Logo Göttinger Institut für Demokratieforschung

„Wir treiben sachliche und keine Eitelkeitspolitik.“ [1]

Simon Beste |  22. April 2014 |   |  Drucken

[gastbeitrag]: Simon Beste über Vernunft und Emotion im Werk von Max Weber.

Präzise, fast juristische Formulierungen, unaufgeregte Analyse und mit Emphase auf politische Rationalität – so wird Max Webers Soziologie in Lehrbüchern häufig umschrieben. Und tatsächlich spricht Einiges für eine solche Interpretation. Das für Weber scheinbar so typische vernunftfokussierte Politikverständnis seiner Modernisierungstheorie knüpft nahtlos an zeitgenössische Diskurse an, sind doch die „Kräfte des Faktischen“ (z.B. hinsichtlich ökonomischer Zwänge [2]) und Ideologielosigkeit zu einem Mantra der Politik des 21. Jahrhunderts geworden. [3]  Doch ist die Einschätzung über Webers „Nüchternheitsfokus“ wirklich stimmig? Werden wir dem komplexen Werk mit dieser doch recht simplen Subsummierung gerecht? Im Folgenden soll an einigen wenigen Kategorien aus Webers mikro- und makrosoziologischen Analysekategorien gezeigt werden, dass in seinem Werk Anhaltspunkte für eine mehrdeutige Perspektive auftauchen, die zwischen Rationalität und Affekt, zwischen Vernunft und Emotion oszilliert.

Webers Mikrosoziologie beschäftigt sich im Wesentlichen mit den Handlungen und Motiven von Akteuren. Eine zentrale Kategorie dabei bildet die Unterscheidung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. In „Politik als Beruf“ erklärt er:

„Wenn die Folgen einer aus reiner Gesinnung fließenden Handlung üble sind, so gilt ihm nicht der Handelnde, sondern die Welt dafür verantwortlich […]. Der Verantwortungsethiker dagegen […] fühlt sich nicht in der Lage, die Folgen eigenen Tuns, soweit er sie voraussehen konnte, auf andere abzuwälzen.“ [4]

So klar wie Webers Bewertung im Zusammenhang mit der Modernitätstheorie auch scheinbar ausfallen mag – gesinnungsethische Handlungsmotivation erfahren dadurch keine explizite Abfuhr. Auf der Mikroebene versucht Weber dies mittels eines synthetischen Ansatzes am Beispiel der „ethischen Paradoxie” zu zeigen. Die Paradoxie besteht darin, dass moderne Politik eine Konzentration verantwortungsethischer Handlungsmotive des Berufspolitikers in sich trägt und tragen soll, wobei die notwendige Leidenschaft für die „Sache Politik“ nur dann aufgebracht werden kann, wenn der Handlung des Politikers eine fundamentale Tatkraft zugrunde liegt. Diese spezifisch leidenschaftliche, menschliche Motivation bildet für Weber eine Grundvoraussetzung des Politischen. In dieser Hinsicht sind alle empirisch beobachtbaren politischen Handlungs- und Regierungsformen eben gerade keine Reflektionen einer Idealtypologie, sondern bilden komplexe Konfigurationen verschiedenster individueller und kollektiver Triebkräfte. Letztlich sind, wie Richardson  hervorhebt,  Rationalität und Affekt auch ontologisch miteinander verwoben:

“In politics, if we had no idea whether arbitrary imprisonment were wrong […], then we would be rather at a loss about what we ought to do. Without some fixed points by reference to which to take our initial bearing, we would be unable to orient our political reasoning toward the truth.” [5]

