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Automatisierte Wahlkampfhelfer

Chantal Stahl |  31. März 2018 |   |  Drucken

[analysiert]: Chantal Stahl über den Einsatz von Social Bots im Wahlkampf der AfD

Hillary Clinton sei der Kopf eines Kinderpornorings, der in einer Pizzeria in Washington agiere.[1] Was für die meisten höchst zweifelhaft klingen dürfte, stieß durch eine starke Medienpräsenz während des US-Wahlkampfes 2016 durchaus auf Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung.[2] Dies ging sogar so weit, dass besagte Pizzeria von einem bewaffneten Mann gestürmt wurde, der die dort gefangenen Kinder befreien wollte. Verantwortlich dafür sind sogenannte Social Bots, die diese Verschwörungstheorie während des Wahlkampfes zwischen Clinton und Trump unter dem Hashtag #pizzagate in den Sozialen Medien verbreitet haben.[3]

Social Bots stecken hinter den in Sozialen Netzwerken zu findenden Fake-Profilen, die meist versuchen, eine menschliche Identität nachzuahmen. Oftmals sind sie daran zu erkennen, dass ihre Profile wenig personalisiert sind und sie in besonders hoher Frequenz Beiträge zu einer bestimmten Thematik teilen. Gesteuert werden Social Bots von automatisierten Programmen, die auf Grundlage vorgegebener Algorithmen handeln sowie auf Schlüsselbegriffe reagieren.[4] Da Social Bots in den USA schon seit Längerem genutzt werden, um Wahlen und Debatten zu beeinflussen, werden sie oft auch als „künstliche Wahlkampfhelfer“[5] bezeichnet. Obwohl in Deutschland bislang keine rechtlichen Vorschriften zum Einsatz von Social Bots existieren, haben die Parteien sich dennoch mehrheitlich entschieden, diese nicht für den Wahlkampf zu nutzen. Alice Weidel jedoch, Fraktionsvorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD), äußerte sich im Oktober 2016 gegenüber dem Spiegel zunächst unterstützend hinsichtlich der geplanten Verwendung der automatisierten Wahlhelfer: „Selbstverständlich werden Social Bots in unserer Strategie im Bundestagswahlkampf bedacht werden.“[6] Nachdem diese Aussage bei anderen Parteien auf negative Resonanz gestoßen war, dementierte die AfD die Behauptung einige Tage später.

Im Verlauf des vergangenen Jahres tauchten dann mehrere Berichte auf, die der AfD bei Debatten in den Sozialen Netzwerken einen vermeintlichen Vorteil durch Social Bots bescheinigten. Laut einer Studie der Universität Oxford bspw., die im September 2017 über zehn Tage die Twitter-Aktivität mit Bezug zur Bundestagswahl analysiert hat, seien die AfD und ihre KandidatInnen dort am meisten thematisiert worden. Die führende Rolle der Partei in der Twitter-Debatte sei durch die Social Bots jedoch lediglich verstärkt worden. Zudem gab es keine Untersuchungen zum Ursprung der automatisierten Accounts, weshalb unklar bleibt, durch wen diese initiiert wurden.

Der Anteil der Tweets, die sich mit der AfD beschäftigten, lag bei 30,1 Prozent, gemessen an der Gesamtanzahl aller zur Bundestagswahl verfassten Tweets. Mit 18,2 Prozent und damit einem deutlichen Abstand folgten die CDU/CSU und ihre KanditatInnen. Auffällig ist auch, dass die Zahl der Tweets, welche die AfD thematisierten, noch höher lag als die Anzahl der Tweets, die sich neutral zur Bundestagswahl äußerten, deren Anteil insgesamt 29 Prozent ausmachte. Auch hinsichtlich der eindeutig von Social Bots veröffentlichten Tweets, gemessen an der Gesamtzahl der Tweets für eine Partei, lag die AfD mit einem Anteil von 15 Prozent vorn. Ihr folgten Die LINKE mit einem Anteil von 12,3 Prozent und Bündnis 90/Die Grünen mit einem Anteil von 11,2 Prozent an automatisierten Tweets. Insgesamt habe laut dieser Studie, die wohlgemerkt nicht auf die inhaltliche Dimension der Tweets eingeht, die AfD die Twitter-Debatte und damit den dort geführten politischen Diskurs zum Wahlkampf mindestens quantitativ dominiert (mit Ausnahme des Tages, an dem das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz stattfand, dem 3. September 2017)[7] – nicht zuletzt auch dank des Einsatzes von Social Bots.

