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Aktuelles

Göttinger Institut für Demokratieforschung
1. Mai 2010

Prof. Walter erklärt: Was will es und wohin soll es führen?

Das am 1. März 2010 offiziell konstituierte Göttinger Demokratie-Institut beabsichtigt, wissenschaftliche Analyse, öffentliche Vermittlung, Didaktik und Beratung miteinander zu verbinden. Was sonst oft auseinander fällt, soll hier verknüpft werden: Forschung und Transfer, Universität und Schule, Hochschule und Gesellschaft, Politik und Didaktik. Entscheidend ist, dass sich die Ebenen gegenseitig befruchten, also Ergebnisse der Forschung adressatenorientiert sind, umgekehrt aber Fragen wie Kritik der Adressaten die politische Wissenschaft zu neuen Studien, Erklärungen, Begriffen anregen sollen/ müssen.

Dergleichen ist so gewöhnlich nicht. In Deutschland ist die Krise der Sozialwissenschaft nicht zuletzt dadurch zu erklären, dass sie sich in einem abgeschlossenen universitären Binnenraum zurückgezogen, mehr und mehr auch auf eine Beteiligung an zeitgeschichtlichen Forschungen und Debatten verzichtet hat. In Amerika, Frankreich, England und etlichen weiteren Ländern ist das anders; Wissenschaftler suchen dort mit Gewinn den Zugang zu den Debatten und Problemen der Gesellschaften.

Auf Dauer kann ein demokratischer Staat jedenfalls nur ein begrenztes Maß von Demokratieunverständnis ertragen. Denn je mehr dergleichen grassiert, desto geringer ist die aktive und passive Beteiligung bei Wahlen, desto weniger Bürgerinnen und Bürger beteiligen sich durch eigenes Engagement und Meinungsäußerungen an der Ausgestaltung und am Erhalt der demokratischen Gesellschaft. Es liegt in ihrem Selbsterhaltungsinteresse, die Parteien- und Politikverachtung nicht einfach hinzunehmen. Ansonsten droht ein Schwund an konstitutionellen Werten zugunsten einer eher populistischen Erregungs- und Empörungsgesellschaft.

Natürlich: Es geht nicht um pure Apologie der gegebenen politischen Verhältnisse. Nicht jede Kritik an den politischen Konstellationen in der deutschen Republik beruht lediglich auf Vorurteilen, Ressentiments oder Ignoranz. Mit einigem Recht wird schließlich – wie oben bereits ausgeführt – auf Repräsentationslücken im Bereich der Parteien und Parlamente hingewiesen, da ressourcenschwache Bevölkerungskreise hier offenkundig nur wenige Partizipationsmöglichkeiten finden. Die Kommunikation zwischen politischen Eliten und der Bevölkerung ist unzweifelhaft defizitärer geworden. Es ist nicht absurd, die Frage aufzuwerfen, ob die politische Klasse ihrer Orientierungs- und Zielfindungsfunktion hinreichend gerecht wird oder ob Politik im offiziellen Diskurs zuletzt nicht zu sehr als alternativloser Vollzug technisch-ökonomischer Zwänge aufgefasst wurde. Doch gerade weil einige dieser Probleme real existieren, kommt es erst recht auf Einsichten in die Komplexitäten moderner Gesellschaften und demokratischer Verfahrensweisen an.

Es ist problematisch, aber gleichwohl weithin Usus, nach vermehrter „politischer Bildung“ erst dann zu rufen, wenn das Kind gewissermaßen schon in den Brunnen gefallen ist, wenn Extremisten in die Parlamente gelangen, Rechtsradikale ihre Milieunetze in Jugendkulturen schon weit ausgeworfen haben, gar zu militanten Exzessen in der Lage sind. Indes, „Politische Bildung“ funktioniert gerade in der Rolle nicht, die sie in den letzten Jahren oft genug zugewiesen bekommen hat: Die der Feuerwehr oder des Ausputzers. Politische Bildung darf nicht zu spät kommen, sie hat rechtzeitig in differenzierten Sozialisationsprozessen weichenstellend anzusetzen und gezielt Orientierungen im Hinblick auf die Werte der Demokratie zu geben.

