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Alte Wurzeln und neue Lernprozesse

Franz Walter |  12. Januar 2011 |   |  Drucken

[analysiert]: Franz Walter über Anfänge sozialer Bewegungen am Beispiel des Sozialismus in Deutschland.

Die Arbeiterbewegung war anfangs nicht einfach Partei und Gewerkschaft als organisatorisch feste Struktur; sie war auch und zunächst sogar viel mehr eine soziale Bewegung. Und bei sozialen Bewegungen weiß man nie so recht, wann sie denn eigentlich begonnen haben. Schließlich verfügen sie nicht über exakte Entstehungsdaten. So hat denn auch die Sozialdemokratie, als ihr parteiförmiges Erbe, seit jeher Schwierigkeiten, ihr Gründungsjahr parteihistorisch verbindlich vorzugeben. Formulieren wir es daher offen: Irgendwann zwischen den 1830er und 1870er Jahren baute sich in Deutschland allmählich die modernde Arbeiterbewegung auf, als Reaktion der neuen industriellen Arbeiterklasse auf die Abhängigkeitsverhältnisse, Unsicherheiten und Krisen des neuen industriellen Kapitalismus. Doch auch das ist sogleich wieder zu relativieren. Denn ganz so modern war die Arbeiterbewegung in ihren Anfängen nicht; und ganz so neu war auch die Arbeiterklasse nicht, die sich zu Beginn sozialdemokratisch organisierte. Soziale Bewegungen fangen eben nicht bei Null an; sie haben immer – gerade die erfolgreichen und dauerhaften unter ihnen – Wurzeln und Kraftquellen in der Vergangenheit.

Die neuen Fabrikarbeiter im Frühkapitalismus aber waren gewissermaßen wurzel- und traditionslos. Überwiegend kamen sie aus der agrarischen Provinz, hatten keine Organisationserfahrungen, keine Solidaritätspotentiale, keine gruppenbildenden Leitideen. Über all das aber verfügten die städtischen Handwerksgesellen jener Jahre, die Schriftsetzer, Scherenschleifer, Drechsler, Sattler, Zimmerer usw. Sie wurden zu Pionieren der neuen Arbeiterbewegung. Aber moderne Industriearbeiter waren sie nicht. Doch gerade deshalb wurden sie zu Gründern, Organisatoren und Anführern der neuen Arbeiterbewegung. Denn sie besaßen die Voraussetzungen, die man benötigt, um eine neue soziale Bewegung ins Leben zu rufen und sie peu à peu in Parteistrukturen zu übersetzen: Organisationskompetenz, Selbstbewusstsein, Bildung, Leitziele, Kommunikationsfähigkeit und Mobilität.

Ihre Organisationskompetenz hatten die Handwerksgesellen über Jahrhunderte in den Zünften akkumuliert. Viel von diesen alten Zunftstrukturen – etwa die Unterstützungskassen für Krankheit, Invalidität und im Todesfall – flossen in den 1860er und 1870er Jahren unmittelbar in die moderne Arbeiterbewegung ein. Dann besaßen die Handwerksgesellen ein ganzes Set von Symbolen und Ritualen, von Fahnen und Liedern, die gruppen- und identitätsbildend wirkten. Auch diese traditionsgesättigten Kulturen gingen weit in die moderne Arbeiterbewegung über. Schließlich bildeten die Handwerksgesellen den mobilen Teil schon der altständischen Gesellschaft. Nach ihrer Lehrzeit mussten die Gesellen auf Wanderschaft gehen, so dass sie ihre Organisationen und Ideen überlokal kommunizieren und vernetzen konnten. Eben das wurde dann die Voraussetzung für eine nationale Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie in Deutschland. Überdies hatten die Handwerksgesellen einen ausgeprägten Berufsstolz, hatten intensive Überzeugungen von Ehrenhaftigkeit, hatten oft noch das Ziel, ihre Berufskarriere als Meister abzuschließen.

Das alles geriet Mitte des 19. Jahrhunderts in Konflikt mit dem neuen Kapitalismus. Die Fabrikarbeit entwertete viele bisherige Berufsqualifikationen und Ehrvorstellungen; und sie zerstörte die Aufstiegshoffnungen der Gesellen. Aber aus dieser Spannung von traditionsgeleiteten Erwartungen und neuzeitlichen Enttäuschungen entstand das Protestpotential der Handwerksgesellen, resultierte ihr frühsozialistisches Engagement. Mithin: Der Ursprungsort der modernen Arbeiterbewegung in Deutschland lag weit zurück in den Mentalitäten der vormodernen, vorbürgerlichen, vorkapitalistischen, vorproletarischen Gesellschaft. Das indes findet man häufig. Auch ganz moderne soziale Bewegungen nähren sich aus Protestmotiven, die dadurch zustande kommen, dass alte Rechte, traditionelle Einstellungen, lang währende Selbstverständlichkeiten, frühere Sicherheiten und überlieferte Gewissheiten durch jähe Neuerungen verletzt, in Frage gestellt, frustriert, missachtet, denunziert werden.

