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100 Jahre Entzauberung der Welt

Jöran Klatt |  3. März 2017 |   |  Drucken

[debattiert] Jöran Klatt über die Aktualität Max Webers

Vor hundert Jahren hielt Max Weber vor dem bayrischen Landesverband des Freistudentischen Bundes einen Vortrag mit dem Titel „Wissenschaft als Beruf“. Dort entwickelte er seine berühmte Formel von der „Ent­zauberung der Welt“. Diese Formulierung, die den end­gültigen Sieg der Rationalität und des Verstandes über das Vormoderne, die Welt des Mystischen, der Dämo­nen, Hexen und Magie, prägnant in Worte kleidete, sollte eine Schlüsselphrase der Moderne werden.

Weber richtete seinen Vortrag – ebenso wie „Politik als Beruf“ zwei Jahre später – an junge Leute in den turbulenten Jahren zum Ende des Ersten Weltkrieges und der Zeit danach. Ihm war klar, dass diese Menschen in den nächsten Jahren vom Schicksal nicht nur ereilt würden, sondern dass sie es auch lenken würden. Er wollte sein Bestes tun, sie an seiner Erfahrung teilhaben zu lassen. So geht es in „Wissenschaft als Beruf“ auch um eine schwierige Entscheidung: Sollte man tatsächlich ein Leben im Wissenschaftsbetrieb anstreben? Und wer sollte dies tun? Webers Antworten sind dabei von erstaun­­licher Aktualität.

Zunächst stellt Weber den deutschen und den amerikanischen Wissenschaftsbetrieb nebeneinander und vergleicht die Situation junger Wissenschaftler (damals ging es hauptsächlich um Männer) in den beiden Ländern. Er fragt etwa nach ihrer beruflichen Situation, nach Besoldung, Befristungen und Kündigungs­schutz. Weber sucht nach Zusammenhängen: Wie wirken sich diese Bedingungen auf ihre Arbeit und vor allem auf die geistige Haltung und akademische Praxis aus? Wie in vielen Lebensbereichen, so beobachtet er auch in der Wissenschaft eine „Amerikanisierung“:[1] eine um sich greifende Bürokratisierung, Technisierung und vor allem eine Kapitalisierung des Wissenschaftsbetriebs. Marxistisch konstatiert Weber, dass auch an den Universitäten die „Trennung des Arbeiters von den Produktionsmitteln“ stattfinde.[2]

Zwar sieht er diese Entwicklung kritisch, betont aber auch zugleich ihre Vorteile. In gewisser Hinsicht biete das kapitalistischere Amerika jungen Absolventen, die sich für ein Leben an der Uni entscheiden, sogar mehr Sicherheit. Immerhin bekämen sie als Assistants eine geringe, aber einigermaßen sichere Besoldung, während den deutschen akademischen Aspiranten i.d.R. als Privatdozenten eine unsicherere Zukunft blühe. Weber mahnt: Ein guter Lehrer zu sein gehe keinesfalls immer damit einher, auch ein guter Gelehrter zu sein. Und er hege „tiefes Mißtrauen gegen die Massen­kollegien“, in denen die „Frequenz, mit der ihn die Herren Studenten beehren“, jener Maßstab seien, an dem entschieden werde, wer geeignet für die Lehre sei und wer nicht.[3] Selbst Professor gesteht Weber etwas demütig ein, dass man wohl eine ganze Menge Glück brauche, um erfolgreich zu sein, und meint damit: eine Ordentliche Professur zu erlangen. „Das akademische Leben also“, schlussfolgert Weber, sei „also ein wilder Hazard“ – ein Glücksspiel.[4] Er kenne Leute, die mehr „geleistet hatten“ als er und denen dieser Erfolg dennoch versagt geblieben sei.[5]

