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Auftaktkonferenz: Zur Ethnologie Linker Militanz
6. Dezember 2017

[präsentiert]: Kevin Zahn berichtet von der Konferenz „Ethnologie Linker Militanz. Akteure und Mentalitäten im Kontext“.

Die Auftaktkonferenz der Bundesfachstelle Linke Militanz hat sich am vergangenen Donnerstag, dem 30. November 2017, zum Inhalt gemacht, das breite Spektrum linker Bewegungen, Szenen und Proteste in Europa zu skizzieren. Im Folgenden einige Konferenzsplitter, ausgelesen mit Blick auf eine Ethnologie Linker Militanz:

Zwischen Halbstarken und 1968ern verortete Wolfgang Kraushaar in seinem Vortrag das Phänomen Linker Militanz. Die Studentenbewegung von 1968 gilt dem Professor des Hamburger Instituts für Sozialforschung als Protagonistin soziokulturellen Wandels, theoretisch versiert, politisch engagiert. Die Halbstarken – randalierende Rock’n’Roll-Fans der 1950er Jahre – bilden demgegenüber den unpolitischen Widerpart: zwar gegen das Spießertum der Zeit gerichtet, aber v.a. durch den Genuss am Gewaltexzess motiviert. Die Pointe: Fehlt es einer Bewegung an einer fundierten Gesellschaftskritik, an einer politischen Zielsetzung, lässt sich Gewalt nicht mehr als der Überschwang eines ansonsten begrüßenswerten Kampfes um soziale Teilhabe deuten. Solche Konflikte unterliegen – so Kraushaar mit Bezug auf Max Weber – keiner Zweck- und keiner Wertrationalität. Vielmehr folgen sie ganz den subjektiven Eindrücken ihrer Akteure, die sich eines Bezugs zur Gesellschaft verweigern. Darin liegt aus Sicht von Kraushaar auch ein Bruch mit der Tradition linker Politik: Es handele sich in diesen Fällen wohl eher um ein Phänomen aggressiver, jugendlicher Männlichkeit.  

So näherte sich Kraushaar in seinem Vortrag auch einer Definition von Militanz an, die auf eine politische Links-Rechts-Einordnung verzichtet. Ethymologisch leitete er den Begriff aus dem Lateinischen her: „mit kriegerischen Mitteln für eine Sache kämpfen“ (von militare: in den Krieg ziehen). Militanz stehe für die Bereitschaft, die körperliche Unversehrtheit des Gegenübers zu verletzen. Stolz und entschlossen, auf der eigenen Haltung beharrend, stelle sie eine „Absage an das Vermittelnde“ (Kraushaar) dar. Sie schließe auch einen „Ethos“ des Militanten ein: kein Hinterhalt, kein Angriff auf Unbeteiligte. Außerdem hebe sich Militanz durch eine ihr eigene Ästhetik ab, die sich in Körpersprache und Kleidung ausdrücke. Unter diese Definition lässt sich auch der Schwarze Block bei den jüngsten G20-Protesten in Hamburg einordnen. Gleichsam das Patent für diese Form des Protests auf Demonstrationen, bei der eine geschlossene, vermummte Gruppe vorweg geht, liege übrigens bei einem gewissen Joschka Fischer, wie Kraushaar nach seinem kurzweiligen Vortrag nebenbei bemerkte.

Kraushaars Diagnose steht allerdings auf tönernen Füßen, wenn er schließt, es handele sich bei gegenwärtigen Phänomenen Linker Militanz wie den Autonomen wohl eher um unpolitische – oder zumindest nicht um „linke“ – Bewegungen. Es mangele ihnen dafür an einer theoretischen Begründung ihrer Praxis. Wie ein Konferenzteilnehmer einwandte, hätten die 1968er zwar Theoretiker in ihren Reihen gehabt. Allein das rechtfertigte aber nicht jede Praxis der Studentenbewegung. Umgekehrt lasse sich vom Fehlen einer komplexen Theorie der Protestierenden nicht umstandslos auf die Illegitimität von Protest schließen. Damit zeichnete sich ein Problem ab: Im Schatten einer rein begrifflichen Annäherung an die Definition der Militanz drohten die Umrisse der sozialen Ausprägungen, die politischen Gründe und individuellen Motivationen dieser Form des Widerstands zu verblassen. Es sind gerade diese blinden Flecke einer Etymologie der Linken Militanz, in die eine Ethnologie Linker Militanz vorstößt, um sie zu beleuchten. Es geht ihr um die Annäherung an und den Einbezug von Selbstverständnissen der militanten Akteure, um die Beschreibung der sozialen Zusammenhänge, die den Begriff Linker Militanz als analytisch-deskriptive Kategorie schärfen und an die empirische Realität rückbinden.