Dabei beschränkt sich der Bildungs- und Didaktikbegriff des Göttinger Instituts keineswegs allein auf schulische Bildung. Politische Bildung findet immer dort statt, wo es um die Vermittlung demokratischer Prozesse und der Funktionsweise unseres politischen Systems in eine weitere Öffentlichkeit geht. Da es offenbar weiten Teilen der Öffentlichkeit zunehmend am Verständnis jener politisch-demokratischen Abläufe mangelt, welche tagtäglich in Ministerien, Verwaltungen und Parteien vollzogen werden, bedeutet politische Bildung und Demokratiedidaktik die Verbesserung des Kommunikationsprozesses zwischen politischen Akteuren und Bürgern.

Ein Institut dieses Charakters gibt es in Deutschland bislang nicht. In Göttingen sollen nun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einer neuen Generation mit neuem Anspruch forschen, denken und diskutieren, denen es um Synthesen aus gediegener Wissenschaft und inspirierender Publizistik auch zu den großen geistigen Fragen der Zeit geht. Mit anderen Worten: Im anvisierten Institut werden die Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse für die Professionellen der Politik/Medien und für die interessierte Öffentlichkeit übersetzen. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den politischen und sozialen Problemen der Gesellschaft soll überdies spannend, farbig und ausdrucksstark formuliert, dadurch für die Praxis handhabbar und nutzbar gemacht werden, soll schließlich auch die Kultur der Debatten in der deutschen Republik (mit-)prägen.

Für den Instituts-Standort Göttingen sprach für die Initiatoren, dass es an der Georgia Augusta eine entsprechende didaktische Tradition gibt, die 1956 der Soziologe und spätere Universitätspräsident Helmuth Plessner hier begründet hat. Es war geradezu charakteristisch für die Persönlichkeit Plessners, dass er über sein Fach hinaus, intellektuell öffentliche Wirksamkeit erreichen wollte. Zusammen mit einem weiteren Soziologen, Willy Strelewicz, schuf er Seminarkurse, die insbesondere in den kleineren Städten der Göttinger Umgebung stattfanden, auch um die Universität zu öffnen, auch um Impulse aus der Nicht-Fachwelt in den akademischen Diskurs ein- bzw. rückfließen zu lassen. Auf diesem Terrain der die Hochschule transzendierenden Erwachsenenbildung – den extra-mural courses – arbeiteten seinerzeit junge Nachwuchswissenschaftler, die in späteren Jahren zu Berühmtheiten in der akademischen Welt avancierten: so Thomas Nipperdey, Hans-Peter Dreitzel, Peter von Oertzen, Karl Otmar Freiherr von Aretin, Christian von Ferber u.a.

Solche Einrichtungen strahlen über die Universität hinaus. Sie sind ein Zeichen, dass sich weder Wissenschaft noch Politik verkriechen, nicht zu selbstreferentiellen Kasten mutieren, wie oft unterstellt wird. Um das immer wieder deutlich zu machen, sollte auch ein Institut für Demokratie-Forschung öffentliche Arena sein, also auch Gastdozenten aus den Bereichen von Politik, Kultur, Kommunikation auftreten und diskutieren lassen.

Der frühere Bundestagsabgeordnete und spätere Professor für Politische Wissenschaft Ulrich Lohmar hat die Absicht, die auch hier verfolgt wird, bereits 1968 (damals ergebnislos) formuliert:

„Wir brauchen, wenn diese wechselseitige Befangenheit und Fremdheit überwunden werden soll, nicht nur neue Informationssysteme technologischer Art, etwa in der Datenverarbeitung. Wir benötigen vor allem einen neuen Typ von Dauerberatern, von „Dolmetschern“ zwischen Staat, Wissenschaft und Wirtschaft, der die wechselseitigen Sprachen, Probleme und Aufgaben im vollen Sinne des Wortes übersetzen kann. […] Was wir unmittelbar und für die nächste Zukunft bräuchten, wäre ein Forschungsinstitut, das als eine Art Clearing-Zentrum für Kommunikation und Organisation zwischen Staat, Wirtschaft und Wissenschaft wirken könnte.“

42 Jahre nach Lohmars Appell war es einfach an der Zeit, ein solches Zentrum zu konstituieren.