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Atomarer Fluch und Segen

Robert Lorenz |  28. Oktober 2011 |   |  Drucken

[Göttinger Köpfe]: Robert Lorenz über den Physiker Otto Hahn

Die Göttinger sind stolz auf Otto Hahn. Ein Otto-Hahn-Gymnasium, eine Otto-Hahn-Straße, ein Unternehmen namens „Otto Hahn Studios“ gibt es dort, die Universität führt ihn in ihrer 44 Persönlichkeiten umfassenden Liste des „Göttinger Nobelpreiswunders“ auf. Dies ist verständlich, zählt doch Hahn zu den größten Kernphysikern der Geschichte: Er spürte etliche chemische Elemente auf, war der erste Präsident der Max-Planck-Gesellschaft – vor allem gründet sich sein Ruf auf die Entdeckung der Kernspaltung im Jahr 1938, für die er nach dem Zweiten Weltkrieg den Nobelpreis erhielt. In beinahe jeder über Hahn verfassten Schrift lässt sich nachlesen, dass er mit seinen revolutionären Beobachtungen die Pforte zum Atomzeitalter aufgestoßen hat, für Viele daher als dessen „Vater“ gilt.

Keine einzige bedeutsame Forschungsleistung vollbrachte Hahn in Göttingen. Auch sonst hatte er bis 1945 nichts mit der südniedersächsischen Universitätsstadt zu tun. Der 1879 in Frankfurt am Main geborene Hahn studierte in Marburg und München Chemie, promovierte 1901 in Marburg, im Sommer 1907 habilitierte er sich in Berlin. In den 1920er Jahren avancierte er zum wissenschaftlichen Kopf des weltbekannten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie in Berlin-Dahlem. Befreit von universitären Lehrverpflichtungen und ausgestattet mit einem passablen Laboratorium betrieb der gründliche Experimentator in unmittelbarer Nachbarschaft zu Max Planck und Albert Einstein Weltspitzenforschung. Weniger Originalität als Akkuratesse und Durchhaltevermögen waren seine Stärken, mit denen er dem faszinierenden Atom etliche Geheimnisse entlockte. 1928 avancierte er zum Direktor seiner Wirkungsstätte, die damals ein pulsierender Ort wissbegieriger Forscher war.

Otto Hahn, 1964. Foto: Stadtarchiv Göttingen

1938 änderte sich für Hahn alles: Gemeinsam mit seinem Assistenten Fritz Straßmann spaltete er den Kern eines Uranatoms – damals ein Vorgang revolutionären Ausmaßes. Denn die Kernspaltung setzt Energie frei, sie beflügelte nicht nur zusätzlich die Phantasie der Forscher für weitere Fortschritte, sondern verhieß auch ungeahnte Möglichkeiten der Kernenergienutzung. Denn diese hatte von Anbeginn eine zivile und eine militärische Seite. Gerade die letztere war heikel, konnten Atombomben mit ihrer unermesslichen Zerstörungskraft und in den Händen unberechenbarer Regime doch katastrophale, die Existenz der gesamten Menschheit gefährdende Folgen haben.. Hahn bereitete dies Unbehagen. In seinem Institut arbeiteten einige Wissenschaftler, die mit dem NS-Regime sympathisierten. Er selbst sah in der nationalsozialistischen Diktatur eine Gefahr für das Ansehen der deutschen Wissenschaft und befürchtete, dass die Machenschaften des Regimes seine Forschungsarbeiten beeinträchtigen könnten. Schließlich waren wichtige Köpfe aus rassistischen Gründen vertrieben worden, so seine geschätzte Kollegin Lise Meitner. Und unter keinen Umständen gedachte Hahn, einem Mann wie Adolf Hitler den Weg zur Atombombe zu weisen. Er wollte, dass sich die Welt mit den hilfreichen, nicht den destruktiven Potenzialen von Atomkraft befasste.