Richardson will zeigen, dass sich verantwortungsbewusstes und gesinnungsbasiertes Handeln (auch nach Weber) bereits logisch und wesensbedingt immer aufeinander beziehen müssen, selbst oder gerade wenn sie als idealtypische Dualismen begriffen werden. Somit ist stark zu bezweifeln, dass die häufig als Ausschließungsverhältnis interpretierte Beziehung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik in Webers Werk eine logische und kohärente Interpretation ist. Denn selbst unter der (wiederum rein idealtypischen) Annahme vollständig technokratischer Regierungsweisen müssen die politischen Akteure ja letztlich über den Wert  ihrer Maßnahmen räsonieren, wenn sie, wie Weber ausführt, als politische Gestalter nicht ins „Leere und Sinnlose“ [6] wirken wollen. Damit sind sie also gezwungen, sich über Sinnstiftungen von politischen Konzepten auszutauschen, die ihren Ursprung in prinzipiellen Überzeugungen finden und nicht strikt verantwortungsethisch generierbar sind.

Der Dualismus von Rationalität und Affekt ist bei Weber auch auf der systemischen Ebene sichtbar. Eine der bekanntesten Differenzierungen seiner theoretischen Ausarbeitungen ist fraglos die Herrschaftstrias. Auf den ersten Blick bescheinigen Webers Ausführungen hier eine klar historische Lesart: Traditionale Legitimität wird mit fortschreitender Modernisierung von rationaler Legitimität abgelöst und lässt eine lineare Fortschrittslogik erkennen. [7] Auch hier lässt sich jedoch Webers synthetische Herangehensweise beobachten. Eine besondere Bedeutung kommt dabei dem transhistorischen, d.h. zeitgeschichtlich unkontextualisierten Herrschaftstypus des Charismas zu. In der Kritik des deutschen Parlamentarismus [8]  hält er fest, dass die Bürokratisierung des Politikapparats in Verbindung mit seinem rationalen Herrschaftsstil zwar Korruption und Vetternwirtschaft vermeide, allerdings die Bildung einer eigenen Beamtenkaste verursache. Diese wiederum sorge für ein doppeltes Übergewicht des Rationalen, das sich sowohl in rationaler Herrschaftslegitimität als auch einer überbordenden (undemokratischen) Macht der Beamten manifestiere. In den USA hingegen stehe diesem doppelten Übergewicht mit der Wahl eines Präsidenten eine konträre populärpolitische, charismatische Macht gegenüber.

Doch warum birgt ein Übergewicht rationaler Herrschaft in den Augen Webers eine derartige Gefahr? Hier schließt seine makrosoziologische Analyse nahtlos an sein mikrosoziologisches Verständnis an. Eine zentrale Dimension der Politik wird von Weber in der Auseinandersetzung und Lösung von Wertfragen gesehen, die in strengem Gegensatz zur Handlungsmotivation des marktkonformen Opportunismus stehen. [9] Dieser Opportunismus äußert sich dann vor allem innerhalb der Parteien: „Inhaltlich gesinnungslos, schreiben sie, miteinander konkurrierend, jeweils diejenigen Forderungen in ihr Programm, welchen sie die stärkste Werbekraft bei den Wählern zutrauen.” [10] In dieser Hinsicht steht die Bürokratisierung und Professionalisierung der Parteien in den Industrienationen neben des Fortschrittsgedankens zugleich im Zeichen eines Verfallsprozesses, der sich für Weber in einer Verlagerung des Machtgleichgewichts zugunsten einer Beamtendominanz äußert, welcher wiederum dem politischen Prozess mehr und mehr die notwendige Ressource der politisch-charismatischen, personalisierten Führung entzieht. Einerseits wird so die Gefahr einer opportunitätsorientierten Führerlosigkeit des Politischen sichtbar, andererseits verschieben sich durch die Erosion von Wertfragen handfeste Machtoptionen zugunsten einer technokratisch orientierten Beamtenkaste, deren Herrschaftswissen zunehmend ohne ein politisiertes, gesinnungsethisches Gegengewicht operieren kann. [11]

Aus dieser modernisierungsskeptischen Perspektive lässt sich dann sogar eine Parallele zur Makrosoziologie von Habermas ziehen, der die “Kolonialisierung der Lebenswelt” [12] der originär kommunikativ strukturierten Bereiche sozialen Zusammenlebens durch administrative und ökonomische Handlungslogiken gefährdet sieht. Gerade das politisch inopportune Verhalten von Führungspersonen auf Basis einer Gesinnung („Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“) erfüllt eben eine Aufgabe für die Herstellung und Aufrechterhaltung des Gleichgewichts innerhalb einer institutionellen Ordnung und wird von Weber als essentieller Bestandteil des Politischen gewürdigt.

