Logo Göttinger Institut für Demokratieforschung

„Bonn ist nicht Weimar“ und Berlin ist nicht Bonn

Klaudia Hanisch |  16. Juni 2011 |   |  Drucken

Thema: 20 Jahre Berliner Republik (2)

[kommentiert]: Klaudia Hanisch über die Charakteristika der alten und der neuen Hauptstadt

Mit der Deutschen Einheit stellte sich aufs Neue eine brisante Frage – Bonn oder Berlin? Was augenscheinlich profan wirkte, erhitzte die Gemüter der intellektuellen Elite von damals und sollte auch viele Jahre später in der Konfliktlinie zwischen Konservativen und Progressiven Bestand haben. Denn wenn eine Hauptstadt ein Ort ist, an dem sich die Geschichte eines Landes „verdichtet“ und entsprechend einer Nationalstaatslogik im besonderen Maße für das Schicksal einer Nation steht, bleibt zu fragen, wofür „Berlin“ und „Bonn“ eigentlich stehen. Demzufolge ging es 1991 nicht allein um einen Ortswechsel der Bundesorgane oder um materielle Interessen, sondern auch um das Selbstverständnis eines wiedervereinigten Deutschlands, um die Frage also, wie sich die Bürgerinnen und Bürger dieses Gemeinwesens selbst sahen und von außen gesehen werden wollten.Anhand der Debatten der letzten 20 Jahre kann man die Konstruktionen beider Städte veranschaulichen. Es wird sehr deutlich, dass sie zugleich als narrative Räume funktionieren, in die bestimmte Geschichten, Mythen und Parabeln von Tugenden und Lastern eingeschrieben sind. Interessant dabei ist vor allem die Gegenüberstellung von Berlin als Ort der Widersprüchlichkeit und Instabilität mit Bonn, das für Ruhe, Überschaubarkeit und Beständigkeit steht. So gilt die akademisch und bürgerlich geprägte Stadt am Rhein für viele immer noch als ein angemessener Repräsentant eines unaggressiven gemäßigten Deutschlands. Die rheinische Mentalität wäre demnach so etwas wie ein Immunfaktor gegen radikale Aufbrüche und alles Großspurige. Es war „die Chiffre für das Weiter-so und das föderale, konsensuelle Sowohl-als-auch“[1], so die Zeit.

Demgegenüber wurde Berlins parvenühafte Großspurigkeit angeführt. Die Stadt entwickelte sich aufgrund der verspäteten Industrialisierung in Preußen erst spät, zugleich aber für viele beängstigend dynamisch zu einer Metropole. Immer wieder wurde sie als „notorischer Gernegroß im Provinzformat“ charakterisiert. Bis heute wirkt dies nach. Die große Stadtlandschaft von 890 Quadratkilometern ist ein Ballungszentrum aus einer Fülle kleiner Städte und einverleibter Dörfer, dem man nicht ansieht, dass es gegen 1900 eines der größten Industriestädte Europas war. Hier gibt es keinen bürgerlichen Kern, keine tradierten Landschaften und keinen historischen Eigensinn. Tragende Gruppen der Stadt, die ihr Selbstverständnis von Generation zu Generation weitergeben, sucht man in Berlin vergebens. Es wird immer wieder als ein großes Nebeneinander beschrieben, das sich der Greifbarkeit entziehe. Der Publizist Karl Scheffler schrieb einmal, dass sie dazu verdammt wäre „immerfort zu werden und niemals zu sein“ und aus einem ständigen Antrieb zur Revision lebe. So zeichnet Berlin auch die größte Mobilität aller deutschen Städte aus. Mehr als ein Drittel seiner Einwohner hat es seit der Wende ausgetauscht. „Berlin in ein Ort für energische und hungrige oder für müde und verlorene Typen – jedenfalls für Typen, die sich den Dingen vom Rande nähern“[2], schrieb der Soziologe Heinz Bude. Der oftmals flüchtige Bewohner hat wenig Bindung an das Gemeinwesen, in dem er gerade lebt.

Das verschlafene bürgerlich-christliche Miefige an Bonn wird also dem unruhigen „Berliner Tempo“, über das der Soziologe Georg Simmel schon 1903 berichtete, gegenübergestellt. Nicht zuletzt schien Berlin ein Versprechen vom revolutionären Aufbruch in sich zu tragen, das unter den Bonner Abgeordneten Anfang der Neunziger unter dem Motto des „roten Berlins“ zur Sprache gekommen ist. Die latente Angst vor dem Linksradikalismus bezog sich sowohl auf die alternative Szene Kreuzbergs als auch auf die Reste der SED-Vergangenheit. Auch die kollektiven Erinnerungen an die Atmosphäre des geistigen Bürgerkrieges aus der Zwischenkriegszeit wurden damals wachgerüttelt.

Heute ist davon nicht mehr viel zu spüren. Berlin wurde vielmehr in einer anderen Hinsicht zum Spiegelbild der Lage des Landes – die Stadt ist stark verschuldet und von einem bürokratischen Kompetenzwirrwarr in ihrer Entwicklung gebremst. Das Funktionieren der Maschinerie, die Berlin verwaltet und plant ist viel schwieriger zu durchblicken als in anderen europäischen Großstädten. Nicht nur, dass es in Berlin selbst zwei Ebenen gibt, die der 12 Bezirke und die des Bundeslandes Berlin. Obwohl sie Wiedervereinigung schon mehr als 20 Jahre zurück liegt, gibt es dort weiterhin einen gefühlten Osten und Westen. Daraus ergibt sich ein äußerst kompliziertes und empfindliches Geflecht von personellen Netzen und Bündnissen, Rivalitäten und Abhängigkeiten, Vorurteilen und Eifersüchteleien. Wenn dies mit drastischen Kürzungen und Personalabbau zusammenkommt, kann es leicht zu Deformierungen der Verwaltungsstruktur kommen, wie sie neulich die Berliner Presse aufdeckte.[3]

Der Kulturanthropologe Rolf Linder prägte den Begriff des „Habitus der Stadt“.[4] Ähnlich wie Menschen haben diese eine eigene Biografie, eine charakteristische Sinnesart und können daher neben spezifischen Mustern der Lebensführung auch unterschiedliche Politikstile fördern und bestimmte Entwicklungslinien „nahe legen“. Sicherlich ist das Leben in Berlin ein anderes als im mittelständisch geprägten Bonn. Die Bürgerferne, das Zirkuläre, in sich Kreisende des politischen Betriebs habe zugenommen, meinen die Kritiker. Dass dies nicht allein an Berlin liegen kann, ist klar. Dennoch ist es möglich, dass längerfristige Trends in der Politik- und Medienentwicklung, die in Bonn wattiert durch feste Gewohnheiten nur gedämpft zu spüren waren, in einer Stadt wie Berlin voll entfesselt werden konnten.

Klaudia Hanisch ist studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


[1] Hofmann, Gunter: Von deutschen Anfängen, in: Die Zeit, 1999/35.

[2] Bude, Heinz: Generation Berlin, Berlin 2001, S.80f.

[3] Vgl. N.N.: Berliner Verwaltung: Kopflastig und überaltert, in: der Tagesspiegel, 12.06.2011.

[4] Lindner, Rolf: Textur, imaginaire, Habitus – Schlüsselbegriffe der kulturanalytischen Stadtforschung, in: Löw, Martina/ Berking, Helmuth (Hrsg.): Die Eigenlogik der Städte – Neue Wege für die Stadtforschung, S. 83-94, S. 87ff.


Ältere Einträge |  Neuere Einträge