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Am Ende bleibt das pure Menschsein

Christopher Schmitz |  5. August 2014 |   |  Drucken

1964. Das Jahr, mit dem „68“ begann

[analysiert]: Christopher Schmitz über die Logik moderner Kriege am Beispiel des Vietnam-Konflikts.

August 1964: In den internationalen Gewässern des Golf von Tonkin kreuzen die US-Zerstörer „Maddox“ und „C. Turner Joy“. Es kommt zu einer Auseinandersetzung mit Torpedobooten der nordvietnamesischen Marine. Gleichwohl diese Version der Ereignisse mittels der „Pentagon Papers“[1] später als falsch entlarvt werden konnte, markierte dieses als „Tonkin-Zwischenfall“ bekannt gewordene Ereignis zusammen mit der Verabschiedung der „Tonkin-Resolution“ durch den US-Kongress den direkten militärischen Eingriff der Vereinigten Staaten in den Konflikt zwischen Nord- und Südvietnam. Wie kaum eine andere kriegerische Auseinandersetzung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs polarisierte der Vietnamkrieg vor allem die Welt westlich des Eisernen Vorhangs. Friedensbewegung, Bürgerrechtsbewegung, Studierendenproteste: Die sogenannten „68er“ waren geboren – und der Vietnamkrieg war die Hebamme. Doch was lässt sich darüber hinaus über diesen Krieg erzählen, außer dass er ein Katalysator für den Inbegriff der Kulturrevolution im 20. Jahrhundert schlechthin wurde? Lässt sich aus der Art und Weise der Kriegsführung etwas für die Konflikte lernen, welche die Welt heute heimsuchen? Sollte das Mahnmal angesichts einer um sich greifenden Banalisierung des Krieges erneuert werden?

Rund 58.000 getötete US-Soldaten, zweieinhalb Millionen zivile Opfer, vier Millionen Tote insgesamt waren am Ende zu zählen, zu betrauern, zu begraben. Doch die eigentliche Botschaft Vietnams liegt womöglich nicht einmal in der Zahl der Toten. Eine Aussage, die angesichts der Tatsache, dass ein Achtel der gesamtvietnamesischen Bevölkerung diesen Krieg nicht überlebte, zynisch wirkt. Doch sind diese Toten die Folge einer Kollision von technischen Möglichkeiten der Kriegsführung und den Bedingungen des tatsächlich durchgeführten Krieges. Durch die asymmetrische Natur des Krieges war es nicht möglich, Fortschritte oder Erfolge an sichtbaren Geländegewinnen abzulesen. In diesem „Krieg ohne Fronten“[2] wurde das ganze Land zum Schlachtfeld. Dieses war geprägt vom Aufeinandertreffen regulärer amerikanischer Truppenverbände mit den Guerillatruppen des Vietcong – im Grunde war jedes Mitglied des vietnamesischen Volkes ein potenzieller Feind, der jederzeit und überall lauern konnte. Die überwiegend schlecht ausgebildeten amerikanischen GIs konnten, sollten und wollten mit dieser Situation nicht umgehen: Ein Krieg, der von der militärischen Führung in „Body Counts“ und „Kill Ratios“ gemessen wird, verzichtet irgendwann darauf, zu fragen, ob alle getöteten Vietcong auch tatsächlich Vietcong waren. Ebenso wie Mängel in Ausrüstung und Ausbildung schließlich instrumentalisiert wurden, um die durch den allgegenwärtigen Krieg und den Verlust von Kameraden traumatisierten Soldaten zu einem gnadenlosen Hass auf die Bevölkerung Vietnams anzustacheln. Dieser Verrat „an dem, was Recht ist“[3], führte laut Jonathan Shay vielerorts zu einer Berserkerwut bei den Soldaten. In diesem Zustand waren sie blind für die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nicht-Kombattanten – der Unterschied war aufgelöst und verschwunden, moralische Kontrollinstanzen waren aufgehoben. Deshalb, so Shay, war schließlich auch My Lai 1968 möglich. Ein Massaker – unter vielen –, das sinnbildlich für den Krieg in Vietnam steht.