Eine solche ethnologische Erkundungsarbeit ist – wie der Beitrag von Tom Mannewitz zeigte – mit den Unschärfen der linken Szene konfrontiert. In seiner Darstellung näherte sich der Juniorprofessor der TU Chemnitz der autonomen Szene in Leipzig mit quantitativen Mitteln der Beobachtung an. So verzeichnete er z.B. einen Wandel in den thematischen Schwerpunkten des Engagements der linken Szene. Dabei ergab sich ein ambivalentes Bild: Bei allen Konjunkturschwankungen stehen radikale Standpunkte einer Linken Militanz neben harmlosem zivilgesellschaftlichen Engagement. Wenn die Gruppen also während der sogenannten Flüchtlingskrise dort in die Bresche springen, wo die staatliche Versorgung versagt, sei daran nichts auszusetzen. Es lasse sich – so Mannewitz auf Nachfrage aus dem Publikum – vor einer genauen Betrachtung der Inhalte und Gründe des Engagements gar nicht entscheiden, ob das Verhalten legitim oder gefährlich sei. Allein: Insbesondere die autonomen Gruppen sind eine Black Box. Für Außenstehende lässt sich die Verbindung von politischem Engagement und kulturellem Interesse in Szene-Treffs wie dem „Conne Island“ kaum entflechten, geschweige denn, dass sich Akteurstypen und Strukturen aus dieser Perspektive identifizieren ließen.

In dieser Undurchsichtigkeit trat auf der Konferenz ein spezifisch „linkes“ Merkmal politischer Organisation hervor. Undurchsichtigkeit zu erzeugen, ist Teil des Konzepts, beruht eben nicht auf Zufall, internem Durcheinander oder Unkenntnis der Forschung. Zumindest der Form nach lässt sich so von der autonomen Szene in Leipzig zur Nuit-Debout-Bewegung in Frankreich – das Thema des Vortrags von Teresa Nentwig – eine Parallele ziehen. Zur Nuit-Debout-Bewegung: Von Ende März bis Juni 2016 demonstrierten auf dem Place de la République in Frankreich auf dem Höhepunkt bis zu 400.000 Menschen gegen geplante Arbeitsrechtsreformen.[1] Die Demonstranten besetzten den Platz und schufen dort ein offenes Forum für Anliegen allerlei Art – ähnlich der Occupy-Bewegung oder den Indignados in Spanien. Das Besondere: Dieses Forum sollte nicht einer politischen Willensbildung dienen. Gemäß einer Idee des französischen Politikwissenschaftlers Yves Sintomer wollte die Nuit-Debout-Bewegung auf präzise formulierte Forderungen verzichten, so Nentwig, Forscherin am Institut für Demokratieforschung. Der elitenkritischen Bewegung ging es darum, einen neuen Zusammenhalt in der Bürgerschaft aus der Unterbrechung der Herrschaft erwachsen zu lassen. Gefeit gegen politische Vereinnahmung und mediale Manipulation sollte dieses Konzept der Organisation eine freie Verständigungspraxis ermöglichen.

Die Parallelen zu den Autonomen: Es handelt sich bei diesem Bruch mit der Herrschaft um eine „Absage an das Vermittelnde“ (Kraushaar) des institutionalisierten Spiels der etablierten politischen Kräfte, um die Aneignung eines Raums, an dessen Rändern es auch zu „militanten“ Konfrontationen kam. Auch die interne Struktur der Nuit-Debout-Bewegung erinnert an die (teils nur vermutete) interne Struktur autonomer Gruppen: Es gibt – auf den ersten Blick – keine Hierarchien unter den Teilnehmern, keine inhaltlichen Einschränkungen der Rede-Beiträge. Nichtsdestotrotz sei, so Nentwig, klar ersichtlich, dass es hinter den Kulissen ein eingespieltes Team von Organisatoren gegeben haben muss. Deren Einfluss blieb allerdings in der Organisationsform der Nuit-Debout-Bewegung intransparent. Entscheidender Unterschied zu den Autonomen: Es handelte sich dabei um ein offenes Forum. Die Autonomen hingegen bilden geschlossene Gruppen.

Nach einer Betrachtung dieser oft schwer zu durchdringenden Motivlagen, Akteursbeziehungen und Strukturen im Bereich Linker Militanz deckte die Konferenz abschließend auch die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema ab. Dem konzisen Vortrag von Carsten Koschmieder verdanken die Konferenzteilnehmer ein vertieftes Verständnis für die rhetorischen Tricks des Antisemitismus im Allgemeinen und einen Einblick in den Antisemitismus eines Teils des linken politischen Spektrums im Besonderen. Allein am Beispiel inhaltlich widerstreitender Positionen und Argumentationen zu den Themen Israel, Kapitalismus und Eliten innerhalb der linken Szene zeigt sich aber auch der hohe Grad ihrer internen Differenzierung. Diese Auseinandersetzung linker Gruppen untereinander ist zwar – etwa durch Beiträge von Koschmieder – teilweise inhaltlich gut erschlossen. Kaum erforscht ist dagegen die Dynamik der Auseinandersetzungen. Kurzum: Stoff für Forschungen im Bereich der Ethnologie Linker Militanz an der Bundesfachstelle des Göttinger Instituts für Demokratieforschung.

[1] Ein lebhaftes Bild der Nuit-Debout-Bewegung vermittelt Teresa Nentwig in der kommenden Ausgabe von INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft.