Logo Göttinger Institut für Demokratieforschung

Die Qual der Wahl bei der Liebe

[analysiert]: Pauline Höhlich über die Frage, ob ein Single heute noch einen Partner benötigt, um sich zu verlieben.

Weihnachten im Jahr 2117. Wird in dieser fernen Zukunft überhaupt noch Weihnachten gefeiert? Der Weihnachtswerbeclip der Lebensmittelkette EDEKA zeichnet eine Welt, die wie eine Mischung aus den Science-Fiction-Filmen „Blade Runner“ und „WALL-E“ daherkommt.[1] Menschen sieht man zunächst keine (sie sind vor künstlicher Intelligenz geflohen), dafür Roboter – und einer unter ihnen ist auf der Suche nach dem Weihnachtsfest. Er wird schließlich bei einer im Wald lebenden Familie fündig und darf mit ihr in behaglicher Umgebung voller Liebe und Geborgenheit feiern. Die Message des Kurzfilms: „Ohne Liebe ist es nur ein Fest“[2]. Weihnachten – das Fest der Liebe. Behält EDEKA Recht, werden – aller künstlichen Intelligenz zum Trotz – die Liebe sowie die traditionelle Kleinfamilie auch in hundert Jahren nicht ausgestorben sein.

Ein Blick in die Gegenwart, auf aktuelle Scheidungsraten, offenbart indes ein weniger behagliches Bild: Im Jahr 2016 wurde laut Statistischem Bundesamt mehr als jede dritte Ehe (rund 35 Prozent) geschieden; mehr als jedes zweite geschiedene Paar hatte minderjährige Kinder.[3] Dem gegenüber steht eine beträchtliche Zahl von Online-Partnerbörsen, die an solcher Relevanz gewonnen haben, dass sogar die Stiftung Warentest jüngst elf Singlebörsen und Online-Partnervermittlungen ihrem Bewertungsverfahren unterzogen hat. Eine entsprechend große Nachfrage ermöglicht, zwischen 45 und rund 360 Euro pro dreimonatiger Mitgliedschaft für die bereitgestellten Dienste zu verlangen.[4] Die Seiten werben mit Mitgliedern in millionenfacher Anzahl, bei Parship verliebt sich nach eigener Aussage bekanntermaßen alle elf Minuten ein Single.

Doch was heißt das eigentlich? Ein Single verliebt sich – und dann wird er automatisch zum Paar? Wohl kaum. Haring et al. stellen in diesem Zusammenhang fest: „Das Suchen und Finden der einen ,einzigartigen Liebe‘ wird für die Menschen zu einer grundlegenden Lebensaufgabe, auch wenn diese schon mehrere gescheiterte Beziehungen hinter sich haben“[5]. Was also kennzeichnet Liebe in heutiger Zeit?

Die Qual der Wahl

Diese und weitere Fragen beantwortet die Soziologin Eva Illouz in ihrem Buch „Warum Liebe weh tut. Eine soziologische Erklärung“. Für Illouz ist „lieben“ insbesondere damit verbunden, einen bestimmten Menschen von allen anderen zu differenzieren und auszusuchen. Man sei also zwangsläufig „mit Fragen des Wählens konfrontiert“[6], grübelt: „,Ist er/sie der/die Richtige für mich?‘[…]. ‚Werde ich nicht vielleicht einem noch besseren Partner begegnen?‘“[7]. Im Vergleich zu früheren Jahrhunderten hat sich jedoch die Angebotsstruktur an potenziellen Partnern erheblich vergrößert, da sowohl Ethnie, die soziale und wirtschaftliche Lage als auch Religion keine erhebliche Rolle bei der Partnerwahl mehr spielen. Hinzu kommt die Auflösung geografischer Grenzen, sprich die gestiegene Mobilität sowie das global vernetzende Internet. Die individuelle Partnerwahl findet nun nicht mehr im moralischen und sozialen Netz einer überschaubaren Gemeinschaft und anhand eines allgemeingültigen Kriterienkatalogs zur Bewertung eines potenziellen Liebesobjekts statt. Hierdurch gerieten die Kriterien der Partnerwahl in gleicher Weise „physischer/sexueller und emotionaler/psychologischer“[8] sowie die Wahl eines Partners selbst persönlicher und individueller. So erfolgt die moderne Partnersuche auf einem vergleichsweise freieren, aber hochgradig kompetitiven Partnermarkt, der ökonomisiert und rationalisiert „durch die Gesetze von Angebot und Nachfrage, Knappheit und Überangebot geregelt wird“[9].