Die Frage der Ideologielosigkeit und Technokratisierung ist nach dem Ende des Kalten Krieges wieder aktuell geworden. Eine differenzierte Betrachtung von Webers Soziologie, welche die zugrundeliegende idealtypische und synthetische Methodologie ernst nimmt, muss die Unmittelbarkeit und Omnipräsenz von tief verwurzelten Werten, Affekten und Irrationalitäten als essentiellen Teil des Politischen anerkennen. Mit seinem Fokus auf rationale Handlungslogiken hat Weber eine Modernisierungstheorie aufzuzeigen versucht, in der wir es jedoch nicht mit einer simplen Substituierung von Irrationalität durch Rationalität zu tun haben. Die Aktualität seiner Theorie besteht gerade in der Anerkennung des komplizierten Wechselverhältnisses von Vernunft und Affekt, die auch im Angesicht europäischer Krisenpolitik immer wieder akut zu werden scheint. Dies ist besonders in der komplizierten Balance von ökonomischen Sachzwängen und demokratischer Selbstbestimmung zu konstatieren. Die Komplexität des Denkens Webers kann nicht als Plädoyer für einen bedingungslosen Technokratismus und die Dominanz von Sachzwängen gedeutet werden; vielmehr schärft sie den Blick für die Relevanz der Frage nach der Trennlinie von Politik und Administration.

Simon Beste ist Doktorand und arbeitet im Rahmen des NCCR-Projekts „Deliberation, Legitimacy and Epistemic Quality in Multilevel Governance Systems“ am politikwissenschaftlichen Seminar der Universität Luzern. Seine Dissertation beschäftigt sich mit der Frage der Messung und Bewertung der Qualität gesellschaftlicher Diskurse aus Makroperspektive. Angrenzende Forschungsinteressen sind (deliberative) Demokratietheorie, methodologische Fragen zu Deliberationsmessungen sowie Epistemologie und Rationalität politischer Entscheidungsfindung.


[1] Weber, M. (1992a): Politik als Beruf. In: Mommsen, W.J. | Schluchter, W. (Hrsg.): Max Weber Gesamtausgabe. Band I/17: Wissenschaft als Beruf 1917/1919, Politik als Beruf 1919. Tübingen: Mohr: 157-252.

[3] Fukuyama, F. (1992): The End of History and the Last Man, New York: Simon & Schuster.

[4] Weber (1992a).

[5] Richardson, H.S. (2002): Democratic Autonomy: Public Reasoning About The Ends Of Policy, Oxford: Oxford University Press.

[6] Weber (1992a).

[7] Weber, M. (1980): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie., 5. Auflage, Tübingen: J. C. B. Mohr.

[8] Weber, M. (1992b): Parlament und Regierung im neugeordneten Deutschland. In: Mommsen, W.J. | Schluchter, W. (Hrsg.): Max Weber Gesamtausgabe. Band I/15. Tübingen: Mohr: 157-252.

[9] Stachura, M. (2010): Politische Führung: Max Weber heute. Aus Politik und Zeitgeschichte (23): 22-27.

[10] Weber (1992b).

[11] Stachura (2010).

[12] Habermas, J. (1981): Theorie des kommunikativen Handelns. Bd. 2, Frankfurt am Main: Suhrkamp.


Ältere Einträge |  Neuere Einträge