Bereits Anfang des Jahres 2017 hatte eine Recherche ergeben, dass auf Facebook ein Bot-Netzwerk von AfD-AnhängerInnen existiere. Zu diesem Netzwerk gehörten laut Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung[8] mehrere Accounts und Facebook-Gruppen, in denen auch Mitglieder der AfD selbst vertreten gewesen seien. So seien bspw. auch die Gruppen namens „AfD 51% – das ist unser Ziel ! ! !“, „Björn Höcke – FanCLUB“ und „Dr. Frauke Petry-FanCLUB“, welcher die ehemalige AfDlerin Frauke Petry selbst angehört habe, Teil dieses Netzwerkes aus Social Bots gewesen. Die angeblichen Fake-Profile der AfD-AnhängerInnen habe das Rechercheteam daran erkannt, dass diese weder persönliche Bilder auf ihren Profilen präsentierten noch mit FreundInnen kommunizierten. Zudem hätten alle Accounts die gleichen Inhalte und Abbildungen mit Werbung für die AfD auf ihren Profilen verbreitet. Dazu zählten u.a. Bilder mit der Aufschrift „Ich wähle die Alternative für Deutschland“, das Logo der AfD sowie Fotos, auf denen Mitglieder der Partei abgebildet waren. Diesen Gruppen sollen z.T. bis zu 20.000 Mitglieder angehört haben, bei denen es sich nicht nur um mutmaßliche Social Bots gehandelt habe. Vielmehr habe die Thematik auch reale Personen angezogen, die sodann den Gruppen beigetreten seien und sich dort aktiv beteiligt hätten. Einige Mitglieder der AfD dementierten diese Vorwürfe, denen zufolge ein Social-Bot-Netzwerk existierte, und behaupteten, sie würden die angeblich erfundenen Personen kennen.[9] Eine versuchte Kontaktaufnahme der JournalistInnen mit den vermeintlichen Fake-Profilen der AfD-AnhängerInnen habe sich jedoch als erfolglos erwiesen.[10]

Im September 2017 gelangte ein Video[11] an die Öffentlichkeit, in dem der Satiriker Shahak Shapira erklärte, er habe zusammen mit der Sonnenborn’schen Die PARTEI 31 Facebook-Gruppen, die für die AfD warben, übernommen. Gemeinsam hätten sie die Gruppen bereits seit elf Monaten infiltriert, indem sie sich als AnhängerInnen der AfD ausgegeben hätten, um an die Administrationsrechte zu gelangen. Nach erfolgreicher Übernahme der Gruppen seien diese umbenannt worden und hätten Werbung für Die Partei verbreitet. Shapiras Anreiz, die Facebook-Gruppen zu unterlaufen, sei gewesen, das vermutete Netzwerk von Social Bots der AfD zu stoppen. Auch er ist der Ansicht, die Gruppen seien von Fake-Profilen gegründet und verbreitet worden. Die in dem Aufklärungsvideo gezeigten Facebook-Gruppen entsprechen, soweit erkennbar, auch denen, die bereits in der Recherche der FAZ-JournalistInnen aufgetaucht waren. Shapiras Aussagen und Beobachtungen unterstützen somit weiterhin die These eines Bot-Netzwerkes, das für die AfD wirbt.

Auch während der Bundestagswahl soll die AfD mithilfe automatisierter Wahlkampfhelfer an Aufmerksamkeit gewonnen haben – dieses Mal durch den Einsatz eines russischen Bot-Netzwerks. Laut Recherchen der Tagesschau hätten die russischen Social Bots am 24. September 2017 noch einmal Wahlwerbung für die AfD verbreitet. Unter dem Hashtag #Wahlbetrug hätten die Accounts auf Twitter von einer Manipulation der Wahl zum Nachteil der AfD gesprochen. Identifizierbar seien die Bots gewesen, indem sie neben den Tweets zugunsten der AfD auch pornografische Inhalte auf Englisch und Russisch geteilt und keine personalisierten Profile aufgewiesen hätten.

Den Beiträgen der künstlichen Wahlhelfer schlossen sich der Tagesschau zufolge echte NutzerInnen an, welche die Meldung des mutmaßlichen Wahlbetruges ebenfalls teilten. Angestoßen wurden die Anschuldigungen durch ein Fake-Profil, das sich als Wahlhelferin ausgab und behauptete, es würde die Stimmen der AfD ungültig machen. Fraglich bleiben auch in diesem Fall der Ursprung des Fake-Accounts und der von diesem veröffentlichten Tweets. Dennoch nutzten im Zuge dessen UnterstützerInnen der AfD den #Wahlbetrug, um gegen die angebliche Betrügerin zu hetzen. Der Hashtag wurde in der Folge von dem russischen Bot-Netzwerk aufgegriffen und wie bereits erläutert für Wahlwerbung zugunsten der AfD genutzt.[12]

Ein LeserInnen-Kommentar unter einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zur Thematik der Social Bots soll auf deren vermeintliche Ungefährlichkeit hinweisen: „Dürfen [Bots] eigentlich wählen?“[13] Und natürlich: Obwohl sie im Internet eine menschliche Identität nachahmen, können die Bots diese Täuschung in der realen Welt nicht aufrechterhalten und sind auch nicht in der Lage, selbst zu wählen. Inwiefern sie jedoch anderweitig durchaus Einfluss auf das konkrete Wahlverhalten nehmen, ist selbst unter ExpertInnen umstritten.[14] Ob der Einsatz von Social Bots somit das Wahlergebnis der AfD beeinflusste und inwiefern die Bots von der Partei selbst oder lediglich von UnterstützerInnen initiiert wurden, muss fürs Erste ebenfalls unklar bleiben.