Die neue Arbeiterbewegung also hatte eine Menge rückwärtsgewandter Antriebsstoffe, die sie in Bewegung setzten. Aber diese Bewegung wies dann doch zunehmend nach vorn, in die Zukunft. Auch das kann man bei sozialen Bewegungen oft genug beobachten, dass sich die Aktivitätsenergien, die sich aus der Frustration traditioneller Ansprüche durch gesellschaftlichen und ökonomischen Wandel bilden, dann doch nicht in den überlebten Organisationsstrukturen verharren und auf nostalgische Defensivkämpfe beschränken, sondern sich in Kraftströme für neuartige Aktionsmethoden und weiterreichende Postulate umwandeln. So geschah das auch mit der frühen Arbeiterbewegung. Schon bald war sie mehr als lediglich die kulturelle und organisatorische Verlängerung zünftiger Traditionen. Schon bald wurde sie wirklich neue soziale Bewegung von Arbeitern, nicht von Gesellen.

Die alten Gesellenproteste der vormodernen Zeit waren noch allesamt defensiv ausgerichtet, auf die Verteidigung alter Rechte. Die neue Arbeiterbewegung aber ging bald in die Offensive, forderte neue Rechte, verlangte mehr Teilhabe und Mitwirkung. Und die Gesellen der verschiedenen Gewerbe und Gewerke verstanden sich nun zu Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts allmählich kollektiv als Arbeiter, da sie gemeinsam die gleichen Risiken – im Falle von Krankheit, Invalidität, im Alter und bei den kapitalistischen Konjunkturzyklen – trugen und die gleichen Nöte litten. In diesem Lernprozess transformierten sich die früher zünftigen Handwerker zu modernen Arbeitern. In diesem Prozess bildete sich die moderne Sozialdemokratie. Doch war das zunächst nur eine Avantgarde gewesen, gleichsam ein Vortrupp der entstehenden Arbeiterklasse. Mehr als einige wenige tausend Mitglieder waren es nicht, die dem Lassalleanischen „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ in den 1860er Jahren angehörten. Lassalle selbst hatte 1863, als er seinen Verein gründete, noch von Hunderttausend gesprochen, die er rasch beisammen haben wollte. Aber die Massen kamen anfangs nicht, zur großen Enttäuschung des Anwalts und sozialdemokratischen Parteibildners.

Überhaupt Lassalle. Man mag es verwunderlich finden, dass gerade er, der jüdische Intellektuelle, ein bisschen vom Typ Bohème, die geschichtliche Figur wurde, die viele für den Gründer der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung halten. Aber eigentlich war dieser Konnex von gesellschaftlich eher randständigen Intellektuellen und ambitionierten Teilen der Unterschichten charakteristisch für einige soziale Bewegungen der Geschichte, jedenfalls für die deutsche Sozialdemokratie, jedenfalls in den ersten Jahrzehnten. Schon die wandernden Handwerksgesellen der 1830er Jahre waren in Paris, Zürich und London auf exilierte oder außer Land gejagte Intellektuelle gestoßen und durch sie mit allerlei sozialistischen Utopien und Plänen in Berührung gekommen. Auch danach trifft man in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie bis 1933 auf diesen Typus des marginalisierten, oft auch beruflich blockierten, religiös oder politisch geächteten Bildungsbürger, der in der Arbeiterbewegung einen Platz und keineswegs zuletzt auch eine Führungsrolle suchte. Dieser Konvertit hatte sich an seiner Herkunftsklasse wundgerieben, hatte sich über deren haltlosen Opportunismus und mangelnden Idealismus empört und hatte sodann in der Arbeiterklasse den neuen kollektiven Heilland entdeckt. Das wurde dann oft genug noch alttestamentarisch überhöht: Der Sozialismus firmierte in der Rhetorik und den Pamphleten dieser Intellektuellen als Erlösungsbotschaft für die Menschheit insgesamt. Und die Intellektuellen sahen sich gern als auserwählt, jeder für sich ein Moses, der das Volk in das gelobte Land der klassenlosen Gesellschaft führen würde. Auch bei Lassalle finden sich viele solcher religiösen Metaphern: „Sie sind der Fels“, rief er den Arbeitern zu, „auf welchem die Kirche der Gegenwart gebaut werden soll.“ Seinen Zuhörern gefiel es. Sie liebten, besser: Sie verehrten die Intellektuellen, die so klug reden konnten, dabei den Arbeitern eine besondere Mission zuwiesen und ihnen eine befreiende Perspektive eröffneten. So wurde der Charismatiker Lassalle zum Mythos der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Noch in den Weimarer Jahren sangen die Delegierten auf den Parteitagen der SPD: „Der Bahn, der kühnen, folgen wir, die uns geführt Lassalle.“

