu informieren; sie dürfen selbst entscheiden, ob und inwieweit sie mitmachen wollen. In der Demokratie darf selbst bestimmt werden, wie teilgenommen wird; deshalb sollte man auch Kindern dieses Recht zugestehen. Durch Teilhabeerfahrungen bereits ab der Grundschule (oder sogar schon ab dem Kindergarten) haben Kinder die Möglichkeit, im geschützten, aber institutionalisierten Rahmen einen wesentlichen Bestandteil der Demokratie zu erfahren und zu erlernen. Die Erwachsenen und ihre Verhaltensweisen sind immer Vorbilder für Kinder; darin liegt die Chance, Partizipation nicht nur in der Schule zu etablieren, sondern auch in den Alltag der Kinder und damit der zukünftigen Erwachsenen zu integrieren. Denn: Partizipation als Bestandteil von Demokratie muss erlernt werden – dazu muss sie erlebbar gemacht werden[11].

Birgit Redlich ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Sie arbeitet im Projekt „Göttinger Kinderdemokratie“ und gibt u.a. Fortbildungen zu Teilhabe in der Grundschule.

[1] Artikel 12 der Kinderrechte-Charta: „Berücksichtigung des Kindeswillens (1) Die Vertragsstaaten sichern dem Kind, das fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden, das Recht zu, diese Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten frei zu äußern, und berücksichtigen die Meinung des Kindes angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife.“ Unicef: Konvention über die Rechte des Kindes, in: unicef.de, URL: http://www.unicef.de/blob/9364/a1bbed70474053cc61d1c64d4f82d604/d0006-kinderkonvention-pdf-data.pdf [eingesehen am 14.09.2016].

[2] Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Referat Öffentlichkeitsarbeit (Hrsg.): Qualitätsstandards für Beteiligung von Kindern und Jugendlichen: Allgemeine Qualitätsstandards und Empfehlungen für die Praxisfelder Kindertageseinrichtungen, Schule, Kommune, Kinder- und Jugendarbeit und Erzieherische Hilfen, Berlin 2015, S. 24.

[3] Vgl. Eikel, Angelika: Demokratische Partizipation in der Schule, in: dies./de Haan, Gerhard (Hrsg.): Demokratische Partizipation in der Schule. Ermöglichen, fördern, umsetzen, Schwalbach 2007, S. 7−41, hier S. 25 ff.

[4] Vgl. Krappmann, Lothar: Kinderrechte und Demokratiepädagogik in der Schule: Zum Auftakt, in: Edelstein, Wolfgang/Krappmann, Lothar/Student, Sonja (Hrsg.): Kinderrechte in die Schule. Gleichheit, Schutz, Förderung, Partizipation, Schwalbach 2014, S. 12-19, hier S. 17.

[5] Da Kinder insbesondere aus Planungsprozessen herausgehalten werden, sind ihnen Zuständigkeiten teilweise völlig unklar. Sie haben keinen Einblick in das, was in der Gesamtkonferenz besprochen wird, und wenden sich deshalb mit allen Fragen zunächst an ihreN KlassenlehrerIn.

[6] Vgl. Krappmann 2014, S. 17.

[7] Schröder, Richard: Kinder reden mit! Beteiligung an Politik, Stadtplanung und -gestaltung, Weinheim 1995.

[8] Vgl. Vockenrodt, Yvonne: Partizipation in Kita und Schule: Thesen zur Kinderperspektive, in: ARCHIV für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit, H. 2/2014, S. 74-83, hier S. 74.

[9] Wustmann, Corinna: Resilienz: Widerstandsfähigkeit von Kindern in Tageseinrichtungen fördern, Weinheim/Basel 2004, S. 101.

[10] Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Referat Öffentlichkeitsarbeit (Hrsg.): 2015, S. 24.

[11] Vgl. Edelstein, Wolfgang/Krappmann, Lothar/Student, Sonja (Hrsg.): Kinderrechte in die Schule. Gleichheit, Schutz, Förderung, Partizipation, Schwalbach 2014, S. 8.


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