Freiheit ist und bleibt das höchste Gut der Moderne. Doch sie kann gleichzeitig zu einem Dilemma führen und irrwitzige Empfindungen hervorrufen. Illouz zufolge bringt nämlich die erotische und gefühlsmäßige Freiheit auch leidvolle Erfahrungen für die Akteure mit sich. Denn die erotische Freiheit ist der ökonomischen insofern ähnlich, als sie ein Missverhältnis hervorbringt, das laut der Autorin am eindrucksvollsten in der Erscheinung der Bindungsangst[10] – die sich in unterschiedlichen Varianten äußert – zu erkennen sei. Die hedonistische Bindungsangst ist in dem Dilemma begründet, aus einem Überschuss an Auswahlmöglichkeiten auf dem Partnermarkt zu wählen und sich für einen Partner (endgültig) zu entscheiden und gleichzeitig über ebendiese Unüberschaubarkeit der Gesamtmenge Bescheid zu wissen.[11]

Daher werden Verbindlichkeiten hinausgeschoben und wird sich stattdessen einer vergnügensorientierten Lebensweise gewidmet. Bei der abulischen Bindungsangst besteht das Problem u.a. darin, sein Ich in die Zukunft zu projizieren, weshalb die Einhaltung von Versprechen als Repression und einengend empfunden wird. Um dem zeitgenössischen Leitbild der Selbstentfaltung zu entsprechen, kann man nicht wissen, was in der Zukunft sein soll, da man sein zukünftiges Ich nicht kennt. Liebe aber ist verbindlich und verpflichtend: Ihre genuine Bindungsorientierung[12] manifestiert sich im Willen und ist ein Gefüge des Verstandes, der Moral und der Leidenschaft, die Individuen ermöglicht, sich auf eine Zukunft festzulegen und die Option aufzugeben, ihre Alternativen zu maximieren.

Rational Choice als Liebestöter

Zusätzlich animiert ein Überangebot an Auswahlmöglichkeiten die Akteure dazu, vergleichend zu beurteilen, statt intuitiv zu entscheiden. Dafür wird der potenzielle Partner mithilfe des vorhandenen Informationsstands, der analytisch in Einzelteile zerlegt wird, auf einzelne Elemente heruntergebrochen. Begründungen zu nennen sowie das Liebesobjekt in seine singulären Bestandteile zu zerlegen, verringert allerdings die gefühlsbedingte Stärke von Entschlüssen.[13] In dieser Verbindung mindert die rationale Beurteilung eines Menschen dessen Wertschätzung bzw. Anziehungskraft. Eine weitere Folge des Überangebots ist, dass die zahlreichen Auswahlmöglichkeiten den Übergang von der Ausschau nach einer zufriedenstellenden Lösung (satisficing) zur maximierenden Taktik (maximizing) vorantreiben.[14] Satisficer sind mit der ersten verfügbaren Möglichkeit, die den Anforderungen größtenteils entspricht, glücklich. Maximizer dagegen halten nach der optimalen Wahl Ausschau. Eine maximierende Denkweise ist jedoch mit vorgreifendem Bedauern über verpasste Optionen und dem Gefühl steigender Opportunitätskosten verbunden, was die Willensstärke und das Vermögen, sich zu entscheiden, schmälert. Ein Partnermarkt mit einem breiten Angebot erschwert dem Akteur, den einen perfekten Partner zu finden, da die Fähigkeit, in seiner Wahl durch heftige Emotionen geleitet zu werden, von der Wahrnehmung beeinflusst wird, dass nur eine eingeschränkte Auswahl vorliegt und irgendwo bzw. irgendwann ein „besserer“ Partner verfügbar ist – nur gerade jetzt und hier nicht.

Auf dem modernen Partnermarkt muss also aus einem riesigen Angebot greifbarer und imaginärer Möglichkeiten ausgewählt werden. Bei der Partnerwahl kritisch zu sein, was zum Leitbild der heutigen Zeit geworden zu sein scheint, ist also kein Charakterzug, sondern ein starkes inneres Bedürfnis, die persönliche Auswahl auch noch unter Umständen zu verbessern, unter denen die Masse der Wahlmöglichkeiten unüberschaubar geworden ist.[15] Daher erfolgt per Introspektion eine Prüfung der Emotionen, der eigenen Wünsche und der persönlichen Lebensart.

