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August Bebel – Kaiser der Wagenburg

Felix Butzlaff |  15. Oktober 2013 |   |  Drucken

[analysiert]: Felix Butzlaff über das Erfolgsgeheimnis des „Arbeiterkaisers“.

 „Kaiser Bebel“, „Ersatzkaiser“, „Arbeiterkaiser“ – Der sozialdemokratische Arbeiterführer August Bebel, 1840 geboren, war für die ersten Jahrzehnte der deutschen Sozialdemokratie eine entscheidende Gestalt. Mehr noch als Lassalle, Marx oder Engels war er den Massen „der Führer, der Exponent, der Anleiter“, schrieb Robert Michels in einem Nachruf 1913. „Verkörperung der Partei“, „Dolmetscher ihres Denkens und Empfindens“, ihr „Heerführer“, nannte Eduard Bernstein ihn. Und die zahlreichen Schilderungen von überfüllten Versammlungssälen und fast religiöser Ekstase bei seinen unermüdlichen Agitationsreisen unterstreichen dies eindrucksvoll. Anstecknadeln, Bierkrüge, Taschenmesser bis hin zu großen Porträts mit seinem Abbild – Bebel war die Orientierungsfigur für die noch junge Arbeiterbewegung.

Kaum ein anderer nutzte die Bühne des Parlaments so geschickt wie er, kein anderer sozialdemokratischer Anführer absolvierte so viele und so gefeierte Vortragstourneen, auf denen er der Arbeiterschaft und eben auch dem politischen Gegner zwei Dinge immer und immer wieder einbläute: Erstens, dass der Kapitalismus auf einen Zusammenbruch zusteuere, den großen „Kladderadatsch“, und an seinen Widersprüchen zugrunde gehen werde. Und zweitens, dass nur die Einigkeit und das feste Zusammenstehen der sozialistischen Bewegung den Proletariern helfe, mit den Härten ihres Alltags fertig zu werden. August Bebel goss der Sozialdemokratie diese beiden tragenden Fundamente ihres Selbstverständnisses fest ins Gewissen.

Sein Weg zur sozialistischen Bewegung entsprach in vielen Facetten dem Entwicklungsgang der Bewegung selbst. Viele Facharbeiter, deren Familien später das Rückgrat der sozialdemokratischen Solidargemeinschaft bildeten, hatten ganz ähnliche Lebenswege durchlaufen. Geboren in einer Kasematte in Köln-Deutz war Bebels Kindheit von Entbehrungen geprägt. Der Vater starb früh, der Stiefvater kurz darauf auch und die mittellose Mutter zog mit den Kindern wieder in ihre Heimat, ins nordhessische Wetzlar. Eine Handwerkslehre und bescheidene Volksschulbildung waren für den jungen Bebel der einzige Hoffnungsschimmer, den schier aussichtslosen Verhältnissen zu Hause zu entkommen. Erst die Gesellenprüfung war für ihn die Eintrittskarte, über die Wanderschaft die deutschen Lande außerhalb des engen Wetzlars kennenzulernen. Wie viele Handwerker auch, engagierte sich Bebel in einem liberalen Bildungsverein. Denn er fühlte sich eben zuallererst als Geselle und Handwerker mit einem gewissen Standesstolz und einem Ziel: Meister zu sein und eine eigene Werkstatt aufzubauen. Für die von Proletarisierung bedrohten Handwerker waren die Ziele „Bildung und Sparen“ attraktiver, die Aussicht auf einen Aufstieg und die Eingliederung in die Gesellschaft ungleich verlockender als eine Verbrüderung mit den Ausgestoßenen.

Erst nachdem das liberale Bürgertum in Deutschland die Hoffnungen der Handwerker und Facharbeiter auf eine fruchtbare Allianz enttäuscht hatte, begann Bebel sich intensiver mit den sozialistischen Theorien zu beschäftigen. Und noch etwas kam hinzu: die Begegnung mit Wilhelm Liebknecht, der ihm Gefährte und Berater wurde, ihn an die Welt der Sozialdemokratie heranführte. Der Einfluss von Marx und Engels sowie die Radikalisierung der sozialdemokratischen Weltanschauung kamen erst später und benötigten die unerbittliche Verfolgung der Arbeiterorganisationen durch die deutsche Obrigkeit, um innerhalb der Bewegung konsensfähig zu werden. Denn die Facharbeiter und Handwerker waren keine Hasardeure, sondern hatten Werkstatt, Anstellung und (oft) Familie – also mehr zu verlieren als bloß ihre Ketten.

Der Hochverratsprozess gegen Bebel und Liebknecht 1872 und die folgenden Gefängnisaufenthalte der beiden aber, sowie die zwölf Jahre Verfolgung unter den Sozialistengesetzen, machten dann aus sozialdemokratischer Sicht deutlich, dass die klammheimliche Hoffnung auf Akzeptanz und Anerkennung durch den neuen Staat vergebens war. Erst mit diesen Unrechtserfahrungen, mit denen Bebel prototypisch für die Alltagswelt der sozialdemokratischen Anhänger steht, die ebenso Verfolgungen und Anfeindungen ausgesetzt waren, wurde die Gewissheit, dass der Kapitalismus und seine Trägerschichten dem Zusammenbruch geweiht waren, zur emotionalen Notwendigkeit. Nun erst, mit immer größer werdender Verbitterung, trafen eine radikalere Sprache und Entwürfe auf eine entsprechende Resonanz. Bebel gehörte damit auch zu den Märtyrern der Bewegung, die durch ihre Gefängnisaufenthalte – bei ihm summierten sich diese auf 57 Monate – diese Zukunftsgewissheit hoch erhobenen Hauptes nach außen trugen. Selbst politische Gegner mussten nach seiner Verteidigungsrede 1872 eingestehen, dass die juristische Grundlage seiner Verurteilung wegen Hochverrats mehr als dünn war.

