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Methodenseminar in Hofgeismar

Bonnie Pülm | 16. Juni 2010

Forschen in idyllischer Umgebung

Es sollte etwas Besonderes werden, das erste Methodenwochenende des Göttinger Instituts für Demokratieforschung.
Anlässlich der Gründung des Instituts wurde eine Tagungsstätte in Nordhessen ausgewählt. Tatsächlich bot das historische Schlösschen Schönburg, das einst von Kürfürst Wilhelm I. von Hessen am Gesundbrunnen errichtet worden war und in dem später der Hofgeismarkreis der Jungsozialisten über Theorien diskutierte, eine hervorragende Umgebung, um die methodische Ausrichtung des Instituts für Demokratieforschung zu besprechen.

Begleitet von Froschkonzerten aus dem nahe gelegenen Teich stellten am ersten Tag laufende Projekte ihre Arbeitsergebnisse, auch mit Blick auf anknüpfende Forschungsfragen, vor. So ließen sich unter anderem an das Projektthema  „Wo ist die ‚Unterschicht‘ in der modernen Bürgergesellschaft?“ eine Reihe an Untersuchungsgegenständen anschließen, welche die Perspektive der Menschen näher verstehen helfen, die allgemein als „abgehängt“ und „exkludiert“ bezeichnet werden. Wie kommt es zum Beispiel, dass junge Männer dieser sozial benachteiligten Schicht während der Pubertät ihre Aktivitäten in Vereinen und anderen Organisationen häufig gänzlich aufgeben und auch nicht wieder aufnehmen, obwohl der Wunsch nach Aktivität und Einbindung in die Zivilgesellschaft durchaus besteht? Wie müssten Angebote und Aktivitäten ausgestaltet sein, um speziell die Gruppe der sozial Benachteiligten besser zu erreichen? Und wie verhält es sich mit der Beziehung der großen Parteien zu diesem Gesellschaftssegment: Wurde die „Unterschicht“ von den ehemaligen Volksparteien sozusagen „ad acta“ gelegt? Und welche Konsequenzen hätte dies aus demokratietheoretischer Sicht?“

Darüber hinaus stellte das Projekt „Diesseits von Versäulung“ die Entwicklungen der Parteien in Österreich und den Niederlanden vor.

Anhand des Beispiels Peter von Oertzen wurden außerdem Methoden der Biografik unter der Frage behandelt, wie sich chronologische Lesegewohnheiten und experimentelle Strukturierung verbinden lassen.

Zum Abschluss des ersten Tages heizte ein Streitgespräch die 38 Teilnehmer zur Diskussion an, inwiefern Zeitschriftenartikel im Internet kostenfrei oder kostenpflichtig eingestellt werden sollten.

Am Abend versetzte die Park-Idylle die 38 Teilnehmer beim Grillen in eine gemütliche Stimmung und alle genossen die Atmosphäre, ob beim Fußballspielen, Unterhalten, Weintrinken oder Wandeln im Park (oder nächtlichem Schwimmen im Teich).

Am Sonntag stand die methodische Ausrichtung des Instituts jedoch im Zentrum des Seminars: Die Arbeit des Instituts für Demokratieforschung zeichnet sich dadurch aus, dass sie interdisziplinär und methodisch vielfältig angelegt ist. Dabei kann sie schnell fundierte Analysen zu aktuellen Debatten liefern. Da neben den „harten Fakten“ unter anderem auch Emotionen in die Analysen einbezogen werden, wird nicht der Anspruch auf (absolute) Wahrheit erhoben. Erklären, Deuten und Interpretieren in einer verständlichen Sprache ist das Credo. Schließlich sollen Analysen in eine politische Öffentlichkeit vermittelt werden, die nicht fachwissenschaftlich geschult ist.

Aus diesem Grund spielte am zweiten Tag die Vermittlung dieser Leitlinien die Hauptrolle in der Diskussion: Eine große Bedeutung kommt hier der Sprache zu, die als Medium die fachlichen Inhalte anschaulich und nachvollziehbar, gleichzeitig aber auch interessant und farbig vermitteln soll. Dies soll nicht den Verzicht von fachwissenschaftlichen Begrifflichkeiten bedeuten – zweifelsohne sind diese oftmals notwendig, nicht zuletzt um sich von dem journalistischen Stil zu unterscheiden – sondern einer verständlichen, originellen Schreibweise den Vorzug geben.

Daher sollte das Schreiben auch Bestandteil eines Masterstudiengangs vom Institut werden, sodass die zukünftigen Studenten das Schreiben trainieren können und im Verfassen von Essays sowie Reportagen geschult werden. Insgesamt verfolgt die Masterplanung das Ziel, die Studenten mit den Forschungsbereichen des Instituts vertraut zu machen, indem Module zu Themen der Parteien- und Gesellschaftsanalyse, politischen Kulturforschung und politischen Führung u. v. m. integriert werden.

Daran anschließend wurde ebenfalls darüber debattiert, wie politische Bildung außerhalb der Universität für Schüler und Erwachsene umgesetzt werden kann. Kreative Angebote sollen hierfür die Erwachsenenbildung aus der bestehenden Tristesse befreien und für Schulen eine Möglichkeit eröffnen, Politik spannend aufzubereiten.

Eine weitere Sitzung befasste sich mit Demokratietheorien und der Frage, ob die gesellschaftlichen Umbrüche tatsächlich als „Krise der Demokratie“ zu verstehen ist, wie es in der aktuellen Debatte gemeinhin der Fall ist, oder ob sich Demokratie in andere Bereiche wie das Internet o.ä. verlagert. Für die Zukunft ist diese Frage jedenfalls bei der Forschung im Auge zu behalten.

Auch mit dem Thema Demokratie, diesmal jedoch auf Europaebene, befasste sich die letzte Sitzung, in der hinterfragt wurde, inwiefern die Europäische Union an einem Demokratiedefizit leide.

Alles in allem hat das Wochenende viele neue Denkanstöße für die zukünftige Arbeit geliefert, sodass die Themen noch über die Sitzungen hinaus weiter diskutiert wurden.