Doch Weber geht es nicht nur um Gerechtigkeit, die Chancen und das Schicksal der jungen Menschen – die immerhin direkt vor ihm saßen, was man dem zuweilen etwas paternalistischen Text auch anmerkt. Ihm geht es auch um den „Geist“ der Universität und die „starke Kluft, äußerlich und innerlich, zwischen dem Chef eines solchen großen kapitalistischen Universitätsunternehmens und dem gewöhnlichen Ordinarius alten Stils.“[6] Weber tritt als mahnender Bewahrer auf. Aus seinem Text atmet so sogar ein gewisser Konservatismus. Dieser zeigt sich vor allem, wenn er sich klar dazu bekennt, in der „[w]issenschaftliche[n] Schulung“ eine „geistesaristokratische Angelegenheit“ zu sehen.[7] Sein Appell ist an die Souveränität freien Denkens im Wissenschaftsbetrieb gerichtet.

Nun stellt Weber eine Gretchenfrage: Was ist eigentlich die Aufgabe der Wissenschaft? Er vergleicht sie mit der Kunst und sieht einen deutlichen Unterschied: Ein geschaffenes Kunstwerk sei zeitlos, die Wissenschaft dagegen nicht. Es sei geradezu ihre moralische Pflicht, zu veralten, korrigiert und verbessert sowie letztlich stets überholt zu werden von dem Neuen, Besseren, dem Fortschritt. Wieso also sollte man sich dieser frustrierenden Praxis widmen, die doch nie ein Ende finden könne?

Zudem erzeuge die Wissenschaft, so Weber, keineswegs stets ausschließlich anwendbares Wissen, dass im Alltag weiterhelfe. „Wer von uns auf der Straßenbahn fährt, hat – wenn er nicht Fachphysiker ist – keine Ahnung, wie sie das macht, sich in Bewegung zu setzen.“ Auf diese Überlegung folgt auch die berühmte Passage:

„Die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung bedeutet also nicht eine zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen, unter denen man steht. Sondern sie bedeutet etwas Anderes: das Wissen davon oder den Glauben daran, daß man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte, daß es also prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, daß man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt.“[8]

Webers Text ist heute vor allem aus drei Gründen aktuell. Erstens bestimmen auch gegenwärtig zunehmend technisch komplexe Systeme, die wir zumeist nicht wirklich begreifen, unseren Alltag. In Beschreibungen unserer Zeit ist man daher geneigt, zwischen den Zeilen Weber zu hören, etwa wenn man beim Soziologen Anthony Giddens liest:

„Schon allein dadurch, daß ich jetzt in meinem Haus sitze, bin ich in ein Expertensystem oder eine Reihe von Expertensystemen verstrickt, auf die ich mich verlasse. […] Über die vom Architekten und vom Bauunternehmer bei Entwurf und Bauausführung benutzten Wissensbestände bin ich kaum informiert, aber dennoch ‚glaube ich an‘ das, was sie ausgeführt haben.“[9]

Zweitens brachte Weber mit der berühmten Formel der „Entzauberung“ das Lebensgefühl der Moderne auf den Punkt. Gerade heute, in der Postmoderne, in der es eventuell sogar wieder zu einer „Rückverzauberung“ kommt, gewinnt diese Ausgangsbasis des Denkens über unsere Zeit erneut an Relevanz.[10] Postfaktizismus, Verschwörungstheorien sowie mystische und zauberhafte Erzählungen sind paradoxerweise gerade im digitalen Zeitalter äußerst vital.[11] Ein Blick zurück in die Sattelzeit zwischen dem „langen 19.“ (Eric Hobsbawm) und dem „kurzen 20. Jahrhundert“ (Iván Berend) erscheint daher vielversprechend, denn möglicherweise leben wir in einer ähnliche Phase.

