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Aktuelles

Peter Lösche – ein Nachruf
12. März 2016

Mit großer Trauer hat das Institut für Demokratieforschung vom Tod Peter Lösches (1939–2016) erfahren. Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2007 und darüber hinaus war Lösche ein wesentlicher Anreger und Antreiber der „Göttinger Schule der Parteienforschung“, die eine stark historisch geprägte, soziokulturelle Analyse der deutschen Parteien und der sie tragenden gesellschaftlichen Strukturen anstrebte. An der Gründung der „Arbeitsgruppe Parteienforschung“ – des Kerns und Vorgängers des späteren „Instituts für Demokratieforschung“ – war Lösche 2002 noch ganz maßgeblich beteiligt gewesen, blieb auch danach dem Institut als Kollege, Betreuer von Abschlussarbeiten sowie als verlässlicher Freund und Begleiter verbunden.

Peter Lösche entstammte einer klassisch-sozialdemokratischen Familie: Aufgewachsen in der Britzer „Hufeisensiedlung“ in Berlin-Neukölln, wurde er in jenes sozialdemokratische Milieu – er selbst prägte dafür den Begriff der „Solidargemeinschaft“ – hineingeboren, dessen Erforschung ihn später selbst beschäftigte. Lösches Eltern, Bruno und Dora Lösche, waren als Landes- und Bundespolitiker aktiv, und der Großvater, Konrad Ludwig, war maßgeblich am Aufbau der Friedrich-Ebert-Stiftung beteiligt. Bei aller für einen Parteienforscher gebotenen kritischen Distanz zur SPD: Der Sozialdemokratie sollte sich Peter Lösche sein Leben lang verbunden fühlen.

Nach dem Abitur begann Lösche an der Freien Universität Berlin Geschichte, Philosophie, Geographie und Politikwissenschaft zu studieren. Als prägend sollte sich – zu einer Zeit, als dieses noch eher ungewöhnlich war – ein Studienaufenthalt am Knox College, Illinois, in den USA erweisen, im Studienjahr 1961/1962. Von dort nahm Lösche nicht nur eine lebenslange Begeisterung für das Land mit – zahlreiche Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte u.a. in Harvard, Santa Barbara und Stanford zeugen davon ebenso wie seine zahlreichen mit Kenntnis und Empathie geschriebenen Bücher über die Vereinigten Staaten. Die Erfahrungen in den USA prägten auch seinen Habitus als Hochschullehrer. Nichts war Peter Lösche ein größeres Gräuel als die eitle, divenhafte Selbstbespiegelung des deutschen Großordinarius. Er war anders: nahbar für seine Studenten, fröhlich, stets mit einer großen Portion Selbstironie ausgestattet.

Nach Jahren als wissenschaftlicher Assistent folgte 1973 die Berufung nach Göttingen. Dem dortigen Seminar für Politikwissenschaft blieb er trotz zahlreicher anderer Offerten bis 2007 treu.

Peter Lösches Forschungs- und Publikationswerk war dabei von einer Vielseitigkeit geprägt, wie man sie heute, im Zeitalter hochspezialisierter Nischenforschung, nur noch selten findet. „Der Bolschewismus im Urteil der Deutschen Sozialdemokratie“ war der Titel seiner Dissertation. Über die amerikanischen Gewerkschaften in der Roosevelt-Ära – das Thema seiner Habilitation – schrieb er dann ebenso klug und kenntnisreich wie über Bakunin und den Anarchismus. Das deutsche Parteien- und Verbändewesen war vor seiner wissenschaftlichen Neugierde ebenso wenig sicher wie die Verhandlungsnetzwerke im amerikanischen Kongress. Lösche galt gleichermaßen als einer der profiliertesten Amerika-Forscher des Landes wie auch als einer der intimsten Kenner der Parteien des bundesrepublikanischen Parteiensystems.

Vor allem in den 1980er und 1990er Jahren reichte Peter Lösches Präsenz über den Raum der Wissenschaft weit hinaus. In vielen Interventionen in deutschen Tageszeitungen und auch im Fernsehen erklärte Lösche den Bürgern des Landes die Krisen und Malaisen der deutschen Parteien. Wie nur sehr wenige Kollegen besaß Lösche das Talent, komplizierte politische Prozesse mit einprägsamen Formulierungen auf den Punkt zu bringen: etwa die These vom „Neo-Bonapartismus“ in den Führungsstrukturen deutscher Parteien oder seine Kennzeichnung der Organisationsstruktur der SPD als „lose verkoppelte Anarchie“. Gemeinsam mit Franz Walter verfasste er in dieser Zeit auch bis heute viel gelesene und oft zitierte Bücher zu SPD und FDP.

Vor allem aber war Peter Lösche ein Hochschullehrer, der leidenschaftlich und fesselnd unterrichtete. Stets motivierte er zur thesenartigen Zuspitzung und klaren Pointierung der eigenen Meinung und nichts machte ihm mehr Freude als offen artikulierter Widerspruch und eine scharfe, lebendige Diskussion im Seminar. Wo Argumente und Meinungen aufeinanderprallten, fühlte sich Peter Lösche am wohlsten: Dann leuchteten seine Augen. Viele seiner Schüler – unter ihnen der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel ­– erinnern sich an Peter Lösches Seminare als prägende Orte der intellektuellen und politischen Sozialisation.

Peter Lösche hat ein reiches Leben gelebt und auch abseits der Wissenschaft, von der er sich nie auffressen lassen wollte, immer wieder nach neuen Erfahrungen gesucht. Seine große Leidenschaft war über Jahre das Bergsteigen. Oben über den Gipfeln, hat er einmal gesagt, sei man so nahe bei sich selbst wie sonst nie.

Wir trauern um einen klugen Politologen, einen engagierten Lehrer und großartigen Freund. Peter Lösche wird uns fehlen.