mehr zum Buch „1964 – das Jahr, mit dem ‚68‘ begann“Doch nicht nur der Krieg am Boden folgte anderen Regeln. Weil dieser keine klaren Fronten kannte, waren auch die Angriffe aus der Luft besonders verheerend. Das ganze Land – vor allem Südvietnam – wurde zu einer einzigen Kampfzone und war den potenziellen Angriffen aus der Luft ausgesetzt. 400.000 Tonnen Napalm wurden während des Krieges eingesetzt. Insgesamt wurden an die sieben Millionen Tonnen Sprengstoff über vietnamesischem Gebiet abgeworfen. Rund 91 Millionen Kilogramm Herbizide, allen voran das hochgiftige „Agent Orange“, wurden zur Entlaubung der Regenwälder eingesetzt. Um die taktischen Vorgaben einer Abnutzungs- und Ermüdungsstrategie und eines „Search And Destroy“-Vorgehens realisieren zu können, waren auch für die Piloten die Prinzipien des „Body Count“ und der „Kill Ratio“ die oftmals einzigen Anhaltspunkte und letztlichen Erfolgsmaßstäbe. Natürlich war ein solches Vorgehen nie wirklich in der Lage, den gesellschaftlichen Status der Menschen im Zielgebiet festzustellen, also zwischen Kombattanten und Zivilisten zu unterscheiden. Der Prozess der Tötung wurde auch hier aus dem Korsett der Moral befreit. Dieses Mal jedoch durch die Distanz, die sich real wie emotional zwischen den Tötenden und Getöteten aufspannt. Jene im Cockpit eines Bombers sind längst weg, wenn die Menschen am Boden von den Sprengköpfen ihres Fliegers zerfetzt werden. Die einzige Verbindung zum Ziel besteht in den grauen Silhouetten unter dem weißen Fadenkreuz des Zielcomputers und einem Knopfdruck. Niemals bekommen die Piloten die abgetrennten Körperteile zu sehen, sie hören nicht die Schreie des Entsetzens, des Schmerzes, der Trauer und der Angst.

Der Krieg wird dadurch einfacher – und wenn ihn die technisch überlegene Partei ohne Gefährdung der eigenen Bevölkerung führen kann, verliert er seinen Schrecken und den Modus der Ultima Ratio. In dieser Hinsicht war der Vietnamkrieg ein Novum. Er verband die technische Distanzierung des Menschen von der Kriegsführung mit Aufhebung räumlicher Kampfgrenzen entlang eines Frontverlaufs. Gleichzeitig sorgten die erlittenen Traumata, die Kriegsverbrechen und der Tod von Soldaten am Boden dafür, dass das Prinzip der Kriegsführung zunehmend von den Schattenseiten bereinigt wurde. Mittels emotionaler wie technischer Distanzierung kommt es dadurch zu einer moralischen Banalisierung von Krieg, Tötung und Zerstörung.

Seinen Gipfel findet dieses Prinzip im heutigen Einsatz von Drohnen: Die Verbindung zwischen Tat und Tod ist vollends nivelliert. Niemand hat etwas gehört, niemand hat etwas gesehen und niemand hat etwas getan. Oder zumindest hat niemand, der etwas gehört hat, auch etwas gesehen und jemand, der etwas gesehen hat, hat nichts gehört oder getan. Und schließlich hat niemand, der etwas getan hat, etwas gehört oder gesehen. In der kleinen Kammer am anderen Ende der Welt ist der Unterschied zwischen Soldat und Zivilist bedeutungslos. Der zivilisatorische Status wird aufgehoben. Am Ende bleibt allein ein Mensch unter dem Fadenkreuz.

Christopher Schmitz arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Eine längere Version dieses Beitrags findet sich in dem Band 1964 – das Jahr, mit dem »68« begann.

[1] Im Jahre 2011 wurden die „Pentagon Papers“ schließlich in Gänze und ungeschwärzt von der US-Regierung freigegeben. Seitdem sind sie u.a. online über die National Archives einsehbar. Vgl. United States National Archives (Hrsg.): Report of the Office of the Secretary of Defense Vietnam Task Force. „Pentagon Papers“, URL: http://www.archives.gov/research/pentagon-papers/ [eingesehen am 08.10.2013].

[2] Greiner, Bernd: Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam, Hamburg 2007.

[3] Shay, Jonathan: Achill in Vietnam. Kampftrauma und Persönlichkeitsverlust, Hamburg 1998, S. 25 ff.


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