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Aktuelles

Vortrag: Ein Aufmarsch von Patrioten? Geschichte, Perzeption und TeilnehmerInnen des Unabhängigkeitsmarsches in Warschau
7. Oktober 2019

Vortrag und Diskussion mit Dr. Piotr Kocyba

Moderation: Klaudia Hanisch

Zeit: Freitag, 18. Oktober 2019, 18:15 Uhr

Ort: Bibliothek des Göttinger Instituts für Demokratieforschung, Weender Landstr. 14, Göttingen

Eintritt frei

Seit Jahren gilt der Unabhängigkeitsmarsch in Warschau als die größte Demonstration Polens und größte rechte Demonstration weltweit. Dabei hat die regelmäßige Veranstaltung einen rasanten Wandel erlebt. Die ersten Gedenkmärsche an die Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens wurden von und für rechtsradikale Gruppierungen sowie Hooligans Ende der 1990er Jahre organisiert. Der Unabhängigkeitsmarsch zeichnete sich dementsprechend bis in die Mitte der Nullerjahre durch zahlreiche Auseinandersetzungen mit GegendemonstrantInnen und Polizeikräften aus – teilweise kam es zu Straßenschlachten oder zur Zerstörung öffentlichen Eigentums (so bspw. 2013 als es zu Ausschreitungen vor der russischen Botschaft kam, eine Regenbogeninstallation am Erlöserplatz niedergebrannt und ein linkes Wohnprojekt angegriffen wurden). Trotz dieser Vorgeschichte ist der Unabhängigkeitsmarsch zum wichtigsten Ereignis der Gedenkfeiern an die Unabhängigkeit Polens avanciert und versammelt regelmäßig mehrere zehntausend TeilnehmerInnen. Zum hundertsten Jubiläum der Unabhängigkeit Polens haben an dem Marsch, der aus einer Mischung zwischen einem offiziellen Teil, angeführt von Premierminister und Präsident, und dem Original des Unabhängigkeitsmarsches bestand, knapp 240.000 Menschen teilgenommen.
Vor diesem Hintergrund wird der Vortrag drei Ebenen in den Blick nehmen. Erstens, wird die Entwicklung des Unabhängigkeitsmarsches nachgezeichnet, um die Frage zu beantworten, wie es den OrganisatorInnen des Unabhängigkeitsmarsches gelang, aus einer kleinen Veranstaltung einer gewaltbereiten Subkultur ein Event zu kreieren, das im Mainstream fest verankert ist und bis zu einer viertel Million TeilnehmerInnen mobilisieren kann. Zweitens wird der öffentliche Diskurs über den Marsch vorgestellt. Als eines der Hauptthemen während der Feierlichkeiten der Unabhängigkeit werden in Polen (wie im Ausland) zwei sich gegenseitig ausschließende Bilder gezeichnet. Einerseits soll es sich um eine Veranstaltung von gewaltbereiten Rechtsradikalen handeln, denen faschistische Einstellungen vorgehalten werden. Andererseits soll der Marsch ein familienfreundliches Fest polnischer PatriotInnen darstellen, das von linken GegnerInnen diffamiert werde. Deshalb wird drittens der Versuch unternommen, zu beantworten, wer sich wieso dem Marsch anschließt. Grundlage hierfür sind Daten, die während einer Befragung der TeilnehmerInnen des Unabhängigkeitsmarschs von 2018 gesammelt wurden.

Dr. Piotr Kocyba – studierte Politikwissenschaften und Slavische Philologie an der Universität in Regensburg, promovierte zum Status des Idioms der Oberschlesier an der TU Dresden und arbeitet an der TU Chemnitz an der Professur Kultur- und Länderstudien Ostmitteleuropas. Seit November 2018 realisiert er das Projekt „Zivilgesellschaftlicher Aufruhr in Polen“, das ihm erlaubt, finanziert durch das BMBF, bis Oktober 2021 bis zu 16 Demonstrationen in Warschau zu befragen.

 

Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Göttingen statt.