Dass Social Bots allerdings mindestens Online-Debatten beeinflussen können und dass sie dies im Fall der AfD während des Bundestagswahlkampfes auch tatsächlich getan haben, wird jedoch an den genannten Studien und den Beispielen deutlich. Die Partei konnte zumindest hinsichtlich der Online-Aktivitäten auf Twitter und Facebook von den künstlichen Wahlkampfhelfern profitieren und Aufmerksamkeit erzeugen. Und mediale Aufmerksamkeit ist bei Weitem nicht unerheblich für politische Debatten, zumal in Zeiten des „Wahlkampf 2.0“.

Chantal Stahl, Jg. 1996, studiert Politikwissenschaft und Geschlechterforschung im 5. Fachsemester und hat im Wintersemester 2017/18 das Seminar „Wer sind ‚die Rechten‘? Historische Perspektiven auf rechte Bewegungen und Stichwortgeber“ bei Katharina Trittel besucht.

 

[1] Vgl. o.V.: Mann will Verschwörungstheorie nachgehen – und stürmt Pizzeria mit Waffe, in: Spiegel Online, 05.12.2016, URL: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/washington-mann-stuermt-mit-waffe-wegen-pizzagate-eine-pizzeria-a-1124399.html [eingesehen am 26.03.2018].

[2] Vgl. Kafka, Peter: An astonishing number of people believe Pizzagate, the Facebook-fueled Clinton sex ring conspiracy story, could be true, in: Recode, 09.12.2016, URL: https://www.recode.net/2016/12/9/13898328/pizzagate-poll-trump-voters-clinton-facebook-fake-news [eingesehen am 26.03.2018].

[3] Vgl. Schwarz, Carolina: #Pizzagate geht weiter. Verschwörungstheorie über Clinton, in: taz.de, 08.12.2016, URL: http://www.taz.de/!5364337/ [eingesehen am 21.03.18].

[4] Vgl. Social Bots, in: Heinrich-Böll-Stiftung, URL: https://www.boell.de/de/2017/02/09/social-bots [eingesehen am 22.03.2018].

[5] Ebd.

[6] Zitiert nach o.V.: AfD will im Wahlkampf Meinungsroboter einsetzen – Internet-Kommentare von Automaten, in: Spiegel Online, 21.10.2016, URL: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/afd-will-im-wahlkampf-social-bots-einsetzen-a-1117707.html [eingesehen am 22.03.2018].

[7] Vgl. Howard, Philip N. et al.: Junk News and Bots during the German Parliamentary Election: What are German Voters Sharing over Twitter?, in: COMPROP DATA MEMO 2017.7, URL: http://comprop.oii.ox.ac.uk/wp-content/uploads/sites/89/2017/09/ComProp_GermanElections_Sep2017v5.pdf [eingesehen am 22.03.2018].

[8] Vgl. Bender, Justus/Oppong, Marvin: Frauke Petry und die Bots, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.02.2017, URL: http://www.faz.net/aktuell/politik/digitaler-wahlkampf-frauke-petry-und-die-bots-14863763.html [eingesehen am 26.03.2018].

[9] Vgl. ebd.

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. Stresing, Laura: Satiriker übernehmen Facebook-Gruppen, in: Spiegel Online, 04.09.2017, URL: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/die-partei-uebernimmt-rechte-facebook-gruppen-a-1166029.html [eingesehen am 26.03.2018].

[12] Vgl. #ElectionWatch: Final Hours Fake News Hype in Germany, in: DRFLab, 23.09.2017, URL: https://medium.com/dfrlab/electionwatch-final-hours-fake-news-hype-in-germany-cc9b8157cfb8 [eingesehen am 22.03.2018].

[13] Bender, Justus/Oppong, Marvin: Frauke Petry und die Bots, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.02.2017, URL: http://www.faz.net/aktuell/politik/digitaler-wahlkampf-frauke-petry-und-die-bots-14863763.html [eingesehen am 22.03.2018].

[14] Vgl. Bovenschulte, Marc et al.: Social Bots, in: TAB-Horizon-Scanning Nr. 3, Berlin 2017, URL: https://www.tab-beim-bundestag.de/de/pdf/publikationen/berichte/TAB-Horizon-Scanning-hs003.pdf, S. 56 [eingesehen am 22.03.2018].


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