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Din-A-Nonsens?

Julia Kiegeland |  28. Mai 2014 |   |  Drucken

[analysiert]: Julia Kiegeland über den Sinn und Unsinn von Wahlplakaten

Langsam leeren sich die Laternenpfähle der Städte und Kommunen, Stück für Stück verschwinden die diesjährigen Wahlplakate von den Bushaltestellen und den Litfaßsäulen. Selbst die von den Parteien so geschätzten und umkämpften Wesselmänner[1] verabschieden sich stumm und leise aus der Öffentlichkeit. Trotz der heute üblichen und verheißungsvollen digitalen Wahlkampfkommunikation wurde auch zur vergangenen EU-Wahl fleißig offline plakatiert. Nahezu alle Parteien nutzten das klassische Medium des Wahlplakats und wandten hierfür große Anteile ihres Werbekontingents auf. Denn die analogen Wahlplakate versprechen, im Gegensatz zur Filterbubble und Selbstreferentialität[2] des Internets, eine breite Ansprache der Bürger und Bürgerinnen.

Im Idealfall vermitteln die Plakate kompakt und visuell anregend die werbende Partei, ihren Kandidat oder ihre Kandidatin und das politische Statement – im ungünstigeren Falle erfährt das Plakat eine vandalistische Fremdmodifikation. Um ersteres zu erzielen, beauftragen die politischen Parteien seit einigen Urnengängen  Werbeagenturen und Kommunikationsexpertinnen und -experten, von deren Professionalität sie zu profitieren hoffen. Kaum eine Partei koordiniert die mannigfaltige Eigenwerbung auf Affichenpapier- und Polypropylen-Hohlkammerplatten in Eigenregie (selbst die Piratenpartei, die zwar keine außenstehende Agentur beauftragt, unterhält indes eine eigene „Arbeitsgruppe Gestaltung“, in der mit hoher Wahrscheinlichkeit gelernte Werbekommunikatoren am Werke sind).

Eine einheitliche und stringent fachgerechte Gestaltung der Wahlplakate sorgt dabei für einen höheren Wiedererkennungswert – davon profitieren letzten Endes alle Parteien, da sie sich untereinander visuell besser abgrenzen. Solchen Versprechen folgend war auch in diesem vergangenen EU-Wahlkampf eine fortschreitende Professionalität in der Gestaltung und dem Layout der Plakatserien zu beobachten. Wenngleich es auch dieses Mal nicht jeder Partei wirklich gelang, ihre politischen Standpunkte kurz und knapp zu transportieren. Die CDU beispielsweise bediente sich sehr stark an Aussagen, die eine breite Masse ansprachen und daher auch wenig Inhalt vermitteln konnten: „Damit Europa mehr Chancen für alle bringt“? Dieser Slogan erzeugt ohne Zweifel allgemeine Zustimmung, verschenkt jedoch die Möglichkeit einer thematisch-konkreten und mobilisierenden  Wähler- und Wählerinnenansprache.

Die Piratenpartei hingegen wurde deutlicher und bezog sich mit ihrer Plakatserie auf konkretere Schwerpunkte in ihrer geplanten Europaarbeit: „Grenzen sind so 80er“ und „Kamera, Kamera an der Wand, wer ist brav in diesem Land?“. Mit diesen Formulierungen wurde deutlich, dass die Partei ein offenes Europa ohne starke staatliche Überwachung zu verfolgen plante.

Ob sich die Betrachter durch die Wahlplakate der Parteien in der Positionierung ihres Kreuzes beeinflussen lassen, ist dabei zweifelhaft. Die finale Wirkung von Wahlplakaten auf Wählerinnen und Wähler ist und bleibt umstritten. Einige Studien, beispielsweise die nicht repräsentative Erhebung von Jan Lies und Laura Stefanelli von der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (MHMK), zeichnen seitens der Bevölkerung gar eine starke Ablehnung des plakativen Werbemittels nach: „100 Prozent der Befragten gaben an, noch nie eine Partei aufgrund eines Wahlplakats gewählt zu haben.“[3] Und: „Den grundsätzlichen Einsatz von Wahlplakaten, unabhängig von ihrer Funktion, empfanden 42 Prozent der Befragten als störend.“[4] Diese Informationen sind auch der Werbebranche bekannt.