Doch Hahn konnte aufatmen: Die meisten der deutschen Kernphysiker gelangten um das Jahr 1940 zu dem Schluss, dass mit den begrenzten Ressourcen des Deutschen Reichs ein umfassendes Atomwaffenprogramm schlichtweg nicht zu stemmen war. Sie konzentrierten ihre Forschungsanstrengungen daher auf die Konstruktion eines „Uranbrenners“, mit dem sie nukleare Energie zu erzeugen suchten. Sie erreichten, dass die Behörden dieses Projekt als kriegswichtige Arbeit einstuften. So konnten viele Wissenschaftler davor bewahrt werden, als Soldaten an die Fronten des Zweiten Weltkrieges geschickt zu werden. Nach dem Ende des Krieges verbrachte ein Kommando der Alliierten Hahn und einige seiner Kollegen nach Farm Hall. In dem englischen Provinznest bewohnten sie als faktische Gefangene eine komfortable Villa, während ihre Angehörigen in der zerstörten Heimat den Widrigkeiten der unmittelbaren Nachkriegszeit trotzen mussten. Dabei observierten alliierte Offiziere die Wissenschaftler heimlich, um an Informationen über das deutsche Atomprogramm zu gelangen.

Schon Ende 1945 kehrte Hahn nach Deutschland zurück, die Briten quartierten ihn in Göttingen ein, dem intakt gebliebenen Städtchen mit seiner altehrwürdigen Universität – die alliierten Bomben waren dort in den Kriegsjahren nur selten eingeschlagen. Die Briten hatten mit Hahn ein Arrangement getroffen: Sie stellten der westdeutschen Wissenschaft in Aussicht, bald wieder Atomforschung betreiben zu können – denn zunächst noch blieb diese durch das alliierte Besatzungsstatut untersagt. Im Gegenzug sollte Hahn Gewissheit bieten, dass er und seine Kollegen unter keinen Umständen militärische Forschungsvorhaben verfolgen würden. Deswegen sollte er auch der im deutschen Wissenschaftsbereich mächtigen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die auf Druck der Alliierten kurzerhand in Max-Planck-Gesellschaft umgetauft wurde, als Präsident vorstehen. Die Wissenschaftsgroßorganisation siedelte ihre Zentrale, zusammen mit einigen ihrer Institute, 1948 in Göttingen an.

Wohnhaus von Otto Hahn in Göttingen. Foto: Johannes Habenbacher

Auf diese Weise, einem historischen Zufall geschuldet, stand Göttingen in den Anfangsjahren der Bonner Republik plötzlich im Mittelpunkt des Wissenschaftsmanagements. Von hier aus versuchten Hahn wie auch der Kernphysiker Werner Heisenberg die Geschicke ihrer Profession zu lenken. Sein persönliches Anliegen, die Nuklearwissenschaft für eine medizinische und wirtschaftlich nützliche, keineswegs aber eine militärische Technologie zu verwenden, und sein Bestreben, die deutsche Atomforschung nach den Rückschlägen in Folge des Krieges wieder an die Weltspitze zurückzuführen, politisierten Hahn nachhaltig.

Wann immer sich die Gelegenheit bot – in Interviews, Vorträgen oder Schriften – betonte er die segensreichen Verheißungen atomarer Stoffe und verdammte die militärische Nutzung als waghalsigen Missbrauch durch Politiker und Generäle. Auf der einen Seite standen die förderungswürdigen Aspekte des Atoms: heilsame Strahlenbehandlung des menschlichen Körpers, Stromerzeugung, möglicherweise sogar atomgetriebene Kraftfahrzeuge; auf der anderen fanden sich todbringende Atomsprengköpfe. Hahn nutzte seinen Prominentenstatus, den er als Nobelpreisträger genoss, um politische Appelle auszusenden. Von Göttingen aus schickte Hahn im April 1957 die von ihm und siebzehn seiner Kollegen unterzeichnete „Göttinger Erklärung“ an die Presse, welche die Bundesregierung mahnte, auf den Besitz eines eigenen Atomwaffenarsenals zu verzichten.

In Göttingen lebte während der 1950er und 1960er Jahre also nicht der wissenschaftliche, sondern vielmehr der politische Otto Hahn. Dort verstarb er auch, am 28. Juli 1968. Göttingen, wo er seinen Lebensabend verbrachte, und Frankfurt am Main, wo er zu Kaisers Zeiten das Licht der Welt erblickt hatte, identifizieren sich beide mit der Persönlichkeit Otto Hahn. Denn auch die südhessische Metropole wartet mit dem Standardrepertoire stolzer Erinnerung auf: eine Otto-Hahn-Schule, ein Otto-Hahn-Platz, ein Otto-Hahn-Preis.

Robert Lorenz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


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