Webers Beobachtungen sind aber auch, drittens, von kaum zu übertreffender Aktualität, was Fragen über die Wissenschaft – eben „als Beruf“ – im 21. Jahrhundert betrifft. Befristungen und prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Bildungs- und Abschlussinflation, unsichere Stellenperspektiven sowie die Technisierung und Normierung der wissenschaftlichen Praxis erhöhen den Druck auf junge Wissenschaftler_innen und begünstigen auch unter ihnen den in ihrer Alterskohorte ohnehin vorhandenen Trend zum Konformismus.[12] Denn die Kultur der „Abstiegsgesellschaft“, wie der Soziologe Oliver Nachtwey prägnant den Wandel der sozialen Moderne hin zu den gegenwärtigen Verteilungskämpfen nennt, macht auch vor dem Produkt des Wissenschaftsbetrieb nicht halt: dem Wissen. Ebenso wie Weber einst für seine Zeit schrieb, sind es auch heute vor allem einzelne Disziplinen, besonders die Natur- und Technikwissenschaften, von denen praktisch anwendbares Wissen nicht nur erwartet wird, sondern deren „[…] Fähigkeiten (spezialisiertes Wissen und Expertise) in der modernen Produktion eine größere Bedeutung zukommt.“[13] Geistes-, Kultur-  und Sozialwissenschaften werden zwar nicht gänzlich abgeschafft, verlieren aber zunehmend an öffentlichkeitswirksamer Relevanz, da auch von ihnen immer stärker verlangt wird, ihren alltäglichen Nutzen und die potenzielle Anwendbarkeit ihrer Erkenntnisse unter Beweis zu stellen.

Wenn also von mancher Seite leichtfertig die Forderung erhoben wird, die wissenschaftliche Seminararbeit als Prüfungsmodus abzuschaffen,[14] so liegen weitere Schritte auf der Hand, um sie durch vermeintlich modernere, praxisnähere und nutzenorientiertere Formate zu ersetzen: von Schreibübungen speziell für Projektanträge bis hin zum Ausbau des Trainings an Techniken der Selbstoptimierung und Selbstdarstellung, der in der Postmoderne sogenannten „Schlüsselkompetenzen“. Max Weber hatte zu seiner Zeit Unbehagen vor offenbar ganz ähnlichen Entwicklungen.

Jöran Klatt, geb. 1986 in Wolfenbüttel, arbeitet im Göttinger Institut für Demokratieforschung, ist Redaktionsmitglied von INDES und promoviert an der Universität Hildesheim.

[1] Weber, Max: Wissenschaft als Beruf, in: ders.: Schriften 1894–1922, ausgewählt v. Dirk Kaesler, Stuttgart 2002, hier S. 477.

[2] Ebd.,  S. 476.

[3] Ebd., S. 480.

[4] Ebd., S. 481.

[5] Ebd., S. 478.

[6] Ebd., S. 477.

[7] Ebd., S. 480.

[8] Ebd., S. 488.

[9] Giddens, Anthony: Konsequenzen der Moderne, Frankfurt a. M. 11996, S. 41.

[10] Lehmann, Hartmut: The Interplay of Disenchantment and Re-enchantment in Modern European History; or, the Origin and the Meaning of Max Weber’s Phrase ‚Die Entzauberung der Welt‘, in: ders.: Die Entzauberung der Welt. Studien zu Themen von Max Weber, Göttingen 2009, S. 9–20.

[11] Klatt, Jöran: Rückverzauberte Rationalitäten. Die Sehnsucht nach dem Wärmestrom, in: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 4/2015, S. 51–59.

[12] Siehe hierzu Koppetsch, Cornelia: Soziale Schließung, Nonkonformismus und Protest, in: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 3/2016, S. 32–42.

[13] Nachtwey, Oliver: Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne, Berlin 2016, S. 127.

[14] Tipker, Christoph: Schafft die Hausarbeiten ab!, in: Spiegel Online, 16.02.2017, URL: http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/uni-dozent-fordert-schafft-die-hausarbeiten-ab-a-1134566.html [eingesehen am 27.02.2017].


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