Warum also überhaupt Wahlplakate? Der Grund ist ein denkbar einfacher: Keine Partei möchte auf sie verzichten, nicht etwa weil ihre intensive Nutzung Erfolg in messbaren Wählerstimmen generiert, sondern schlicht und einfach, weil niemand der Einzige sein möchte, der nicht plakatiert.  Diese Annahme fassen Lies und Stefanelli unter dem „Plakatierungsdilemma“[5] zusammen. In ihrer Studie heißt es dazu: „Alle Parteivertreter äußerten, dass sie – unabhängig von der tatsächlichen Wirkung des Plakats – nicht auf das Plakatieren verzichten würden, aus Angst, andernfalls zwischen den anderen Parteien beim Rezipienten negativ aufzufallen und intransparent zu erscheinen.“[6]

Ist somit zementiert, dass die Plakate eigentlich kaum Mehrwert im Wahlkampf versprechen? Und wird mit dem Festhalten an gewohntem Wahlkommunikationsverhalten gar Geld und Zeit vertan, die anderenorts besser genutzt werden könnten? Gilt es auch in diesem Kontext, „keine Experimente“ zu wagen? Auf den ersten Blick scheint diese Annahme tatsächlich zuzutreffen, auch wenn es natürlich Ausnahmen gab. Man denke nur an Adenauers Wahlplakat 1957, welches durchaus Stimmen bündeln konnte und einen im Zeitkontext sehr prägnanten Slogan als Botschaft zu vermitteln vermochte.

Der Slogan der CDU im Bundestagswahlkampf 1957: „Keine Experimente!“ Bildlizenz: Konrad-Adenauer-Stiftung/wikimedia 2014

Weiten wir jedoch den Blick vom Einzelplakat und erinnern an die plakatierten Fußgängerzonen, Hauptstraßen und Wohngebiete, dann darf dem Heer an Plakaten eine weitere grundlegende Funktion angerechnet werden: das Alarmieren der Wählerinnen und Wähler. Denn in ihrer Gesamtheit bewirken die stadt- und landesweit platzierten Plakate primär das Aufwecken der Bürgerinnen und Bürger. Kaum zu übersehen, sind die Plakate eines morgens plötzlich da und entfalten dadurch ihre unmittelbare Präsenz – und die Botschaft abseits der Botschaft. Ob die Wählerinnen und Wähler nun gewillt sind, die Plakate eingehend zu betrachten oder sie vehement zu ignorieren – ihr Aufbau, ihre Platzierung vermittelt summa summarum eine deutliche Botschaft: „Achtung, Wahlkampf!“.

Zuallererst informieren die Wahlplakate also über die anstehende Wahl an sich. Parteien, einzelne Kandidaten und Kandidatinnen sowie die politischen Statements transportieren sich sekundär. In ihrer Vielfalt visualisieren die Plakate die Parteienlandschaft und bewerben die individuelle Wahl zur Wahl. Deshalb werden bei jeder Wahl aufs Neue die Wesselmänner heiß begehrt, die Laternenpfähle doppelt belegt sein und die Bushaltestellen für Parteien statt für Zigaretten werben. Und so wie jeder morgendliche Weckalarm irgendwie belästigend wirkt, so werden auch die Wahlplakate nicht allerorts mit Begeisterung begrüßt . Notwendig sind sie aber allemal.

Julia Kiegeland ist ausgebildete Mediengestalterin. Sie arbeitet als studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung und ist Redaktionsmitglied von INDES.Zeitschrift für Politik und Gesellschaft.


[1] Wesselmänner oder Wesselmanntafeln meinen im Politik- und Werberjargon die mobilen Stellwände und deren Aufstellkonstruktionen im Format 3,70 m × 2,90 m. Sie werden erst im Wahlkampf an zumeist verkehrsgünstigen Grünflächen platziert und sind in Nicht-Wahlkampfzeiten inaktiv. Daher besitzen sie eine hohe Auffälligkeit.

[2] Kiegeland, Julia / Klecha, Stephan und Schmitz, Christopher: Zwischen Brücken und Bumerang – Was von der Bundestagswahl 2013 im Internet haften blieb, in: Revue d’Allemagne et des pays de langue allemande, T. 46, 1-2014, S. 187-202.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Ebd.


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