Geführt hatte Ferdinand Lassalle den „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ wie ein Autokrat, viele Interpreten sagen: wie ein Diktator. Dies ist ebenfalls nicht selten in sozialen Bewegungen, deren amorphe Strukturen cäsaristische Neigungen begünstigen. Das Zauberwort in diesen Kinderjahren der Arbeiterbewegung lautete „Bildung“. Und „Produktivgenossenschaft“. In diesen Zauberwörtern, von denen man sich Zukunftserlösung versprach, spiegelten sich die Verhaltensmaßstäbe, die Gruppenmoral, auch die Wunschvorstellungen, Träume und Hoffnungen, der Ehrgeiz der Hauptakteure der sozialen Bewegung, hier: der Handwerker wider. Es war dadurch ein bildsamer, gut organisierter, selbstverwalteter, ausbeutungsfreier, überschaubarer Werkstattsozialismus, nach dem die Pioniere dieser sozialen Bewegung strebten.

Ungelernte Arbeiter ließen sich davon hingegen sehr viel weniger faszinieren. Der Assoziations-, Bildungs- und Werkstattsozialismus ließ sie vielmehr gleichgültig. Und so blieb das über lange Strecken eine Kostante in der deutschen Arbeiterbewegung: der mentale Gegensatz zwischen den gelernten und ungelernten Arbeitern. Die Sozialdemokratie war vom Beginn an Bewegung und Partei der Arbeiter mit Qualifikation, Ehrgeiz, Disziplin, mit zähen Beharrlichkeiten und großen Aufstiegsenergien. All jene Arbeiter aber, die über diese Tugenden und Einstellungen nicht verfügten, fremdelten oft mit den sich etablierenden, diszipliniert geführten Arbeiterorganisationen.

Und schließlich gab es ebenfalls von Anfang an die inneren Streitigkeiten, Flügelkämpfe, Spaltungen, die so typisch für die Geschichte sozialer Bewegungen sind. Die meisten Arbeitervereine machten schon 1863 nicht mit, als Lassalle die autonome Arbeiterpartei ausrief. Die Mehrheit der Arbeitervereine blieb zunächst noch im Organisationsrahmen des liberalen Bürgertums, bis sich 1869 in Eisenach die „Sozialdemokratische Arbeiterpartei“ als zweite eigenständige Formation der Arbeiterschaft und des Sozialismus konstituierte. Deren Anführer waren August Bebel und Wilhelm Liebknecht. Dieser zweite Flügel der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung war weniger zentralistisch, weniger autokratisch durchformt als das lassalleanische Gegenüber. Im Übrigen unterschied man sich in der nationalen Frage: Die Lassalleaner hielten zu Preußen; die Richtung Bebel-Liebknecht bevorzugte die großdeutsche Lösung. Besonders in den ersten Jahren ging es zwischen den Angehörigen der beiden Partien ziemlich rüde zu. Sie sprengten einander die Veranstaltungen, beschimpften und prügelten sich zuweilen. Doch in den frühen 1870er Jahren hörte dieser sektenhafte Kleinkrieg allmählich auf. Denn beide Parteien waren nunmehr gleichermaßen Opfer staatlicher Kriminalisierung und Illegalisierung; ihre Anhänger waren zudem Opfer der wirtschaftlichen Krise, die nach dem Gründerkrach 1873 einsetzte. Das brachte die verfeindeten Lager des frühen Sozialismus näher und am Ende zusammen. Der Druck des Obrigkeitsstaates und der kapitalistischen Depression einte die deutsche Sozialdemokratie. Daraus entstand dann 1875 in Gotha die „Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands“.

Franz Walter ist Leiter des Göttinger Instituts für Demokratieforschung.


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