Für Bebel kamen die wiederholten Verurteilungen auch deswegen nicht ungelegen, weil diese ihm eine Atempause im rastlosen politischen Alltag bescherten. Er konnte in der Haft Literatur ordern, achtete sehr auf seine Kleidung und nutzte die Zeit zu gründlichen Studien. Liebknecht etwa gab ihm Sprachunterricht und das Essen ließen sie vom nahe gelegenen Gasthof liefern. „Ich würde wohl zugrunde gegangen sein, wenn sie mich nicht öfter zur rechten Zeit eingelocht hätten“, wird er zitiert.

Bebel hatte die drückende Enge der nahproletarischen Verhältnisse des jungen Handwerksgesellen also rasch hinter sich gelassen. Bereits 1864 konnte er sich in Leipzig eine eigene Werkstatt einrichten, aus der mit der Zeit ein florierendes Unternehmen wurde, bei dem er sich seinen Ausstieg komfortabel ausbezahlen ließ. Auch das Partei- und Artikelhonorar, welches sich bei ihm und Liebknecht nach dem Fall des Sozialistengesetzes 1890 stattlich summierte und welches Bebel an der Börse anlegte, trug seinen Teil zum auskömmlichen Leben bei. Und mit dem Erfolg seines Buches „Die Frau und der Sozialismus“ konnte er sich sogar eine Villa in Küsnacht am Zürcher See leisten. Doch entfremdete ihn dies nicht von der Basis seiner Partei – im Gegenteil. Zudem waren die Arbeiter auch stolz auf den Erfolg und die Anerkennung ihres Führers, auf einen von ihnen, der den Aufstieg geschafft hatte, den die materiellen Sorgen keineswegs mehr drückten und der vom politischen Gegner gefürchtet und respektiert wurde.

Bebel war dabei ein ruheloser Sammler von Eindrücken und Lebenslagen der deutschen Arbeiter, suchte stets nach Zahlen und Fakten, um seine Predigten vom kommenden Zusammenbruch des Kapitalismus zu untermauern. „Was Bebel den Massen vertraut machte, das war seine Nähe. Seine Sprache war ihre Sprache. Seine Art war ihre Art. […] Er war ihr Mann.“ Ein glänzender Rhetoriker im eigentlichen Sinne war er dabei nicht; seine Stimme wird als hart und schrill beschrieben, zwar von durchdringender Wirkung und „gehorsamheischend“ – vom Klang her aber eher an eine „zerborstene Glocke“ erinnernd und darüber hinaus „prononziert ostdeutsch“. Alle Zeitzeugen aber erinnerten sich noch lange an die glühende innere Überzeugung und „Herzenswärme“, mit denen Bebel ohne eitles Pathos seine lebendigen Vorstellungen einer besseren, sozialistischen Welt in die Vortragssäle und auf die Seiten seiner Artikel und Bücher malte. In dieser Rolle als Zerstreuer allen Zweifels verehrten ihn die Massen. Und Bebel überzeugte auch durch die „Schlichtheit“ seines Auftretens, er verachtete etwa Ferdinand Lassalle für dessen Selbstdarstellungen und mokierte sich über die Posen, beim Reden theatralisch und selbstzufrieden die Daumen in die Armausschnitte seiner Weste zu stecken.

August Bebel gehörte zu der Generation sozialdemokratischer Führer, die den Aufbau der Organisation von den frühen Tagen an begleitet hatten und die noch nicht in eine Bewegung hineingeboren waren, die mit fest gefügtem Organisationsnetz die Handlungsabläufe der politischen Arbeit vorgezeichnet hätte. Die Generation Bebel formte die sozialistische Bewegung erst aus. Allein die Tatsache, dass August Bebel mit Ende Zwanzig bereits zur Führungsriege der Sozialdemokratie gehören konnte, sich nicht erst jahrelang über Parteiebenen und durch die Organisationsgliederungen an die Spitze arbeiten musste, macht dies deutlich.

Eine Brücke vom Heute zum Morgen aber hat Bebel nie entworfen. Dies ist ihm im Nachhinein oft zum Vorwurf gemacht worden: dass er durch seine Entwürfe die Sozialdemokratie damit noch weiter in eine abgekapselte Wagenburg hineingetrieben habe. Als Künder und Versicherer des „richtigen“ Weges, auch als Trostspender und Spiegel der Arbeiterhoffnungen hat August Bebel gleichwohl viel dazu beigetragen, dass die Sozialdemokratie als Bewegung über die dunklen Jahre der Sozialistengesetze sowie die Verfolgungen unter der NS-Diktatur hinweg Bestand haben konnte. Und nicht zuletzt deswegen bleibt die Frage, ob nicht gerade diese „Gesellschaftsferne“ und „Wagenburgmentalität“ erst die Voraussetzungen dafür geschaffen haben, dass die SPD heuer anderthalb Jahrhunderte ihres Bestehens feiern kann.

Felix Butzlaff ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Gemeinsam mit Franz Walter ist er Herausgeber des Bandes „Mythen, Ikonen, Märtyrer. Sozialdemokratische Geschichten“.

Foto oben: August Bebel 1896 (Holzstich von Jan Veth), public domain, wikimedia commons

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Von der Emanzipation zur Meritokratie


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