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Als Sozialdemokraten noch den Zeitgeist prägten

Matthias Micus |  30. Juli 2015 |   |  Drucken

[analysiert]: Matthias Micus aus Anlass von Bruno Kreiskys Todestag über den Untergang einer Ära.

Vor 25 Jahren, am 29. Juli 1990, starb Bruno Kreisky. An diesem Tag verlor Österreich seinen – wie viele meinen – bedeutendsten Staatsmann, um den sich schon zu Lebzeiten Legenden gerankt hatten. Mit Kreiskys Tod endete endgültig eine Ära, deren Höhepunkt seine Kanzlerschaft zwischen 1970 und 1983 gewesen war. Damals erzielten die Sozialdemokraten unter Kreiskys Führung bei drei aufeinanderfolgenden Wahlen absolute Mehrheiten der Stimmen und Mandate – europaweit ein bis heute einmaliges Ergebnis.

Eine europäische Dimension besitzt das Ableben Kreiskys aber auch dadurch, dass mit ihm ein weiteres Mitglied der „drei Musketiere“[1] des internationalen „Sozialdemokratismus“ verstarb. Wie niemand sonst hatten Willy Brandt, Olof Palme und eben auch Bruno Kreisky in den 1970er Jahren durch politische Reformen, kulturelle Modernisierung und ostpolitische Initiativen das „Goldene Zeitalter der europäischen Sozialdemokratie“[2] geprägt. Als Trio waren sie der „geistig-politische Motor der sozialdemokratischen ‚Parteienfamilie‘“, ihr gleichzeitiges Wirken fällt ebenso mit der Blütezeit des „kurze(n) internationale(n) Höhenflug(s) des demokratischen Sozialismus“ zusammen, wie ihr eng beieinander liegendes Ableben Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre dessen endgültiges Ende markiert.[3]

Bruno Kreisky wurde am 22. Januar 1911 im fünften Wiener Gemeindebezirk Margareten in großbürgerliche Verhältnisse der Monarchie Österreich-Ungarn hineingeboren. Sein Vater war Generaldirektor der Österreichischen Wollindustrie und Textil A.G., seine Mutter Spross einer bedeutenden Industriellenfamilie. Kreiskys Leben umspannt die Wechselfälle des gesamten 20. Jahrhunderts, er erlebte das Kaiserreich und dessen Niedergang, die gescheiterte Erste Republik, den Ständestaat und Nationalsozialismus sowie den abermaligen, nun erfolgreichen demokratischen Anlauf in der Zweiten Republik. Zahlreich waren daher die Brüche, entsprechend vielfältig auch die Einflüsse, denen Kreisky ausgesetzt war; zumal seine Biografie obendrein entlang der „Schnittstelle von jüdischem Großbürgertum und sozialdemokratischer Arbeiterbewegung“[4] verlief.

Kreiskys Denken wurzelte insofern noch tief in der alten Sozialdemokratie und deren spezifisch österreichischer Variante, dem Austromarxismus – und wies zugleich darüber hinaus, da er in jungen Jahren dessen Versagen vor den Herausforderungen der Zwischenkriegszeit und die Zerschlagung der Sozialdemokratie im Ständestaat erlebt hatte. Vor allem letzterer, auch als Austrofaschismus bezeichnet, der Nationalsozialismus und der Holocaust, dem ein Großteil der Familien seines Vaters und seiner Mutter zum Opfer fielen und dem er selbst zunächst durch pures Glück und später durch seine Emigration nur knapp entkam, dürften Kreisky geprägt haben.

Damit ähneln seine Erfahrungen stark einer Kohorte zwischen 1910 und 1925 geborener deutscher Sozialdemokraten, die als „Generation Godesberg“ bezeichnet worden sind.[5] Auch für sie wird konstatiert, lebensprägende Sozialisationserfahrungen in den politisch unruhigen Zeiten der Endphase der Zwischenkriegsrepublik sowie in Hitler-Diktatur und Zweitem Weltkrieg gesammelt zu haben. Aus diesen Erfahrungen hätten die Angehörigen dieser „Generation Godesberg“, welche im Laufe der 1960er Jahre die Schaltstellen innersozialdemokratischer Macht eroberten, die Konsequenzen gezogen, sich politisch in Partei und Staat für Reformen zu engagieren und das Ziel einer Modernisierung und Demokratisierung von SPD und Gesellschaft zu verfolgen. „Generation Godesberg“ – analog dazu ließe sich für die SPÖ von einer „Wiener Generation“ sprechen; denn das im Jahr vor der Bad Godesberger Programmreform, also 1958, beschlossene Wiener Programm als Aktionsgrundlage der österreichischen Altersgenossen schlug ebenfalls einen Reformpfad weg von marxistischen Dogmen ein.

Eben diese Erfahrung, dass sich politische Ordnungen auflösen, dass Gesellschaftssysteme verschwinden und ganze Welten zusammenbrechen können, schärfte den „Möglichkeitssinn“ der Godesberger ebenso wie den der Wiener. Möglichkeitssinn meint dabei, sich der Traditionen bewusst zu sein, sie aber nicht absolut zu setzen; in den bestehenden Verhältnissen zu stehen und gleichzeitig über sie hinauszudenken; von der gegebenen Wahrheit auszugehen, es aber dabei nicht zu belassen, sondern zu einer möglichen Wahrheit hinzustreben und sich das bisher Unverwirklichte zur Aufgabe zu machen.[6]

Beides waren im Übrigen nur die verschiedenen Seiten ein und derselben Medaille, Milieuverankerung und Reformbereitschaft bildeten keinen Widerspruch, ersteres bedingte letzteres vielmehr. „Zukunft braucht Herkunft“, nannte das der Philosoph Odo Marquardt einmal.[7] Und milieuverwurzelt, bewegungsverhaftet blieb Kreisky – ebenso wie Brandt – zeitlebens. Für seine politische Heimat war er ins Gefängnis und ins Exil gegangen und bis ins hohe Alter bewahrte er sich seine Sympathie für die sprichwörtlichen „kleinen Leute“ und jene Partei, die sein Weltbild geformt hatte. Referate bei Organisationsgliederungen sagte er daher allenfalls aus akuter Terminnot oder wegen ernsthafter Erkrankungen ab. Denn: Mochte die Sozialdemokratie als Kampfbewegung im entscheidenden Moment auch kläglich untergegangen sein, als Solidaritätsbewegung hatte sie sich im Exil doch angesichts massenhafter wechselseitiger Hilfsleistungen bewährt.

Noch einmal: Eben diese Verbindung von Geschichtsbewusstsein und Veränderungsbereitschaft, Tradition und Moderne bildete die Grundlage für den Erfolg des Reformkurses. Moderne Organisationen, wie Volksparteien es sind, leben von Voraussetzungen, die sie selbst nicht zu schaffen vermögen. Gerade, wer seine Partei auf das unsichere Terrain des Neuen führen will, sollte sorgsam darauf achten, dass für den Notfall die Rückzugsorte des Gewohnten erreichbar bleiben. Ein Auto – in die Metapher hat der Politikwissenschaftler Karl Deutsch diesen Sachverhalt einmal gefasst – kann umso schneller fahren kann, je bessere Bremsen es hat.[8]

Und Wiener wie Godesberger, Kreisky wie Brandt gaben in den ausgehenden 1960er und 1970er Jahren ordentlich Gas. Das Familien- und Eherecht wurde zugunsten der Ehefrauen korrigiert und Homosexualität entkriminalisiert, Schulen und Hochschulen wurden ausgebaut und Mitbestimmungsrechte im Bildungswesen, am Arbeitsplatz und durch die Herabsetzung der Volljährigkeit in Politik und Gesellschaft vielfach erweitert. Die Prinzipien lauteten: Demokratisierung, Emanzipation, Bruch mit den Nachkriegswerten.

Mochten sie damit auch den Nerv der Zeit treffen, der vor dem Hintergrund von Bildungsexpansion, Massenkonsum und Sozialstrukturwandel eine umfassende Liberalisierung und Enttraditionalisierung nahelegte – als Parteireformer waren sie in den eigenen Reihen lange durchaus umstritten. Hier zeigte sich, dass Traditionen zwar stabilisierend wirken, dass ein Übermaß an Traditionsstolz und ein Zuviel an nostalgischer Schwärmerei Öffnungsversuche durchaus erschweren können. Dies gilt v.a., wenn sie mit einer fortdauernden Zerklüftung der Parteienkonkurrenz in einander feindselig gegenüberstehende Lager korrespondieren. Während sich die Widerstände gegen Brandt daher bald abbauten und gegen Palme ohnehin vernachlässigbar waren, hatte sich Kreisky einer die ganzen 1960er Jahre über anhaltenden, heftigen Kritik zu erwehren. Noch zu Beginn seiner Kanzlerschaft betrachteten ihn die Traditionalisten in Gewerkschaftsbund (ÖGB) und Wiener Landespartei unverhohlen argwöhnisch.

Kreisky wie Brandt: Beide galten sie den sich gerne knallhart gebenden, in unsentimentalen Machtkategorien denkenden Traditionalisten wohl auch, nach dem berühmten Wort Herbert Wehners über Brandt, als ein bisschen „lau“. Ihre Bündnispartner fanden sie dann auch insbesondere in der kritischen Jugend, unter politisierten Intellektuellen und modernen Angestelltengruppen. Und bezeichnend ist auch, dass sie sich trotz früher Hauptbeschäftigung mit der Politik immer Zeit für kulturelle Interessen freizuschaufeln und etwa weiter Bücher zu lesen versuchten.

Andererseits: Machtbewusst waren sie nichtsdestotrotz, Vollblutpolitiker der eine wie der andere. Und dass die Politik eine Arena ist, in der gewichtige, ja existenzielle Entscheidungen getroffen werden können und die deshalb ernsthaft betrieben werden muss, das hatten sie am eigenen Leib erlebt. Ihr taktisches Meisterstück lieferten sowohl Brandt als auch Kreisky bezeichnenderweise jeweils nach einer nationalen Wahl ab, als sie noch in der Wahlnacht Bündnisse mit den Liberalen schmiedeten, Brandt 1969 eine formale Koalition mit der FDP, Kreisky 1970 ein Tolerierungsbündnis mit der FPÖ – in beiden Fällen an den konsternierten Christdemokraten vorbei.

Gemeinsam war beiden freilich ebenfalls, dass nach dem größten Triumph der unmittelbare Niedergang folgte. Was Brandt zwischen 1972 und 1974 erlebte, das wiederholte sich in ähnlicher Weise bei Kreisky nach seiner dritten und höchsten absoluten Mehrheit bei der Nationalratswahl 1979. Am Ende trat keiner von beiden freiwillig zurück, vielmehr „wurden sie zurückgetreten“ – der eine durch seine Parteifreunde, markant ausgedrückt in Hans Apels Parole „BMW“ („Brandt Muss Weg“), der andere durch den Wähler, der ihm bei der Nationalratswahl 1983 die absolute Mehrheit entzog.

Doch warum regen sie die Phantasie von Sozialdemokraten auch Jahrzehnte nach ihrem Tod noch ungebrochen an, wieso begeistert die Nennung ihrer Namen Parteitage bis heute? Immerhin, große Rhetoriker im eigentlichen, seminargeschulten Sinne waren sie nicht. Sie sprachen langsam, suchend, ihre Gedanken formten sich beim Reden. Vielleicht ist der Grund eben in ihrem Möglichkeitssinn zu suchen, in ihrer Verbindung von Realismus und Visionen. „Politik heißt: etwas wollen. Sozialdemokratische Politik heißt: Veränderungen wollen, weil Veränderungen Verbesserungen verheißen“ [9], so nannte das Olof Palme. Einer Rhetorik der Alternativlosigkeit und Politik des „Einheitsbreis“ wären Palme, Kreisky und Brandt wohl nicht auf den Leim gegangen.

Kaum denkbar jedenfalls, dass später einmal jemand über Sigmar Gabriel, Werner Faymann oder Stefan Löfven das Folgende sagen wird: „Mit seiner Ära zu Ende gegangen war auch die Prägung einer ganzen Generation: Bruno Kreisky, das war die völlig unbestrittene Nummer eins der siebziger Jahre […] Kreisky, das waren Schülerfreifahrten und Fristenlösung, Nahostfriedensplan und Marshallplan für die Dritte Welt, Mitbestimmung am Arbeitsplatz und an den Schulen, Programme gegen die Arbeitslosigkeit, gegen Filz und Bürokratie.“[10] Insofern lässt sich für die überschaubare Zukunft dem zustimmen, was Peter Glotz dereinst über Bruno Kreisky postuliert hat: „So einer kommt nicht wieder“.

Dr. Matthias Micus ist Akademischer Rat am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Merseburger, Peter: Willy Brandt 1913–1992. Visionär und Realist, München 2006.

[2] Perger, Werner A.: Die drei Musketiere, in: Die Zeit, 21.01.2011.

[3] Ebd.

[4] Pelinka, Peter: Bruno Kreisky, der sozialdemokratische Reformer, in: ders.: Österreichs Kanzler. Von Leopold Figl bis Wolfgang Schüssel, Wien 2000, S. 113–150, hier S. 113.

[5] Hierzu und im Folgenden vgl. Münkel, Daniela: Wer war die „Generation Godesberg“?, in: Schönhoven, Klaus/Braun, Bernd (Hrsg.): Generationen in der Arbeiterbewegung, München 2005, S. 243–258.

[6] Vgl. Mehigan, Tim: Musil mit Luhmann: Das Problem des Vertrauens in Musils Mann ohne Eigenschaften, in: Martens, Gunther u.a. (Hrsg.): Musil anders. Neue Erkundungen eines Autors zwischen den Diskursen, Bern 2005, S. 45–60, hier S. 56.

[7] Marquardt, Odo: Zukunft braucht Herkunft. Philosophische Essays, Stuttgart 2003.

[8] Vgl. Münkler, Herfried: Vorsicht vor den Zuckerbäckern, in: Die Zeit, 31.12.1999.

[9] Zitiert nach Pfahl-Traughber, Armin: „Politik heißt: etwas wollen“, in: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, Jg. 4 (2015), H. 3 (im Ersch.).

[10] Pelinka 2000, S. 147.


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