Die Partnerwahl ist also das Ergebnis des persönlichen Willens und des Gefühlslebens, weshalb sie niemals verbindlich sein kann, sondern „durch fortlaufend hervorgebrachte Empfindungen erneuert“[16] werden muss. Das Ergebnis dieser Prozesse, das die romantischen Beziehungen unserer heutigen Zeit prägt, ist die Ambivalenz. Illouz beschreibt sie als „eines der gedämpften Gefühle“[17], die sich in unterschiedlicher Gestalt zeigen: In der Ungewissheit, ob der oder die gegenwärtige Partner(-in) tatsächlich der oder die Richtige ist und die vorhandenen Gefühle echt sind; oder in dem Dilemma, etwas Neues kennenlernen zu wollen, derweil die derzeitige Liebesbeziehung aufrechterhalten wird.

Die Mühsal der „Beziehungsarbeit“

Paarbeziehungen als solche wiederum haben eine kulturelle Position erlangt, die vom Liebesobjekt unabhängig geworden ist.[18] Partnerschaften werden zu einem durchdachten Element der ständigen Prüfung. Angestrengt und mit großem Ernst leistet man „Beziehungsarbeit“; Gefühle genügen bei Weitem (nicht) mehr, sollen auch bloß nicht primärer Antrieb sein. Die Bewertung wird daran gemessen, wie unproblematisch die Liebesbeziehung abläuft – wobei Schablonen von Paarbeziehungen als Maßstab dienen sowie die Frage, welches Ausmaß an Vergnügen und Glück mit ihr erreicht werden kann. (Übrigens – um hier noch einmal die politologische Perspektive einzunehmen – gilt das keinesfalls nur für „klassische Zweierbeziehungen“ zwischen zwei Individuen; auch Parteien können auf der Suche nach Koalitionären in die Falle des optimalen Lösungsbegehrens tappen, wie die nervenzehrende, bis dato erfolglose Suche nach der „perfekten“ Regierungskoalition zeigt.)
Offenbar ist die unendliche Suche nach der großen Liebe jedenfalls nicht mehr an einen einzigartigen Menschen gekoppelt. Und so ist man in der in der gegenwärtigen Zeit von „bis ans Lebensende“ zu „bis zum Ende der Liebe“ übergegangen.[19] Aber dazu kommt es ja, möchte man EDEKA Glauben schenken, in den nächsten hundert Jahren vorläufig nicht.

Pauline Höhlich arbeitet als studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Siehe Edeka: URL: https://www.edeka.de/rezepte-ernaehrung/rezepte/edeka-rezeptwelten/rezeptwelt_weihnachten.jsp [eingesehen am 19.12.2017].

[2] Ebd.

[3] Vgl. Statistisches Bundesamt: 0,6 % weniger Ehescheidungen im Jahr 2016, Pressemitteilung am 11.07.2017, URL: https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2017/07/PD17_237_12631pdf.pdf;jsessionid=86BA9F632B3F23A354C5F53D9AB17FE5.InternetLive1?__blob=publicationFile [eingesehen am 19.12.2017].

[4] Siehe Stiftung Warentest: Happy End gesucht, in: Test, H. 2/2016.

[5] Haring, Sabine/Höllinger, Franz: Beziehungsweise(n) – Liebe und Partnerschaft im Wandel, Graz 2009, S. 15, URL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-235323 [eingesehen am 19.12.2017].

[6] Illouz, Eva: Warum Liebe weh tut. Eine soziologische Erklärung, Berlin 2012, S. 40.

[7] Ebd.

[8] Ebd., S. 81.

[9] Ebd., S. 113.

[10] Vgl. ebd., S. 120.

[11] Vgl. ebd., S. 154 f.

[12] Vgl. ebd., S. 170 f.

[13] Vgl. ebd., S. 178.

[14] Vgl. ebd., S. 181.

[15] Vgl. ebd., S. 184.

[16] Ebd., S. 173.

[17] Ebd., S. 184.

[18] Vgl. ebd., S. 406 f.

[19] Vgl. Haring et al. 2009, S. 15.


Ältere Einträge |  Neuere Einträge